Kreis Kleve: Blutegel statt Antibiotika für kranke Kühe

Kreis Kleve : Blutegel statt Antibiotika für kranke Kühe

NRW-Minister Remmel fordert eine drastische Reduzierung des Antibiotika-Einsatzes in der Nutztierhaltung. Der Einsatz alternativer Therapien wird aber durch Gesetze erschwert. Zudem sind alte Methoden in Vergessenheit geraten.

Schon 1500 vor Christi haben die Babylonier um die heilende Wirkung der Blutegel-Therapie gewusst. Im Mittelalter setzten Heilkundige in einem solchen Ausmaß auf die Fähigkeiten der blutsaugenden Würmer, dass nicht nur mancher Patient starb, weil ihm bis zu 80 der Tiere angesetzt wurden, sondern dass auch die Blutegel zumindest in unseren Breiten inzwischen so gut wie ausgerottet sind. Doch seit der Havard-Professor Joe Upton 1985 dank des Einsatzes von Blutegeln die Transplantation eines Ohres gelang, hat nicht nur in der Humanmedizin die Rückbesinnung auf die alte Therapie begonnen — auch in der Tiermedizin.

Die Wirkung der Therapie ist zurückzuführen auf die spezielle Zusammensetzung des Blutegelspeichels, der in die Wunde gelangt, wenn der Ringelwurm Blut saugt. Wichtigster der 15 identifizierten Stoffe im Speichel ist das Hirudin — ein Enzym, das gerinnungshemmend wirkt, das Blut dünnflüssiger macht und die Bildung von Gerinnseln (Thrombosen) verhindert. Unterstützt wird es dabei von Calin, einer Substanz, die für die etwa zwölf Stunden dauernde Reinigung der Wunde und des Gewebes durch Nachbluten sorgt. Festgestellt wurden auch entzündungshemmende Egline und Hyaluronidase, die antibiotisch und gefäßerweiternd wirken sollen. Ebenfalls erweiternd auf die Adern wirkt eine histaminähnliche Substanz

Im Versuchs- und Bildungszentrum Landwirtschaft (Haus Riswick), einer Einrichtung der Landwirtschaftskammer NRW in Kleve, setzt sich die staatlich geprüfte Landwirtin und Tierheilpraktikerin Anja Hauswald (38) für den Einsatz der Blutegel-Therapie in der Nutztierhaltung ein. Seit mehr als einem Jahr macht die 38-Jährige bei der Behandlung der Kühe im Öko-Stall auf Haus Riswick mit den blutsaugenden Tieren "beste Erfahrungen". Waren die Heilungschancen bei Strichverletzungen am Kuheuter, die relativ häufig vorkommen, mit den üblichen Methoden laut Anja Hauswald "miserabel", so hat die geprüfte Landwirtin keine derart erkrankte Kuh mehr verloren, seit sie vor eineinhalb Jahren erstmals Blutegel ansetzen ließ. Einsetzbar sind die Blutsauger auch bei Muskel-, Gelenkbeschwerden, Gefäß- und Hautkrankheiten.

Doch während Blutegel bei Pferden seit Jahren als Heiler zum Einsatz kommen, gibt es im Kreis Kleve laut Anja Hauswald noch keinen Landwirt, der die Blutsauger bei seinen Rindern ansetzt. "Ein Grund mag sein, dass die Therapie noch nicht bekannt ist", meint die 38-Jährige. Zwar hat das Klever Versuchs- und Bildungszentrum schon Seminare für Nutztierhalter dazu angeboten, für die es auch zahlreiche Anmeldungen gab. Zustande kamen die Lehrgänge dennoch nicht — aus gesetzlichen Gründen. Blutegel gelten als "Fertigarzneimittel", die apothekenpflichtig sind und an Tieren nur vom Tierarzt angesetzt werden dürfen. "Deshalb hätte ein Seminar für Nutztierhalter wenig Sinn, da sie die Blutegel nicht selbst ansetzen dürfen", sagt Anja Hauswald.

Die geprüfte Landwirtin empfindet dies als besonders ärgerlich, da NRW-Minister Johannes Remmel einerseits in diesem Frühjahr gefordert habe, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung innerhalb von zwei Jahren um mindestens 50 Prozent zu reduzieren. "Andererseits wird derjenige, der Antibiotika-Alternativen wie Blutegel nutzt, fast in die Illegalität getrieben", sagt Anja Hauswald.

Dass die Landwirte selbst vor dem Einsatz der (noch) ungewöhnlichen Therapie zurückschrecken würden, befürchtet die 38-Jährige nicht. "Landwirte sind längst nicht so konservativ, wie viele denken", versichert die Mitarbeiterin des Versuchs- und Bildungszentrums. Auch in den zahlreichen anderen Naturheil-Seminaren, die auf Haus Riswick angeboten werden, säßen allenfalls fünf bis zehn Prozent Biobauern. "Die anderen wirtschaften konventionell", sagt Anja Hauswald.

Ähnlich beurteilt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer Rheinland in Bonn die Einstellung der Landwirte zu Naturheilverfahren: "Der Bauer probiert sie aus — wenn sie helfen, nutzt er sie auch. Erst recht, wenn es sich auch rechnet." Und das dürfte beim Blutegel der Fall sein. Denn einerseits kostet ein Blutsauger lediglich fünf bis zehn Euro. Andererseits ist ein Antibiotikum nicht nur teurer, sondern die Milch der mit einem Antibiotikum behandelten Kühe darf erst mal nicht mehr verkauft werden.

(RP/rl)
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