Biologen der Naturschutzstation Niederrhein untersuchen Vielfalt

Kreis Kleve : Gestorben wird leise

Bei jeder aktuellen Untersuchung über die biologische Vielfalt fällt das Urteil verheerend aus. Etliche Tierarten und Pflanzen sind in ihrer Existenz bedroht. Wie es um die Situation vor Ort bestellt ist, können die Biologen der Nabu-Naturschutzstation Niederrhein beurteilen. Ihre Bewertung fällt ebenso besorgniserregend aus. Jedoch gibt es an wenigen Stellen dezente Verbesserungen.

Der Schreibtisch des Biologen ist die Natur. Dietrich Cerff (51) ist Biologe und sitzt dennoch immer mehr in seinem Büro. Er teilt sich den Raum mit drei Mitarbeitern der Naturschutzstation Niederrhein. Seit 2012 ist sie im Kranenburger Industriegebiet „Hammereisen“ angesiedelt. Zwischen Autowerkstätten und Anlagenbauern.

Dennoch kann Cerff von seinem Arbeitsplatz aus ins Naturschutzgebiet Kranenburger Bruch schauen. Er ist seit 2003 bei der Station am Niederrhein beschäftigt und Geschäftsführer. Zu seinen Aufgabengebieten gehören mehrere Bereiche wie das Kranenburger Bruch, der Wald, grenzüberschreitender Naturschutz und die Öffentlichkeitsarbeit.

Der 51-Jährige studierte Biologie in Freiburg, arbeitete zuvor an zwei anderen Naturschutzeinrichtungen, bevor er nach Kranenburg kam. Der Niederrhein ist für ihn eine abwechslungsreiche, interessante und wertvolle Landschaft, die sich hinter keiner anderen verstecken müsse. „Ich kam aus dem Schwarzwald mit einer skeptischen Haltung an den vermeintlich flachen Niederrhein und wurde eines Besseren belehrt. So sind etwa die 140 bis 240 Jahren alten Buchen- und Eichenbestände auf dem Geldenberg etwas ganz Besonderes“, sagt er. Auch das Kranenburger Bruch sei mit seiner Feuchtvegetation und etlichen Arten für Botaniker ein Paradies. Doch auch um Paradiese muss man sich Sorgen machen.

Für den Kranenburger Biologen gibt es derzeit vor Ort ein großes Problem, das von nahezu allen Wissenschaftlern so gesehen wird. Über Jahre hinweg stiefmütterlich behandelt, wird jetzt deutlich: Die Insekten fehlen. „Ihnen ist zweifellos zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden“, sagt er und nimmt sich da nicht aus. Man habe sich offenbar zu sehr um Otter, Biber oder Weißstorch gekümmert, so Cerff. Niedliche Lebewesen, die sich auch als Kuscheltier eignen. Der Artenschutz konzentrierte sich bislang hauptsächlich auf Vögel und Pflanzen, auch die Wissenschaft widmet sich vor allem diesen Arten.

Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird von einem stummen Frühling gesprochen. Der Satz stammt von der amerikanischen Biologin Rachel Carson, die vor über 30 Jahren zum Verbot des Insektengifts DDT führte. Carson erklärte ihren Landsleuten, dass die Vögel sterben, wenn es keine Insekten gibt.

So hat allein die Zahl der Fluginsekten in den vergangenen Jahrzehnten um etwa 75 Prozent abgenommen. Zu erkennen ist es etwa an Straßenlaternen, die einst von Nachtfalter umschwirrt wurden. Oder an unbefleckten Windschutzscheiben. Musste man früher an jeder Tankstelle mit einem Schwamm eine Schicht Kleinstlebewesen von Scheiben und Scheinwerfern abschrubben, bleiben diese heute nahezu blank. Das Thema Insektenschwund ist groß aber unterbelichtet. Die Lebewesen sind weniger öffentlichkeitswirksam. Sie sterben leise. Cerff berichtet von einem Projekt aus England. Dort fahren Fahrzeuge mit einer vor das Auto geschraubten normierten Platte regelmäßig bestimmte Strecken ab. So wird untersucht, was an Insekten noch herumschwirrt.

Der Biologe erklärt: „Wenn weniger Insekten durch die Luft schwirren, stört das den Menschen erstmal nicht. Viele Vögel bekommen den Rückgang aber deutlich zu spüren, denn sie verlieren ihre Nahrungsgrundlage. Das Problem fängt aber schon an der Basis an. Wenn Wildpflanzen fehlen, ist dadurch zwangsläufig auch das Ende der Nahrungskette betroffen.“ Vor Ort sind etwa Blumenwiesen extrem rar geworden, ebenso Feuchtgebiete aller Art.“ Jeder Streifen werde genutzt, um die Anbaufläche zu vergrößern. „Ein falsches Signal. Wenn ein Bauer naturschutzfreundlich wirtschaftet, riskiert er die Streichung von Fördermitteln. Eine völlig verfehlte Agrarpolitik. Doch gibt es auch eine Reihe von Landwirten, die da nicht mehr mitmachen wollen“, sagt der Naturschützer.

Die Hälfte aller Lebewesen auf der Erde sind Insekten, so Dietrich Cerff. Dass der Schwund vor der Haustür angekommen ist, erkennt man nicht allein an wenig verschmierten Autoscheiben. Der Biologe rät, sich an einem schönen Sommertag in den Garten zu setzen, um Schmetterlinge zu zählen. Es dürfte schwer werden, überhaupt welche zu sehen. „Der Kleine Feuerfalter gilt als potenziell gefährdet, selbst das Tagpfauenauge sieht man nur hin und wieder. Falter die sonst zum Bild eines Gartens dazugehörten“, sagt der Biologe.

Doch gibt es in der Region an einigen Stellen auch Verbesserungen, wo die Qualität des Lebensraums und die Population gestiegen sind. Als ein Beispiel nennt Cerff die Niers: „Das Wasser ist sauberer. Dadurch ist die Zahl der Fließgewässerlibelle gestiegen.“ Häufiger sind ebenso Kolkrabe, Seeadler oder Dachs zu sehen. Hauptgrund bei diesen Arten ist jedoch, dass diese Tiere nicht mehr verfolgt werden dürfen. Ein weiteres positives Beispiel ist das Blaukehlchen. Der Vogel besiedelt geeigneten Lebensraum recht schnell.

Vor Ort wird der Turmfalke langsam aber stetig seltener. Nur in Mäusejahren kann sich der Bestand des Vogels vorübergehend erholen.. Ebenso wie das eines wunderschönen Schmetterlings, der den Namen Bläuling trägt.

Blumenwiesen sind für Insekten ein Paradies. Nach über 20 Jahren extensiver Pflege sind wieder einige bunte Blumenwiese in der Düffel entstanden. Foto: Stadt Nettetal
Der Stör ist eine der am stärksten gefährdetsten Tierarten in Europa. Illegale Befischung, Gewässerausbau und -verschmutzung haben ihn in den meisten Flüssen aussterben lassen. Foto: DPA/H. Frei
Der Turmfalke war nicht ohne Grund Vogel des Jahres 2007. Die Bestände kennen seit Jahren nur eine Richtung: Sie gehen kontinuierlich bergab. Foto: Tanja Brandt
Im Reichswald kaum mehr zu finden: die Waldbeere. Foto: Bretz Andreas/Bretz, Andreas (abr)
Turteltauben finden nicht mehr genug Sämereien von Wildpflanzen, um genügend Jungvögel groß zu ziehen. Foto: dpa/-
Blumenwiesen sind für Insekten ein Paradies. Nach über 20 Jahren extensiver Pflege sind wieder einige bunte Blumenwiese in der Düffel entstanden. Foto: Nabu
Der Biologe Dietrich Cerff (51) arbeitet seit 2003 bei der Naturschutzstation Station Niederrhein. Foto: Markus van Offern (mvo)

In der von Dietrich Cerff eingangs als wertvoll und abwechslungsreich beschriebenen Landschaft wird deutlich: Im grünen Bereich sind etliche Pflanzen und Tierarten nicht (siehe Bilder). Ziel der Naturkundler ist es, Lebensräume zu schützen und zu verbessern. Denn klar ist: Nur Vielfalt sichert Vielfalt.