Bedburg-Hau: Beuys nach Beuys erleben

Bedburg-Hau: Beuys nach Beuys erleben

Mit einem neuen Ansatz für die Interpretation der Arbeiten von Joseph Beuys bietet die Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin Dr. Barbara Gronau eine Auseinandersetzung mit dem Werk des Künstlers an, die auch heute noch das Darstellende, die Aktionen erlebbar machen könnten.

bedburg-hau-moyland Als Barbara Gronau zum ersten Mal mit Arbeiten von Joseph Beuys konfrontiert wurde, war der Bildhauer schon zwei Jahre tot. 1988 sah sie als 17-jährige Werke aus der Sammlung van der Grinten in der Ostberliner Station der Ausstellung "Beuys vor Beuys". All das, was sie von Kunst bisher kannte — "wir waren ja im sozialistischen Realismus geschult", sagte sie jetzt in Moyland — war mit einem Mal über Bord geworfen. Es hatte die Wirkung eines heilsamen Schocks. "Das ,Pflaster über der Wunde' und wie es in diesem einfachen Zeichen die Motive von Leid, Streben und Tod erahnen ließ, das hat mich mit existenzieller Wucht getroffen", sagt die Berliner Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin. Beuys sollte sie nicht mehr loslassen: Jetzt ist Barbara Gronau die erste Preisträgerin des Joseph Beuys Preises für Forschung. (Wir berichteten). Der soll jungen wissenschaftlichen Nachwuchs auszeichnen, der sich auch interdisziplinär mit den Arbeiten des Klever Bildhauers auseinandersetzt.

Auch Gronau kommt aus einer anderen Disziplin: Sie studierte Philosophie, Theater- und Literaturwissenschaften in Berlin und Wien. In ihrer Dissertation setzte sie sich intensiv mit den Aktionen und Performances, vor allem mit der Beuys-Aktion "Celtic+---", auseinander. Zog den berühmten, über mehrere Säle verteilten Block Beuys im Darmstädter Museum, hinzu.

Gronau kennt Beuys also nur aus seinen Werken — den Redner, den Aktionskünstler, Schamanen oder Schauspieler hat sie nicht kennengelernt. Dennoch war es genau jener Beuys, der sie nicht mehr losließ. "Ich fragte mich, wie man mit Beuys nach Beuys umgeht", sagt sie. Es fordere geradezu heraus, darauf mit theatralischen Mitteln zu schauen, erklärt sie. Beuys eben nicht nur mit dem Mittel der Kunstbetrachtung zu erklären, sondern ihn als Inszenierung zu erleben. Quasi Teil des Ganzen zu werden.

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Spannend vor allem ihr Interpretationsansatz: Bis jetzt galten nach den Aktionen Beuys' Arbeiten oft als abgelegt. Beispiel "Straßenbahnhaltestelle": Die einzelnen "Zutaten" zu der Aktion im deutschen Pavillon in Venedig galten bislang als Relikte dieser Aktion: das Stück Straßenbahnschiene, das Geschütz mit dem herausquellenden Kopf, das Bohrgestänge, mit dem Beuys in Venedig in die Tiefe bohrte. Gronau hingegen versucht auch hierin eine Inszenierung zu finden, die den Betrachter nicht als "Lesenden" des Werkes außen vor lässt, sondern ihn wieder in die Inszenierung hineinzieht.

Oder wie Prof. Dr. Armin Zweite es in seiner komplexen Laudatio sagte: Wie beim französischen Schriftsteller und Philosophen Diderot falle die vierte Wand zwischen Zuschauer und Theater hier eben zwischen Betrachter und Kunst. Der Betrachter werde vom Objekt zum Subjekt, das sich in das Werk einbringe. Das gilt nach Gronau auch für die Vitrinen oder für den Block Beuys: Es gelte nicht, einzelne Teile darin zu betrachten, sondern das Ganze zu erleben. Eine Herangehensweise, die das Performative, das Darstellende in Beuys Kunst auch weiter nach seinem Tod erlebbar machen könnte.

(RP/jul)