Bernd "Mom" Zevens aus Kleve im Interview

Menschen 2019 : Aufsteiger mit Bodenhaftung

Bernd Zevens (71) ist einer der erfolgreichsten Unternehmer Kleves. Er kommt aus kleinen Verhältnissen.

Das Schild ist klein, grau und leicht zu übersehen. „Zevens Grundbesitz“ steht darauf. In der dritten Etage des Backsteinbaus am Elefanten Oberstadt Centrum (Eoc) arbeitet ein Mann, der einen höheren Bekanntheitsgrad besitzt als Bürgermeister oder Bürgermeisterin. Die kommen und gehen, aber Mom bleibt. Mom ist der Spitzname von Bernd Zevens (71). In Kleve wird er so gerufen. Die drei Buchstaben stehen für eine außergewöhnliche berufliche Erfolgsgeschichte. Es ist die vom Tellerwäscher zum Millionär. Nur, dass es bei dem 71-Jährigen nicht der Tellerwäscher, sondern der Autoschlosser war.

Zevens wuchs in Verhältnissen auf, wie nahezu Klever nach dem Krieg. Wenig, aber genug zum Leben. Der Vater war Maurer, seine Mutter besaß einen Gemüseladen an der Königsallee. Früh hatte Zevens damit begonnen, eigenes Geld zu verdienen. Auf der Kegelbahn im Schweizerhaus stellte er Holzkegel auf oder trug Zeitungen aus. Nach seiner Lehre zum KfZ-Schlosser eröffnete er eine Tankstelle an der Materborner Allee. Er baute ein Haus und bekam ein Angebot dafür, das über den Baukosten lag. Er verkaufte und investierte das Geld sofort ins nächste Objekt. Es war der Grundstein für das heutige Imperium.

In den 80er und 90er Jahren nahm die Karriere Fahrt auf. In seiner Großraumdiskothek „World Center“ saßen er und seine verstorbene Lebensgefährtin hinter der Kasse. Die Disco gehörte ihm damals ebenso wie heute unter anderem das Rilano Hotel Cleve, der Kaufhof, das Eoc an der Hoffmannallee, Mehrfamilienhäuser, Hotels, Gewerbeimmobilien, Autohäuser, ein großes Tiefbauunternehmen – die Liste ließe sich fortsetzen. Er ist der Mann, der Teile der Kreisstadt besitzt und darüber hinaus. Der Klever registriert es eher beiläufig, wenn eine bekannte Immobilie den Besitzer wechselt und Zevens der neue Eigentümer ist. „Dat hät doch Mom gekoppt“, sagen sie. Aber nicht abschätzig. Denn das Schwergewicht ist auf dem Boden geblieben. Er spricht die Sprache der Leute, mit denen er aufgewachsen ist.

Der Arbeitsplatz von Bernd Zevens befindet sich in dem Gebäude mit historischen Wert. Einst waren hier die Lagerhallen der Hoffmann-Schuhwerke untergebracht, in einem Teil davon ist es jetzt der kaufmännische Bereich des Unternehmens. Ein Schild auf dem Gang mit der Aufschrift Bernd Zevens gibt es hier nicht. Mom hat kein Büro. Meistens sitzt er in einem seiner Mitarbeiter.

Als wir Bernd Zevens treffen, hat er am Beistelltisch eines Schreibtisches Platz genommen. In einem Wandregal stehen von Kindern gemalte Bilder. Es sind Dankeschön-Karten, wenn er etwas Gutes getan hat. Zevens trägt wie immer Jeans und Hemd und wirkt in sich ruhend. Zur Begrüßung gibt es einen festen Händedruck. Der Unternehmer erzählt vom Beginn seiner Karriere, dem Ausklingen und etwas von seinem Privatleben.

Guten Morgen Herr Zevens. Es ist jetzt 10.30 Uhr. Heute schon ein Haus gekauft?

Bernd Zevens Nein und das wird heute auch nichts mehr. Es geht nicht darum, möglichst viele Immobilien zu kaufen. Sie müssen passen, und der Preis muss stimmen.

Seit Ihrer Kindheit werden Sie nur Mom gerufen, weil Sie das Wort Bonbon nicht richtig aussprechen konnten. Mögen Sie den Spitznamen überhaupt?

Zevens Daran könnte ich jetzt sowieso nichts mehr ändern. Irgendwann fällt es einem auch nicht mehr auf. Ich glaube aber, er passt ganz gut zu mir.

Viele jüngere Klever kennen Sie nur als einen extrem erfolgreichen Geschäftsmann, der sich eine Immobilie nach der nächsten kauft. Gab es für Sie wirtschaftlich auch schlechtere Zeiten?

Zevens Ja, die gab es. Die ersten Jahre waren schwer. Das war damals ein ständiges Auf und Ab. Ab Ende der 80er Jahre lief das Geschäft dann immer besser. Zuerst habe ich das Schweizerhaus und Tiefbau Loock gekauft (1980, d. Red.). Dann kam das Autohaus Kleve (1988) dazu. Der Bau des „World Centers“ (1987/88) war ebenso eine gute Entscheidung wie später das Großprojekt Ruwel Werke in Geldern.

Bei dem angeschlagenen Gelderner Unternehmen aus steigerten Sie den Umsatz in einem Jahr von 34 Millionen auf 200 Millionen Euro. War das Ihre bislang beste Kaufentscheidung?

Zevens Wir haben bei Ruwel auf eine Zukunftstechnologie gesetzt. Es gehört immer Glück dazu. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, was man kaufen kann und wovon man besser die Finger lässt.

Holen Sie sich vor jedem Kauf einer Immobilie ein Gutachten ein?

Zevens Nein, es reicht fast immer, wenn ich einmal da durch laufe. Ich kenne die Quadratmeter, weiß, was an Miete reinkommt und sehe die Bausubstanz. Es geht beim Kauf nicht darum, den schnellen Euro zu machen. Wir wollen Häuser längerfristig halten.

Wissen Sie auswendig, wie viele Immobilien Sie besitzen? Und ob sie Ihnen gehört, wenn Sie daran vorbeifahren?

Zevens Auswendig kenne ich die  genaue Zahl nicht. Aber wenn ich an eiem Haus vorbeifahre, dann weiß ich, ob es mir gehört.

Sie sind jetzt seit mehr als 45 Jahren im Immobiliengeschäft. Glauben Sie, dass Verwaltungen generell korrumpierbar sind?

Zevens Ja. Aber ich habe so etwas noch nie versucht und werde es auch nicht tun. Einiges, was mit Zevens zu tun hatte, wurde eine Art nebulöser Struktur nachgesagt. Ich habe immer sauber gearbeitet.

Was sagen Sie zu Behörden oder Bauverwaltungen? Wie bewerten Sie deren Arbeit?

Zevens Unterm Strich war die Zusammenarbeit in Kleve vernünftig. Wir hatten damals das Hotel 1,30 Meter zu hoch gebaut. Es war nicht alleine unsere Schuld. Mit einer Geldstrafe sind wir aus der Nummer herausgekommen. Es geht immer darum, wie man miteinander umgeht.

Treffen Sie alle Entscheidungen alleine?

Zevens Im Team reden wir darüber. Was am Ende gemacht wird, entscheide ich. Weil ich dafür auch die Verantwortung trage.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie, wie merken Sie, ob man einem vertrauen kann?

Zevens 14 Mitarbeiter arbeiten hier bei Zevens Grundbesitz. Ich kann mich auf mein Bauchgefühl verlassen. Das sagt mir, was da für ein Typ vor mir steht.

Welche wirtschaftliche Entscheidung bedauern Sie, weil sie nicht zum Ziel führte?

Zevens Der Kauf der Union. Ich wollte daraus mit Clever Stolz etwas Nachhaltiges schaffen. Die Butter gehörte zu Kleve, und das wollte ich sichern. Es funktionierte nicht, weil der Preiskampf zu aggressiv war. Ich habe auch auf die falschen Leute gesetzt und es zu spät gemerkt.

Was bedeutet für Sie berufliche Zufriedenheit?

Zevens In einem Satz: Wenn man Spaß an dem hat was man tut und damit auch noch Geld verdient.

Was haben Sie von Ihren Eltern gelernt?

Zevens Fleiß, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit. Leute, die mich richtig kennen, wissen das.

Wie viele Stunden arbeiten Sie?

Zevens Ich bin jeden Tag etwa fünf bis sechs Stunden im Büro.

Apropos Arbeit. Wird mit dem kleinen Mann in Deutschland gerecht umgegangen, wenn er 45 Jahre arbeitet und davon nachher nicht leben kann?

Zevens Das ist eine Schande. Die Menschen werden alleine gelassen und so behandelt, als hätten sie extra nicht für später vorgesorgt.

Was halten Sie von der aktuellen Klimadiskussion?

Zevens Die ist wichtig. Ich kann die Mehrkosten verkraften. Aber der kleine Mann kann das nicht.

Wohin fahren Sie in den Urlaub?

Zevens Gerne nach Österreich. Eigentlich überall hin, wo deutsch gesprochen wird und ich alles verstehe.

Wie alt ist Ihr Mercedes? Kaufen Sie jedes Jahr einen Neuen?

Zevens Ich habe mir vergangenen Monat ein neues Auto gekauft. Den davor hatte ich acht Jahre. Ich kaufe mir immer einen schwarzen Mercedes, und der hat immer dasselbe Kennzeichen.

Sind Sie Mitglied in einer Partei?

Zevens Ich war ein guter Freund von Paul K. Friedhoff. Auch wegen meiner damaligen Beteiligung an Spectro. Über ihn bin ich damals der FDP beigetreten.

Sie statteten Schulklassen mit Computern aus. Ein Jugendheim trägt Ihren Namen. Zuletzt haben Sie die Kosten für ein Krankenhaus in Niger übernommen und einen OP-Container der Aktion „Pro Humanität“ in Benin finanziert. Es gibt den Werbeslogan „Tue Gutes und rede drüber.“ Sie tun es kaum.

Zevens Früher habe ich es überhaupt nicht getan. Mittlerweile ist es für mich kein Problem mehr, darüber zu sprechen. Mein Vermögen ist in die gemeinnützige Zevens-Stiftung übertragen worden. Alles, was daraus erwirtschaftet wird, kommt auch gemeinnützigen Zwecken zugute. Das Stammkapital muss in der Stiftung bleiben, der Ertrag geht an soziale Projekte.

Und Ihre Verwandtschaft?

Zevens Da muss sich niemand Sorgen machen.

Es heißt, sie hätten 24 Häuser gekauft und jedem aus dem engeren Familienkreis eins geschenkt.

Zevens Blödsinn. Aber in Kleve wird viel erzählt.

Sind Sie großzügig?

Zevens Als Kaufmann nicht, da muss man rechnen. Privat ja.

Wo engagieren Sie sich denn noch?

Zevens In mehreren Bereichen. Im Museum Kurhaus oder auch im Museum Schloss Moyland, bei Sport-, und Karnevalsvereinen oder der Singgemeinde. Ich versuche Leute, die sich ehrenamtlich engagieren, ein Stück weit zu entlasten. Mir liegen Netzwerke am Herzen, die Kindern ermöglichen am sozialen Leben teilzunehmen.

Sie haben mal den Viertligisten 1. FC Kleve mit 500.000 Euro pro Saison gesponsort. Wie viel geben Sie dem Verein heute noch?

Zevens Zu der Summe sage ich nichts. Heute unterstütze ich die Jugendarbeit mit einem nennenswerten Betrag.

Der 1. FC gehörte einst zu der Elite im Amateurfußballs. Ist auf dem Höhepunkt der Vereinsgeschichte nicht professionell gearbeitet worden, weil die Steuerfahndung das Geschäftsmodell auffliegen ließ?

Zevens Es sind Fehler gemacht worden. Aber von Leuten, die ehrenamtlich arbeiteten.

Was ist Ihr Fußball-Lieblingsverein?

Zevens Ich habe Spaß an Klubs, die mit einem geringen Etat viel erreichen. Dazu gehören zum Beispiel SC Freiburg oder Union Berlin.

Sind Sie lieber im Rotary Club oder beim 1. FC Kleve an der Theke?

Zevens Im Rotary Club bin ich überhaupt kein Mitglied.

Was essen und trinken Sie besonders gern?

Zevens Currywurst mit Pommes und trockenen Weißwein auf Eis.

Würden Sie sagen, Sie leben gesund?

Zevens In der Vergangenheit eher nicht. Aber in den letzten Jahren achte ich mehr darauf und lasse mich beim Arzt durchchecken.

Sie haben mal eine Schachtel Zigaretten am Tag geraucht.

Zevens Genau, jetzt ist es nur noch eine halbe.

Was bringt Sie aus der Ruhe?

Zevens Formalismus, Bürokratie, Entscheidungen, die sich unnötig hinziehen. Was mich auch ärgert ist, wenn mit einem Handschlag gemachte Absprachen nicht eingehalten werden. Unter Kaufleuten muss so etwas noch zählen.

Sie haben es sich nie anmerken lassen, dass Sie vermögend sind. Wie begegnen Sie Menschen, die aufgrund Ihres Geldes so auftreten?

Zevens Das interessiert und beeindruckt mich überhaupt nicht. Das ändert auch nichts an meinen Entscheidungen.

Gibt es etwas Wichtigeres als Geld?

Zevens Ganz viel. Geld erleichtert einiges. Ich wäre auch mit viel weniger zufrieden.

Wie viele echte Freunde haben Sie?

Zevens Die kann ich an einer Hand abzählen.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Zevens Ja, ich bin damit zufrieden, wie mein Leben verläuft. Es gibt immer wieder Schicksalsschläge, aber die muss jeder Mensch hinnehmen.

Welche waren das?

Zevens Zuletzt der Tod meines Bruders. Vorher der meiner Lebensgefährtin und meiner Enkelin.

Sie haben seit zwei Jahren eine neue Lebensgefährtin. Wo haben Sie sich kennengelernt?

Zevens Wir sind seit 2017 zusammen. Kennengelernt haben wir uns auf dem Oktoberfest in Kleve.

Ihre Freundin ist etwa 20 Jahre jünger als Sie. Interessiert es Sie, wenn darüber gesprochen wird?

Zevens Interessiert mich nicht. Aber besser 20 Jahre jünger als älter.

Einst wohnten Sie in einer 40 Quadratmeter Suite im Hotel Cleve. Sie sagten damals „Mehr brauche ich nicht.“ Und jetzt?

Zevens Meine Lebenssituation hat sich geändert. Wir wohnen jetzt zusammen auf dem Rilano Hotel. Waren es einst 40 Quadratmeter für eine Person, so sind es jetzt 100 für zwei. Die zehn Quadratmeter mehr gönne ich mir.

Sind Sie noch in der Kirche?

Zevens Ja - und da werde ich auch bleiben.

Haben Sie Angst vor dem Tod oder denken Sie gar nicht daran?

Zevens Eigentlich nicht. Wenn er da ist, ist er da.