Vier Tote in Bedburg-Hau Ermittlungen gegen Bewohner nach Brandtragödie in Altenheim

Update | Bedburg-Hau · In einer Pflegeeinrichtung in Bedburg-Hau ist am Montagmorgen ein verheerender Brand ausgebrochen. Vier Bewohner starben, 24 Menschen wurden verletzt. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen fahrlässiger Brandstiftung.

Bedburg-Hau: Brand in Altenheim – der Morgen danach – Fotos
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Spuren der Verwüstung nach Brand von Altenheim in Bedburg-Hau

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Foto: dpa/Christoph Reichwein

Bei einem Brand im Altenheim Haus Simon im Bedburg-Hauer Ortsteil Qualburg sind am frühen Montagmorgen vier Bewohner gestorben. Dabei handelt es sich um zwei Frauen im Alter von 50 und 74 Jahren sowie um zwei 66 Jahre alte Männer. Außerdem wurden 24 Menschen verletzt und ins Krankenhaus gebracht. Darunter befinden sich 21 Senioren, ein Polizist, ein Feuerwehrmann und eine Pflegekraft. Ein Mensch ist lebensgefährlich verletzt, fünf gelten als schwer verletzt. Insgesamt haben auf dem Gelände 71 Bewohner gelebt.

Weshalb der Brand ausbrach, ist Gegenstand von Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Gesichert scheint zu sein, dass die Flammen im Zimmer eines Bewohners ihren Ursprung hatten und dann auf weitere Räume übergriffen. Erste Informationen, wonach das Feuer dort durch eine glimmende Zigarette ausgelöst worden sei, wurden offiziell noch nicht bestätigt. Wie die Kriminalpolizei mitteilt, sei ein Brandsachverständiger hinzugezogen worden. Nach Angaben der Klever Staatsanwaltschaft richten sich die Ermittlungen gegen einen 71-jährigen Bewohner der Residenz, der verdächtigt wird, den Brand fahrlässig verursacht zu haben.

Bedburg-Hau: Großbrand in Seniorenheim ausgebrochen
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Großbrand in Seniorenheim in Bedburg-Hau ausgebrochen

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Foto: dpa/Christoph Reichwein

Nach Informationen unserer Redaktion waren zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Feuers zwei Pflegekräfte im Dienst. Am Morgen waren noch 46 Bewohner vor Ort, die von Kräften betreut wurden, auch medizinisch. Sie wurden nach und nach mit Bussen und Rettungswagen in Seniorenheime in Kleve und Goch gebracht. In der Gaststätte Martinuskrug in Qualburg wurde eine Anlaufstelle für Angehörige eingerichtet. Die Benachrichtigung der Hinterbliebenen und deren Betreuung erfolgte durch den polizeilichen Opferschutz.

„Das ist eine hochdramatische Situation, die an keinem spurlos vorbeigeht – auch nicht an uns Einsatzkräften. Alle stehen unter Schock“, sagte Michael Hendricks, Sprecher der Feuerwehr in Bedburg-Hau. 140 Einsatzkräfte waren in der Spitze vor Ort, um gegen die Flammen zu kämpfen. „In 30 Jahren bei der Feuerwehr habe ich ein solches Ausmaß noch nie erlebt. Das gilt für viele Kameraden“, sagte Hendricks. Und: „Die Löschmaßnahmen waren eine große Herausforderung.“

Die Feuerwehr war um 3.50 Uhr wegen eines Zimmerbrands über die automatische Brandschutzanlage verständigt worden. Als die Einsatzkräfte eintrafen, stand der hintere Teil des zweigeschossigen Hauses bereits im Vollbrand. So konnten Teilbereiche des Hauses nicht mehr betreten werden. Bewohner standen an den Fenstern und klopften, die Einsatzkräfte schlugen die Scheiben ein, wie Stephan Derks, Sprecher des Kreisfeuerwehrverbands Kleve, erklärte. Zunächst waren Feuerwehrleute aus Bedburg-Hau vor Ort, die auch die Reanimationen durchführten. „Sie mussten sich erst einmal einen Überblick verschaffen und hatten gleich alle Hände voll zu tun“, sagte Derks. Gegen 5.13 Uhr wurde ein sogenannter MANV ausgelöst, ein Einsatz mit einem Massenanfall an Verletzten. Kräfte aus den umliegenden Kommunen kamen hinzu. Der Verkehr an der B57 wurde großräumig umgeleitet.

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Foto: dpa/Marcel Kusch

In der Einrichtung waren viele Menschen mit psychischer Erkrankung untergebracht. Die Feuerwehr hatte das Haus aufgrund eines Defekts der Brandschutzanlage in Folge des Feuers für unbewohnbar erklärt. Im Laufe des Vormittags konnten Experten die Anlage reparieren. Die Einsatzleiter blieben aber bei der Entscheidung, die Bewohner zu evakuieren – zumal es an vielen Stellen im Haus Brandrückstände gibt. „Wir rücken von der Entscheidung nicht mehr ab“, sagte Derks.

Das Haus Simon gehört zur 2019 gegründeten Gruppe „newcare“, die bundesweit 36 Einrichtungen betreibt und rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt. Weitere Häuser in der Region gibt es in Kleve und in Till-Moyland. Auf Anfrage unserer Redaktion erklärte Geschäftsführer Markus Mitzenheim: „Wir sind zutiefst erschüttert, unsere Gedanken sind in dieser schwierigen Zeit bei den Familien und Angehörigen der Verstorbenen, aber auch bei den Verletzten. Unsere oberste Priorität liegt nun darin, den Betroffenen in jeder erdenklichen Weise beizustehen und sie bestmöglich zu unterstützen.“ Man sei Mitarbeitenden (viele opferten ihren freien Tag, um mitanzupacken), Rettungskräften, Feuerwehrleuten und Seelsorgern dankbar. Das Unternehmen mit Sitz in Essen teilt weiter mit, dass die Brandmeldesysteme in der Einrichtung sofort angeschlagen hätten. Die Brandschutzmaßnahmen würden regelmäßig überprüft und entsprächen den geltenden Sicherheitsstandards. Weiter heißt es: „Newcare kooperiert eng mit Polizei und Feuerwehr, um den tragischen Vorfall aufzuarbeiten und die genaue Brandursache zu ermitteln.“

Der Kreis Kleve teilt mit, dass man im Rahmen der „baurechtlich wiederkehrenden Prüfung“ regelmäßig Bereiche des Brandschutzes kontrolliere. Die letzte Prüfung habe am 14. November 2018 stattgefunden. Dabei seien keine Mängel festgestellt worden, so die Kreisverwaltung. Es seien lediglich Hinweise zur Prüfung und Wartung der Brandschutztüren und der technischen Anlagen gegeben worden. Die nächste Kontrolle ist demnach für November 2024 terminiert.

Landrat Christoph Gerwers hatte die Heimaufsicht verständigt, die mit dafür Sorge tragen sollte, dass die Bewohner unterkommen. „Wir müssen das schaffen und wir werden das auch hinbekommen“, sagte Gerwers. Kompliziert sei dabei, dass es sehr unterschiedliche Betroffene gebe: Menschen mit Demenz und psychischen Erkrankungen. Die Heimaufsicht des Kreises Kleve hatte die Einrichtung am 29. November im Rahmen einer Pflege-Kontrolle geprüft. Man habe keine Mängel festgestellt. Lediglich bei der ausreichenden Personalausstattung und der Fachkraftquote habe es „geringfügige Mängel“ gegeben, wie es vom Kreis Kleve heißt.

NRW-Innenminister Herbert Reul traf gegen 9.15 Uhr am Unglücksort ein. Er sprach von einem schwierigen Einsatz und zeigte sich betroffen. „Das haut einen um, das macht einen nachdenklich, das macht einen traurig“, sagte Reul. „Das ist eine sehr bedrückende Situation.“ Er dankte den Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr, die schnell beim Brand gewesen seien und sehr gute Arbeit geleistet hätten. „Ich finde es eindrucksvoll, wie sie das alles gemeistert haben und relativ schnell das Feuer im Griff gehabt haben und die allerallermeisten Menschen gerettet haben.“

Auch Bedburg-Haus Bürgermeister Stephan Reinders sprach von einer Tragödie. Er sei in dieser dunklen Stunde aber auch stolz auf die Kräfte der Freiwilligen Feuerwehr: „Es wurden ganz viele der Personen im Heim gerettet.“ Er sei sich sicher, dass für die Heimbewohner ausreichend Plätze gefunden werden. „Das bekommen wir hin.“

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hat sich nach dem Brand in einem Seniorenheim im niederrheinischen Bedburg-Hau bestürzt gezeigt. „Diese Tragödie ist einfach schrecklich und fasst einen an. Ich bin in Gedanken bei Betroffenen und Angehörigen, wünsche den Verletzten schnelle Genesung“, schrieb der nordrhein-westfälische Regierungschef am Montagmittag auf der Onlineplattform X (vormals Twitter). Zugleich dankte er den Einsatzkräften und den weiteren Helfern.

(ldi mit Material von dpa)
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