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Amadou Diallo aus Guinea lebt in Kleve und baut in seiner Heimat eine Schule

Verein „Hawa“ : Wie Amadou Diallo von Kleve aus Guinea helfen will

Im Jahr 2015 kam Amadou Diallo nach Kleve. Die letzten Jahre waren persönlich schwer für ihn. Nun will der Mann im von Perspektivlosigkeit geprägten Guinea eine Berufsschule bauen.

Amadou Diallo blickt auf schwere Zeiten zurück. In den vergangenen anderthalb Jahren starben seine Eltern in Guinea, sein Bruder ertrank bei der Flucht übers Mittelmeer. Zudem erlag seine Ehefrau Hawa einem Herzversagen. „Meine Kinder geben mir den Mut, dennoch weiterzukämpfen“, sagt der 33-jährige Elektriker aus Kleve.

Amadou Diallo kam 2015 nach Deutschland, fand seinen Platz in der Kreisstadt. „Wir haben eine neue Heimat gefunden. Ich habe hier unglaublich viel Solidarität erfahren“, sagt der Vater von drei Kindern im Alter von zwei, fünf und zehn Jahren. Wenn Diallo an seine Heimat denkt, dann wird er traurig. Schließlich fehle es an allem, vor allem aber an Perspektiven für junge Menschen. „Guinea wird von Chaos, Kriminalität, Familienstreitigkeiten und Gewalt geprägt. Außerdem ist der Bildungsgrad katastrophal. Nach der Grundschule kann sich kaum einer mehr die weiterführende Schule leisten – es sei denn, man ist richtig reich“, so Diallo.

Zum Hintergrund: Im westafrikanischen Guinea leben knapp 13 Millionen Menschen, Tendenz klar steigend. Die Analphabetenquote liegt bei fast 60 Prozent, der Staat wird de facto von einer Militärdiktatur regiert. Doch der Vater will etwas an den Verhältnissen in seiner Heimat ändern. „Die jungen Leute haben nichts zu tun. Da wundert es auch nicht, dass viele kriminell werden. Sie müssen endlich echte Chancen bekommen. Von der Politik ist da nicht viel zu erwarten. Ich will nicht, dass weiter Männer wie mein Bruder Hals über Kopf die gefährliche Flucht nach Europa antreten“, sagt Amadou Diallo.

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So kam er vor zwei Jahren auf die Idee, in seinem 2000-Einwohner-Heimatdorf Thiangel Bory eine Berufsschule nach deutschem Vorbild zu bauen. Von seinem verstorbenen Vater hatte der 33-Jährige ein 8000 Quadratmeter großes Grundstück geerbt. „In der Schule sollen die Schüler handwerkliche Berufe erlernen, damit sie langfristig auf dem Arbeitsmarkt bestehen. Ich will für das Gebäude sorgen. Der Schulbetrieb soll dann dadurch finanziert werden, dass die Schüler das verkaufen, was sie im Rahmen ihrer Ausbildung herstellen“, sagt der 33-Jährige. Bislang sei es in der Region üblich, dass die Lehrer den Nachwuchs monatlich bitten, bei den Eltern Geld für die Lehre aufzutreiben.

„Das wäre in Deutschland natürlich absolut unvorstellbar. Ich kann mich daran erinnern, dass hier mal ein Mann in die Berufsschule kam, der prüfen musste, ob das Licht nicht schädlich für die Schüler sein könnte. Bei uns ist man froh, wenn es überhaupt Licht gibt“, sagt Amadou Diallo. Schließlich sei die Stromversorgung in Guinea miserabel, während das Internet gut funktioniert. Die Fortschritte auf der Baustelle verfolgt der Familienvater rund um die Uhr über eine kleine Überwachungskamera.

Mittlerweile steht das Erdgeschoss stabil. In den drei Etagen sollen insgesamt acht Klassenräume eingerichtet werden, zudem Toiletten für Männer, Frauen und Menschen mit Behinderung. Auch Büros, Werkstätten, eine Bibliothek sowie ein Duschraum sind geplant. Die Pläne hat Amadou Diallo selbst an seinem Laptop angefertigt, in Westafrika packen Arbeiter für ihn an. Doch nicht immer ist die Zusammenarbeit mit seinen Landsleuten unkompliziert. „In den Schulen wird den Leuten nichts praktisch erklärt. Alle wissen, was eine Glühbirne ist, aber keiner, wie man sie zum Leuchten bringt“, sagt Amadou Diallo. Diese Grundlagen aber seien im Kampf gegen die Armut absolut unabdingbar.

Im vergangenen Jahr hatte der Ehrenamtler bereits einen Container voll mit Möbeln gen Guinea geschickt, um die dortige Realschule auszustatten. Spender aus dem Kleverland hatten sich großzügig an der Aktion beteiligt. Stühle, Tische, Schreibmaterialien und Tafeln nahmen die Lehrer dankend in Empfang. Doch ehe die Tafeln entsprechend genutzt werden konnten, dauerte es eine Weile. „Monatelang standen die Tafeln auf dem Boden, weil niemand wusste, wie man sie anbringt. Das musste ich dann machen, als ich vor Ort war. Man hat mich mit großen Augen angesehen, als ich die Bohrmaschine ausgepackt und die Tafeln sicher angebracht habe“, erinnert sich Amadou Diallo.

Doch weil der Neubau eine Menge Geld kostet, hat der Mann aus Guinea nun den nach seiner Frau benannten Verein „Hawa“ gegründet. „Um Spenden zu sammeln, geht es nicht ohne die Strukturen eines Vereins. So können wir deutlich effektiver arbeiten“, sagt Diallo, der im kommenden Jahr wieder nach Westafrika reisen will, um dort die Baumaßnahmen voranzutreiben. Die Fachkenntnis bringt er mit. Corona bereitet Guinea übrigens aktuell keine allzu großen Sorgen. „Vor einigen Jahren hat unser Land schwer unter Ebola gelitten. Daher wurden damals die Hygienevorkehrungen massiv verschärft. Die Leute wissen, wie sie sich jetzt verhalten müssen“, sagt Amadou Diallo.

Wer Mitglied im Verein werden will, zahlt einen Jahresbeitrag von 50 Euro, Studenten weniger. Allerdings hofft der Vorstand auf größere Summen von bereitwilligen Spendern. „Die westliche Entwicklungshilfe muss anders gedacht werden. Die Gelder kommen in Ländern wie Guinea praktisch nie in den untersten Strukturen an. Korrupte Eliten verwalten den Reichtum unter sich. Daher muss das Konzept die Hilfe zur Selbsthilfe sein“, sagt Maria Schneider-Bleß, Mitgründerin des Vereins. Im Team arbeiten die Ehrenamtler unermüdlich an der Umsetzung des großen Traums von einer modernen Berufsschule. Allen voran Amadou Diallo. Er sagt: „Ich will zeigen, dass man in meiner Heimat Strukturen langfristig verbessern kann. Hoffentlich sehen auch andere Dörfer in der Region, wie es funktioniert. Ich will einfach vermitteln, dass Wissen Macht ist. Sonst läuft ein ganzes Land weiterhin in der Dunkelheit.“