Kalkar: Als Bäckergeselle auf die Walz

Kalkar : Als Bäckergeselle auf die Walz

Erst vor wenigen Wochen hat Albert Wissigkeit als Prüfungsbester seine Bäckerlehre beendet. Am Freitag beginnt für den 19-Jährigen ein besonderer Lebensabschnitt: Für drei Jahre und einen Tag geht es auf Wanderschaft.

Recht ungelenk beginnt am Freitag das große Abenteuer von Albert Wissigkeit. Der 19 Jahre alte Bäckergeselle geht auf die Bäckerwalz. Und wie es sich für den Beginn einer Walz gehört, muss Winnigkeit über das Ortsschild seiner Stadt — in diesem Falle Kalkar — klettern. Danach geht der frische Bäckergeselle raus in die weite Welt — für drei Jahre und einen Tag. "Ich will viel sehen und tolle Menschen kennenlernen", sagt er.

"Sofort gedacht — das machste!"

Albert Wissigkeit wird in den kommenden drei Jahren in verschiedenen Bäckereien in Deutschland und der Welt arbeiten. Da, wo ihn seine sieben Sachen, unter anderem die traditionelle Kluft, Zylinder und ein Stenz (Wanderstock), so hintreiben. Er lebt damit eine uralte Tradition vor. Vom Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung war die Wanderschaft für die Handwerksgesellen sogar Voraussetzung, um die Meisterprüfung zu beginnen. Dies ist heute nicht mehr so.

Trotzdem entschied sich Wissigkeit für die Gesellenwanderschaft. Eine Entscheidung ohne größere Vorgeschichte. "Ich habe vor drei Monaten in der Berufsschule von der Bäckerwalz erfahren und sofort gedacht: ,Das machste!'", erzählt der 19-Jährige, der in Geldern als Prüfungsbester seine Bäckerlehre beendet hat. Der Kalkarer wollte einfach mal raus. Das genügte, um sich für die Walz zu entscheiden. "Ich ziehe das durch, das ist was fürs Leben", sagt er.

Am Donnerstag verabschiedet er sich mit einer großen Feier von Freunden und Verwandten — und macht dabei mit der ersten Walz-Tradition Bekanntschaft. Da wird ihm mit einem Nagel ein Ohrloch gestochen, das anschließend mit Korn desinfiziert wird. "Wenn man früher auf der Walz ums Leben gekommen ist, wurde der Ohrring verpfändet und davon die Beerdigung bezahlt", erzählt Wissigkeit und lacht. Er weiß, dass seine Wanderung nicht so dramatisch wird. Trotzdem hat er seiner Mutter versprochen, von sich hören zu lassen.

Dabei ist er allerdings auf andere angewiesen. "Die Dinge, die ich mitnehmen würde, darf ich nicht mitnehmen", sagt der 19-Jährige. Kein Notebook, kein Handy. Internet-Cafés oder das Telefon vom Arbeitgeber sind aber erlaubt. Außerdem darf er seinem Wohnort nicht näher als 50 Kilometer kommen.

Zumindest Letzteres ist für den Kalkarer kein Problem. Er möchte schließlich raus. "Nach Berlin würde ich gerne gehen, auch New York oder Australien wären toll — wenn ich mir das leisten kann", sagt Wissigkeit. Der Bäckergeselle hat sich noch nicht so viele Gedanken über seine nächsten drei Jahre und einen Tag gemacht. "Ich lasse alles auf mich zukommen. Ich hab' noch nie was geplant", sagt er. Gute Reise.

(RP/jul)
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