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Kreis Kleve: Als Arbeiterkind an die Hochschule

Kreis Kleve : Als Arbeiterkind an die Hochschule

Wenn Kinder aus "Nicht-Akademikerfamilien" ein Studium beginnen, haben sie mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. An der Hochschule Rhein-Waal unterstützen Mentoren der Organisation "Arbeiterkind.de" die Studierenden.

Rote Luftballons haben sie mitgebracht - auf denen steht ihr Name: "Arbeiterkind.de." Barbara Arntz und Cara Coenen sitzen auf den grünen Sofas im Gebäude 12 der Hochschule-Rhein-Waal in Kleve und empfangen Studierende.

Ein Mal im Monat gibt es dort ein offenes Treffen von "Arbeiterkind.de". Gegründet wurde die gemeinnützige Organisation von Katja Urbatsch - auch sie ist ein "Arbeiterkind" und hat 2008 ein Internetportal "für alle, die als Erste in ihrer Familie studieren" ins Leben gerufen.

Seitdem ist die Organisation gewachsen: Ihre Projekte werden von Ministerien und Stiftungen unterstützt, 6000 Ehrenamtliche setzen sich deutschlandweit für die Studierenden ein. Eine Gruppe ist in Kleve: Sie hilft den Studierenden der Hochschule Rhein-Waal, die nicht aus einer Akademikerfamilie kommen. Das besondere an den Mentoren ist, dass sie aus eigener Erfahrung sprechen - sie sind Dozenten, Ehemalige oder Studierende mit ähnlichen Hintergründen. Das Ziel von "Arbeiterkind.de" ist es, für mehr Chancengleichheit zu sorgen. Bei der letzten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) kam heraus, dass von 100 Nicht-Akademikerkindern nur 23 ein Studium aufnehmen, obwohl mehr als die Hälfte von ihnen die Voraussetzung haben. Zum Vergleich: Von 100 Akademikerkindern besuchen 77 die Universität. Eine Erklärung dafür sieht die Initiative darin, dass es den Kindern an Vorbildern im familiären Umfeld fehlt. Den Familien mangelt es oft an notwendigen Informationen. Das beginne schon bei der Studienwahl. "In den Familien herrschen immer noch Vorstellungen mit welchen Studienfächern man etwas wird und mit welchen nicht", sagt Barbara Arntz, Mentorin der lokalen Gruppe in Kleve. "Den Eltern kann man es nicht vorwerfen." Oft hätten sie keine Vorstellungen, welche Möglichkeiten hinter bestimmten Studiengängen stehen, Erzählungen von arbeitslosen Akademikern würden sie verunsichern. So besuchen die Ortsgruppen auch Schulen, um "Arbeiterkinder" schon im Vorfeld auf das Studium vorzubereiten.

"Ein großes Thema ist die Finanzierung", sagt Cara Coenen. Sie ist die Regionalkoordinatorin für den Niederrhein und das westliche Ruhrgebiet und arbeitet eng mit der lokalen Gruppe Kleve zusammen. Als sie die Stellenanzeige von "Arbeiterkind.de" las, dachte sie, "das bin ja ich". Ihr Vater war Schichtarbeiter, ihre Mutter arbeitete als Hausfrau. Finanzielle Sorgen hat Cara Coenen am eigenen Leib erfahren. Ständig beschäftigte sie die Frage: "Was ist, wenn das Geld ausgeht?" Das führte dazu, dass sie ihren Abschluss trotz Nebenjob unterhalb der Regelstudienzeit machte. Cara Coenen bekam damals kein Bafög. "Heute hätte ich wahrscheinlich Einspruch eingelegt", sagt sie.

Die Mentoren von "Arbeiterkind.de" unterstützen in solchen Fällen. Sie helfen beim Bafög und informieren über Studienförderungen. "Stipendien", so erzählt Coenen, "bekommen nämlich nicht nur Einserkandidaten und Überflieger. Es gibt auch welche für besonderes Engagement." Oft erlebt sie, dass die Studierenden die Voraussetzungen erfüllen, aber nichts davon wissen.

Darüber hinaus kooperiert die Gruppe in Kleve etwa mit dem Allgemeinen Studierendenausschuss AStA der Hochschule-Rhein-Waal - denn dieser verfügt über einen Notfallfonds, mit dem Studierenden in Geldsorgen kurzfristig ausgeholfen werden kann.

Aus ihrer Erfahrung weiß Cara Coenen auch, dass Kinder von Nicht-Akademikern mit Schwierigkeiten jenseits der finanziellen Möglichkeiten zu kämpfen haben. Der Eintritt in die Hochschule ist wie ein Übertritt in eine andere Welt. Es ist der Habitus, der den Unterschied macht. Die Studierenden erleben, dass die Menschen dort anders auftreten, eine andere Sprache sprechen, als sie es aus ihrem Umfeld kennen. Das könne zu Zweifeln führen, Fragen aufwerfen wie "Gehöre ich wirklich hier her?"

Als Barbara Arntz vor drei Jahren ihr "Arbeits- und Organisationspsychologie"-Studium an der Hochschule Rhein-Waal begann, nahm sie Kontakt zu der Klever Ortsgruppe von "Arbeiterkind.de" auf. "Zu Hause habe ich niemanden, den ich fragen kann", sagt die 53-Jährige, die nach ihrem Abitur den Beruf des technischen Zeichners erlernte. "Ich habe mir zu viel aufgeladen. Bei den anderen sah es immer so locker aus." In ihrem Studium wollte Barbara Arntz alles besonders gut machen und hatte die Tendenz, 150 Prozent zu geben - ein Phänomen, das Cara Coenen bei vielen "Arbeiterkindern" erlebt.

Auch das wissenschaftliche Arbeiten bereitete ihr Probleme: "Meine Sprache war umgangssprachlicher, es war mir nicht geläufig, mich so auszudrücken", erzählt die Studentin. Als Mentorin möchte sie nun etwas davon zurückgeben, was sie bekommen hat. "Oft hilft es auch, sich mit seinen Erfahrungen auszutauschen, zu sehen, dass andere es auch so erlebt haben", sagt sie.

Seit 2012 gibt es die lokale Gruppe in Kleve. Bislang war sie zuständig für beide Standorte der Hochschule-Rhein-Waal. Da der Bedarf jedoch da ist, wird derzeit auch ein eigenes Angebot für den Standort in Kamp-Lintfort eingerichtet.

(ubg)