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Kalkar: 6000 sehen das Kreuz von Kalkar

Kalkar : 6000 sehen das Kreuz von Kalkar

Das Leiden Jesu zog die Massen an. Passionsspiele waren es, die vor 90 Jahren die Menschen am Niederrhein bewegten. In der Kalkarer Teufelsschlucht am Osthang des Monrebergs wurden Freilichtspiele aufgeführt, die bis zu 6000 Zuschauer besuchten.

Die Darstellungen des Heilands in seinen letzten Stunden belebten die Region. Als das "Oberammergau des Niederrheins" wurden die Vorstellungen auf der Naturbühne bezeichnet.

Im April 1924 begann die "Calcarer Laienspielschar" mit der Aufführung des Stücks "Das Leiden Christi" in der Kalkarer Tonhalle. Bis 1934 wurden verschiedene Inszenierungen präsentiert, bevor die Nationalsozialisten für ein schnelles Ende sorgten. Doch während der zehn Jahre zogen die Vorstellungen mehr als 180 000 Besucher an. Grund für den großen Erfolg war nicht allein die Abwechslung vom Alltag. Die Menschen waren zu der Zeit extrem begeistert von der Sache Jesu. Mit den Spielen wurde auch die Heranführung an den Glauben verstärkt.

Nach der ersten erfolgreichen Inszenierung zog die Laienspielschar von der Halle in die Teufelsschlucht um. Dort entstand eine Freilichtbühne. Es wurde ein natürliches Amphitheater angelegt. 70 terrassenförmige übereinandergestaffelte Sitzreihen boten 6000 Zuschauern Platz. Allein zum Premierenjahr kamen 30 000 Menschen zu den Freilichtspielen. Von Christi Himmelfahrt bis Mitte Juli lief das Programm. Für einen Sperrsitz zahlte man fünf Reichsmark, die hinteren Plätze wurden für 1,50 RM angeboten.

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Höhepunkt der Aufführungen war die 1930 zum zweiten Mal gezeigte "Passion Christi". Mit Zügen, Autos oder dem Rad zogen Besucherscharen Richtung Schlucht. Die Zeitung "Der Volksfreund" berichtete, dass 107 Autos an der Reichsstraße geparkt hätten. Eine für damalige Verhältnisse extrem hohe Zahl.

Wie nicht selten, hatte die Erfolgsgeschichte am Monreberg einen recht pragmatischen Hintergrund. Kaplan Karl Esser wollte der Freizeitgestaltung der Kalkarer Jugend einen sinnvollen Inhalt geben. Was ihm zweifellos gelang.

Bei der ersten Vorstellung auf der Freilichtbühne wurde der Text des bekannten Jesuitenpaters Wilhelm Wiesenbach für die Darstellung des Leidenswegs Jesu Christi gewählt. Als Spielleiter und Hauptdarsteller konnte man einen Frankfurter Dramaturgen gewinnen. Mehr als 300 Aktive wirkten bei den Aufführungen mit, von denen 120 auf der Bühne standen. Sechs Vorstellungen gab es pro Stück. Der wirtschaftliche Erfolg war beachtenswert. 50 000 Reichsmark wurden innerhalb einer Spielzeit eingenommen.

Nach der "Passion Christi" 1925 kamen in den Folgejahren weitere christliche Themen zur Aufführung. Wie etwa 1926 Paradies und Brudermord (Kain und Abel) oder 1927 die Vorstellung Joseph und seine Brüder. Im Zuge des anhaltenden Erfolges wurde 1930 diskutiert, ob man nicht mit "Wilhelm Tell" ein weltliches Stück aufführen sollte. Doch besannen sich die Aktiven ihrer Wurzeln und spielten erneut die Passion. Mit durchschlagendem Erfolg. Die Besucher kamen in Scharen, weil die Zielgruppe für derartige Aufführungen am Niederrhein nicht die kleinste war: So füllte das gläubige katholische Volk regelmäßig die Sitzreihen.

Darunter war auch ein junger Mann, der mittlerweile einer der bekanntesten Katholiken der Region ist. Der seliggesprochene Karl Leisner war regelmäßig Gast am Monreberg. Der Schüler des Staatlichen Gymnasiums Kleve, das er von 1925 bis 1934 besuchte, hielt die bei den Passionsspielen gesammelten Eindrücke in seinem Tagebuch fest. Überschwänglich schrieb er: "Es war ein Erlebnis! Wie wundervoll natürlich die Kalkarer Laienspieler ihre Rollen spielten. Die Hohepriester - echte, hasserfüllte Gegenspieler Jesu (...)." Doch lobte Leisner zwei Personen besonders, die unter den Katholiken zweifellos nicht zu den Sympathieträgern gehören, als herausragende Akteure: "Die besten Spieler waren unzweifelhaft Judas und Pilatus."

Es war nicht allein der spätere Märtyrer, der von den Freilichtaufführungen begeistert war, sondern auch die Nimweger Tageszeitung "de Gelderlander", die von dem Stück euphorisch berichtete. Das Blatt rief dazu auf, an den Vorstellungen der gottesfürchtigen Nachbarn teilzuhaben. Man solle die Menschen jenseits der Grenze im Glauben unterstützen. Das Christentum müsse ein Bollwerk gegen Ungläubigkeit und Materialismus formen sowie für die moralische Wiederbelebung Europas kämpfen, so die Zeitung.

1934 trat die Laienspielschar ein letztes Mal auf. Die Nationalsozialisten hatten vorsichtshalber verfügt, dass religiöse Schauspiele nicht mehr aufgeführt werden dürfen. Das Stück über den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer wurde zu einer Pleite. Kaum einer wollte es sehen. Den Menschen am Niederrhein war das Leid Jesu näher. Wie nah es ihnen bereits selbst war, sollten die folgenden Jahre zeigen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Passionsspiele in Kalkar ab 1924

(RP)