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30 Jahre Cinque: Klever Kleinkunstbühne feiert Geburtstag

30 Jahre Cinque : Die Kleinkunstschmiede Kleve

Seit 30 Jahren stehen bei „cinque“ Kabarettisten und Comedians auf der Bühne. Die großen der Branche waren schon in Kleve – von Dieter Nuhr über Volker Pispers bis Knebel, Mann & Sieber vom ZDF oder Urban Priol.

Der Mann geht in seiner Rolle auf. „Ich bin so wild auf deinen Erdbeermund, ich schrie mir schon die Lungen wund“, deklamiert er durch den kleinen Raum. Laut, feucht, intensiv. Klaus Kinski ist nichts dagegen. Gut, dass man hinten sitzt - er holt einen Fisch aus der Versenkung und wedelt mit dem Tier durch die Gegend, klettert über die Tische in dem kleinen Café, trinkt das Bier der Leute. Der Mann da vorne, der die winzige Bühne längst verlassen hat, ist nicht mehr Thomas Koppelberg, als der er angekündigt war, sondern der Vaganten-Dichter Francois Villon, er krakeelt durch den Zigarettenrauch, der den Raum füllt, säuft wie der Mann aus dem Mittelalter, kennt keine Distanz zu den Besuchern. Sagenhaft.

„Thomas Koppelberg ist schon tot“, sagt Bruno Schmitz und schaut auf das nicht ganz scharfe Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes in Kapuzen-Kutte. Er starb früh, wie sein berühmtes Vorbild Villon. Anfang der 1990er Jahre turnte Koppelberg über die Tische im Café-Lensing, kletterte über die Geländer, das die Ebenen trennte und versuchte, die Villon-Nummern des großen Kinski zu toppen: „Denkst Du, es macht mir Spaß, du Hund?!“ schreit er. Spaß machte es ihm, aber vor allen den Gästen. Denn schnell hatte sich herumgesprochen, dass da in dem Café mit besonderem Flair auch Besonderes geboten wird, wenn es dunkel wird vor den  Glasscheiben und  auf dem Platz vorm Bahnhof nicht mehr wirklich etwas passiert.

Team 2019: Mechtild Janssen, Barbara Jacobs, Oka Schwers, Norbert Kuenen, Bruno Schmitz, Silke Steinberg, Silke Peters, Theo Lamers, Monika Dings, Hans-Bernd de Graaff, Henni Lamers, Petra München und Pit Schwers. Foto: Cinque

Am 14. April 1989, vor 30 Jahren startete der Kleinkunstverein Cinque mit seinem Gründungsvater Bruno Schmitz auf dieser Bühne, die gar keine war. Gelb war die erste Eintrittskarte, „Musikkabarett“ stand darauf und der neue, unverkennbare Schriftzug von Cinque. Er kündete „Laut & Lästig“ an, das Kabarett mit Schmitz und Didi Jünemann.

Bruno Schmitz ist das Gesicht des Klever Kleinkunstvereins. Foto: Evers, Gottfried (eve)

„Das ist meine Handschrift“, sagt Schmitz. Als man sich auf den Namen geeinigt hatte, schrieb er „Cinque“ auf ein Blatt Papier. Es gefiel und das „zeitlose“ Design war gefunden. Mit dabei waren fünf Gründungsmitglieder: Klaus Willwacher, Ernst Hanßen, Birgit Janhsen und Anne Doll. Auf dem Gründungsfoto schwingen sie Cabaret-mäßig ihre Zylinder. Ein italienisches „Cinque“ wurde es, weil Schmitz und Willwacher zuvor in Cinque-Terre zwischen Genua und Livorno waren, das zu Beginn der 80er Jahre den Tourismus entdeckte. Und schon war der Name da. Von den Gründungsmitgliedern ist nur noch Bruno Schmitz aktiv dabei.

Dieter Nuhr, damals noch als V.E.K K. Barett mit dem Programm „Schrille Brille“ Foto: Matthias Grass

An den ersten Auftritt erinnert auch noch eine Kugelschreiber-Karikatur von bärtigen Männern mit Gitarre und Trommel – Didi Jünemann und Bruno Schmitz – die auf Nierentischen tanzten. „Gezeichnet von Didi“, sagt Schmitz. Es war der Beginn der Kabarett-Bühne. Die Nierentischchen und die zu engen, wackeligen Sesselchen des Cafés sollten zum Markenzeichen werden. Neben der Enge und der eigentlich nicht vorhandenen Bühne, die eine „dichte“ Inszenierung garantierte. Headsets als Mikrofon - daran dachte keiner. Die kräftige Stimme zählte. „Heute könnte man das keinem Künstler mehr zumuten“, sagt Schmitz.

Nach der Premiere im Café Lensing gab es eine Karikatur. Foto: Evers, Gottfried (eve)

Cinque entstand aus einem Missstand heraus. Überall gab’s passende Bühnen am Niederrhein. In Kleve nur die für kleines Kabarett unvorteilhafte Stadthalle. „Wir traten immer im Radhaus auf - aber das war eben ein Jugendzentrum. Kleve brauchte ein kleines süßes Kabarett-Theater“, konstatierte Schmitz damals und machte sich auf der Suche nach Tapetenwechsel in der Dämmerung auf den Weg, saß in Cafés, schnupperte die Atmosphäre und wurde fündig.

Die erste Eintrittskarte. Foto: Matthias Grass

„Ich kannte das Ehepaar Schneider von Café Lensing noch aus meiner Kindheit“, erinnert sich der Kabarettmanager. Die beiden waren bereit für einen Deal. Er überließ ihnen die Einnahmen aus dem Verkauf von Bier, dafür musste er keine Miete zahlen. 70 Leute passten rein – also wurden die Künstler zweimal verpflichtet. Hinzu kam der berühmte Cinque-Bauchladen, wo’s vor der Aufführung „Negerküsse“ und andere Süßigkeiten gab. Man saß an Tischchen. Ideal. Bis auf die Bühne, die im Grunde bestenfalls eine Art Podest war, ein Kabarett mit „dernier cri“, wie Misfits-Damen im Gästebuch dichteten.

Wie ideal der Ort sein sollte, liest sich aus der Liste derer, die hier und später bei Cinque auftraten: Konrad Beikircher, Dieter Nuhr (ganz jung und noch nicht solo sondern im V.E.V.K.abarett), Volker Pispers, die Misfits, Dirk Bach, Rüdiger Hoffmann, Helge Schneider und auch Ina Müller als „Queen B“ (inzwischen ausgezeichnet für Inas Nacht) machte mit rauchiger Stimme und wunderbaren Chansons Station in Kleve – um nur einige Beispiele zu nennen. Viele kamen für zwei Abende ins Café Lensing, damit zählte man 140 Besucher (70 Gäste passten aufs Mobiliar, wie’s in der Vereinbarung hieß). Es gab knallhartes politisches Kabarett, Comedy und Literaturlesungen wie Villon oder die Winterreise von Heine. Konrad Beikircher war vor 30 Jahren begeistert: „Macht weiter so! Kaum eine „Kunstform lebt so von der Liebe des Veranstalters wie die unsere“, schrieb er ins Gästebuch des Vereins.

1994 war Schluss mit Café Lensing. Das Betreiber-Ehepaar starb und das Cafe wurde aufgegeben. Cinque agierte das erste Mal als Wanderbühne. Man machte in der „Weltbühne“ in Hassum beim Puppenspieler Station (ein toller Theaterraum, den es auch nicht mehr gibt), war ein paarmal im Schützenhaus in Kellen. Dann baute Gisbert Braam sein Hotel um, die Tennishalle wurde vakant und zur Cinque-Bühne. Am 11. November startete die zweite Ära Cinque mit „Nuhr am Nörgeln“.

Schmitz schaffte es immer wieder, auch die Großen  zu holen, Thomas Freitag und Richard Rogler waren da, Urban Priol, Mann und Sieber, die heute ihr eigenes ZDF-Kabarett als Mann & Sieber haben. Aber auch junge, unbekannte. Wie jene Blondine aus Köln, die eine kurvige Blondine aus Köln mit pinken Suzuki (ausgesprochen „Tzutzukiii“) auf die Bühne brachte. Ein kleines bisschen nervös saß Gabi Köster bei Cinque im Saal vor ihrem Auftritt. Bühne kannte sie, aber nur in einzelnen Nummern in der Stunksitzung. Aber das hier war ihr erstes Solo. Ein Solo, mit dem sie durchstarten sollte und das in Kleve erstmals auf der Bühne stand. Zur Probe. Heute steht sie nach ihrer schweren Krankheit wieder auf der Bühne und macht „Sitzkabarett“, sagt Schmitz.

Bis zum Jahr 2014 baute man die Bühne bei Braam aus, es gab Technik, Licht, eine stabile Traverse. Dann kam 2014 das „Aus“ für die Bühne. Die Stadt hatte den Brandschutz entdeckt und schloss das Theater. Seitdem wandert Cinque, ist heimatlos. „Wir brauchen ein kleines Kabarett-Theater“, sagt Schmitz, fast trotzig nach fünf Jahren auf Tour und bis jetzt in der alten Sebus-Aula nur halbwegs angekommen. „Es fehlt uns da noch die Aura, auch ist die Aula mit 350 Plätzen zu groß für Kleinkunst“, sagt Schmitz, der dem Saal bei Braam mit seinen 80 bis 199 Plätzen immer noch nachtrauert.

Dass Cinque auch groß kann, bewies der Verein sehr bald. Im Burghof stieg 1990 die erste Cinque-Sommernacht. Zugig, aber irre gut. Dann ging’s auf die Schützenhaus-Wiese, wo sich die Sommernacht zum größten Open-Air-Kleinkunst-Event am Niederrhein etablierte. Seit 1991 geht’s jährlich mit drei  Bussen nach Köln zur Stunksitzung. Im gleichen Jahr verlieh der Verein das „Goldene Fettnäpfchen“ an Manfred Palmen. Es steht zwischen den Akten des Vereins, zwischen den Gästebüchern. Palmen hat’s nicht abgeholt, das Fettnäpfchen. Er bekam es nach der Gala für Laut und Lästig, die 1000 Leute in die Stadthalle zog und Palmen den Kabarettisten im Nachhinein eine Rechnung fürs Aufräumen präsentierte...

Sommer 2009, zum Zwanzigjährigen, kam im Wechsel zur Sommernacht das „Spiegelzelt“ hinzu, in dem  Ende Juni auch das 30-Jährige gefeiert wird. 2003 krönte die Stadt  das Engagement mit dem Kulturpreis, den Cinque mit dem XOX-Theater bekam.

Cinque ist im Grunde eine Erfolgsgeschichte: Was fehlt, ist die Bühne, das süße Theater, von dem Schmitz träumte. Und ein Mäzen, der einst wie Gisbert Braam den Verein aufnahm. „Das ist leider der aktuelle Stand. Es gibt kein Zurück mehr“, sagt Schmitz mit Blick auf Braam. Nur: Richtig in Sicht ist keine Spielstätte. Man (mit der freien Kulturszene) wolle jetzt  für das mögliche Kulturzentrum Eckdaten für die Bürgermeisterin Sonja Northing sammeln, sagt er. Ob das Zentrum kommt, steht in den Sternen. Doch Schmitz bleibt nach 30 Jahren Erfolg bei Cinque optimistisch, auch wieder eine Bühne mit Technik und Aura zu finden.