Kranenburg: 1944 - Weihnachten fernab der Heimat

Kranenburg : 1944 - Weihnachten fernab der Heimat

Weihnachten auf der Flucht: Vor 70 Jahren wohnten kaum noch Zivilisten in der "Roten Zone" nahe der Grenze zu den Niederlanden. In den Kirchen der frontnahen Ortschaften am Niederrhein konnten keine Christmessen gefeiert werden.

Heute Abend werden zahlreiche Christen zu den Weihnachtsmessen in die Kirchen des Kleverlandes strömen. Heller Lichterglanz und Kerzenschein wird die Gotteshäuser erleuchten. Heute vor 70 Jahren war das anders: In den Kirchen der Grenzgemeinden gab es keine Weihnachtsmesse. Die wenigen Menschen, die trotz des Krieges in den Ortschaften hatten bleiben können, feierten schlichte Hausandachten. Weihnachten 1944 - das war ein Fest in dunkelster Zeit.

Schon bis zum 15. Oktober hatten fast alle Zivilisten die Orte in der von der feindlichen Artillerie erreichbaren "Roten Zone" verlassen müssen. Das galt für den gesamten Grenzraum zwischen Reichswald und Rhein wie für die westlichen Gocher Ortsteile. Erinnern an diese Zeit in der Fremde können sich fast nur Mitbürger, die damals noch minderjährig waren und mittlerweile die "80" hinter sich haben. Wo sie den letzten Kriegswinter verbrachten und wie sie die Hin- und Rückfahrt schafften, ist in ihrem Gedächtnis besser haften geblieben als der spezielle Rückblick auf die damaligen Festtage. Viele kamen bei Verwandten oder Bekannten in der bis zum Offensiv-Beginn am 8. Februar 1945 granatenfreien "Grünen Zone" am Niederrhein unter.

Maria Molenkamp (Reintjes) - verbrachte mit Mutter und Bruder den Frontwinter in Qualburg. Um ihr Elternhaus an der damals kaum bebauten Heerstraße richtete das deutsche Militär schon in den ersten Tagen nach der Luftlandung am 17. September eine Artilleriestellung ein - bevorzugtes Ziel für die Kanoniere jenseits der Grenze. Der Vater (später vermisst) hatte Kurzurlaub und schob seine Schubkarre mit dem Nötigsten nach drüben, seine Familie ging zu Fuß mit.

Für die Familie Theunissen vom Hövel war Qualburg nur eine Zwischenstation auf dem Weg in den Raum Magdeburg. Mit zwei Pferdegespannen und vollgepackten Wagen verließ Familie Rogmans ihren Hof Germenseel (Kleyen) mit dem Ziel Warbeyen, wie Tochter Blanka Ingenbleek zu berichten weiß. Christa Janssen kam mit Vater Heinrich Daams (Gocher Straße), Mutter und vier Geschwistern in Wissel unter. Für die Nachbar-Familie Pierlo war der Weg nach Kellen, wo die Mutter zu Hause war, nicht allzu weit, bemerkt Sohn Hermann. Durchweg kannten die (süd-) östlich von Kleve aufgenommenen Evakuierten ihre Quartiergeber. Nach dem Frontübergang wurden sie fast alle im Lager Bedburg-Hau interniert.

Wer keine Adresse hatte, wurde von der Partei nach Mitteldeutschland vermittelt. Dort blieb man meistens ein Fremder. Josef Hübbers (Schwarze Steege) kam mit Mutter und drei Geschwistern nach Groß-Chüden, heute Ortsteil von Salzwedel, wo sie auf dem Gutshof Fritz Bauke wohnten. Er konnte dort seine eben begonnene Schreinerlehre fortsetzen und hatte auch bei der Anfertigung von Särgen für die Bombenopfer in Dresden Anfang Februar mitzuhelfen. Bruder Heinz hat als Schüler einen Linolschnitt "Groß-Chüden im Winter" gemacht und bei einem späteren Besuch den Hof fotografiert.

Wilhelm Gietmann (Gocher Straße) - zu siebt unterwegs - blieb bis Ende 1945 in Hüselitz bei Salzgitter, wie Resi Lindemans (Lessingstraße) als jüngste Tochter behalten hat. Schon am Nachmittag des 17. September fuhr Dr. Bernhard Degenhardt (Klever Straße) im eigenen Auto auf die andere Rheinseite. Die von ihm wegen der Ermordung zweier amerikanischer Gefangener angesprochenen SA-Männer wollten ihn an die Wand stellen. Soldaten brachten seine drei Kinder, Zeugen des Verbrechens, bis Kleve. An der Fähre nach Emmerich trafen sie die Mutter, die nun mit der ganzen Familie zu den gerade besuchten Verwandten in Haldern zurückkehrte. Sicherheitshalber wechselte die Arztfamilie - so Sohn Dieter in Kierspe - in die Nähe von Bremervörde.

Förster Karl Knauer (Gocher Straße) konnte im Jagdhaus "Hubertushöhe" (an der Sieg) ein anderes Revier übernehmen, sein Sohn Friedrich blieb später - ebenfalls im Forstdienst - in Münstereifel. Die Knauers nahmen in der Dorfkapelle Gutmannseichen am Weihnachtsgottesdienst teil.

Gleich mehrere am Christfest 1944 standen für den Berichtenden an. Liebevoll mit Mutter und Bruder von Onkel und Tante in Kervenheim auf dem Hatershof aufgenommen, war er dreieinhalb Monate (bis zum 7. Februar) täglich an der Rütterorgel der dortigen St. Antoniuskirche gefragt. Zwischen Frühmesse und Hochamt (mit lateinischem Choral) nahm er aus Zeitgründen der Chorvorsitzende zum weihnachtlichen Frühstück in sein Haus mit. In der Predigt sprach der Pfarrer den Fichten-Diebstahl in den Kirchenwaldungen an und fragte: "Wie kann man unter einem gestohlenen Tannenbaum Weihnachten feiern?" Ihm sollte Wochen später weit mehr abhandenkommen.

Nicht nur die Kranenburger waren für etwa ein halbes Jahr weithin zerstreut in der Fremde untergebracht. Ihr allergrößter Wunsch war es, den zu erwartenden Frontübergang und das Kriegsende heil zu überleben. Manche plagte das Heimweh.

(l)