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Kevelaer: Theater in Kevelaer: ernsthafte Unterhaltung

Kevelaer : Theater in Kevelaer: ernsthafte Unterhaltung

Beeindruckende schauspielerische Leistungen waren bei der Aufführung des Theaterstücks "Der Mann, der die Welt aß" des mehrfach ausgezeichneten Autors Nis-Momme Stockmann im Konzert- und Bühnenhaus zu erleben. Unter der Regie von Ralf Ebeling präsentierte das Westfälische Landestheater ein berührendes Stück, in dem ein junger, erfolgsverwöhnter Mensch (Bülent Özdil) eines Tages aus der Bahn gerät und vom Leben erbarmungslos geprüft wird.

Von seiner Frau Lisa (Julia Gutjahr) und seinen Kindern hat er sich getrennt, dann wird er arbeitslos. Sein Vater (Jürgen Mikol) wird dement und immer hilfsbedürftiger. Der kranke Bruder Phillip (Roni Merza) ist in seinen Augen ein Simulant, mit seinem besten Freund Ulf (Guido Thurk) zerstreitet er sich. Ohne Geld, ohne Perspektive, den Vater pflegend, den Bruder verlierend, steht er zuletzt allein da.

Es geht in dem Stück ums Fressen und Gefressen werden. Denn dieser nervöse Mittdreißiger, der sich alle Nettigkeiten seiner Mitmenschen gefräßig einverleibt, wird gleichzeitig selbst aufgefressen, von einem System, das größer ist als er. Stockmann zeigt einen zunehmend hysterisch wirkenden Sohn. Ein Gescheiterter, ein Überforderter, der als Elternteil, Partner und Freund versagt hat. Vieles in diesem Stück, eigentlich alles, ist ebenso bedrückend tragisch wie schreiend komisch. Der Autor streift zeitlos relevante Themen wie Arbeitslosigkeit, Trennung, Verantwortungsflucht, Alterskrankheit und Pflegedesaster. Aber eher leise.

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Mit Videoinstallationen wird das Bühnenbild lebendig, Telefondialoge unterstreichen die menschliche Distanz und lassen die Kommunikation wegrücken von realen Details. Doch immer treffen die Texte mitten ins Schmerzzentrum. Trotz humorvoller Ansätze blieb so mancher Lacher im Halse stecken. Der Titelheld, der seine letzten Freunde verprellt, weil er nur noch Geld haben will, verschanzt sich immer mehr in einer bizarren Scheinwelt, in einer Lebenslüge. Der Vater schwankt zwischen hellen Momenten und fortschreitender Demenz, irrt nackt durch die Wohnung, gießt Linsensuppe im Kleiderschrank aus und verschanzt sich dort aus Angst vor dem Sohn. Der Autor zeigt diesen Mann, wie er sich verliert, zwischen bedauernswerter Rührseligkeit, ausgeprägtem Selbstmitleid und sentimentaler Überempfindlichkeit.

Das begeistert applaudierende Publikum war sich einig: Das war zeitgenössisches Theater, ernsthaft und unterhaltsam.

(usp)