Sozialpädagoge aus Kevelaer gesteht sexuellen Missbrauch von Kindern

Prozess in Kleve hat begonnen : Sozialpädagoge aus Kevelaer gesteht Kindesmissbrauch

Der Prozess wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in 52 Fällen gegen einen 50-Jährigen aus Kevelaer hat begonnen. Der Sozialpädagoge und freie Fotograf räumt die Vorwürfe ein und sieht den Grund in seiner eigenen Kindheit.

Seit Freitag muss sich ein 50 Jahre alter Mann aus Kevelaer vor dem Landgericht in Kleve verantworten. Die Anklage: sexueller Missbrauch von Kindern in 52 Fällen, davon elf Mal schwerer sexueller Missbrauch eines Jungen.

Der 50-Jährige trägt Pullover und Jeans, eine Brille mit dunklem Rand. Er meidet den Blick zu den Zuhörern. In dem Raum sitzen Angehörige von Opfern, einige verlassen während der Aussage des Angeklagten weinend den Raum. Er räumt die Vorwürfe ein, sagt er dem Vorsitzenden Richter Christian Henckel. Einige Einzelheiten habe er anders in Erinnerung, aber „im Großen und Ganzen“ sei es so gewesen.

Alles begann, wie der Sozialpädagoge und freie Fotograf erzählt, im Jahr 1998. Sein Neffe übernachtete damals bei ihm. „Ich bin nachts aufgewacht, habe mich zu ihm aufs Sofa gelegt und ihn berührt“, sagt er. „Ich habe mich nicht mehr unter Kontrolle gehabt.“ In dieser Nacht sei das Verlangen nach sexuellem Kontakt zu Kindern entstanden. Immer wieder habe er danach seinen Neffen angefasst, entweder bei sich zuhause oder bei gemeinsamen Urlauben. Laut Anklage soll es 42 Mal zum sexuellen Missbrauch gekommen sein, davon in elf Fällen schwerer Missbrauch. Eine genaue Zahl könne der 50-Jährige nicht nennen. „Aus meiner Erinnerung heraus ist es zu insgesamt 20, 25 sexuellen Handlungen gekommen“, sagte er.

Im Jahr 2002 hörten die Übergriffe auf. Warum kann sich der Angeklagte selbst nicht so recht erklären. „Es gab dann die Gelegenheit einfach nicht mehr“, sagt er stockend. Seine Tochter kam in diesem Jahr zur Welt, er habe ein Sozialpädagogik-Studium begonnen, und einen Verein gegründet, der jährliche Abenteuer-Freizeiten für Kinder organisierte.

Auf diesen Fahrten soll es zwischen 2013 und 2019 wieder zu sexuellen Handlungen an Kindern gekommen sein – laut Anklage in zehn Fällen. „Bei einem Zeltlager an Pfingsten hat es wieder eine Situation gegeben, eine sexuelle Spannung“, sagt der 50-Jährige. Er habe einem Jungen seine Hand auf den Bauch gelegt. Dabei sei es in dieser Nacht geblieben. Doch danach habe er wieder die Kontrolle verloren. Es sei immer nach demselben Muster gelaufen, immer „aus der Situation heraus“, wie der Angeklagte sagt.

Er habe häufig mit den Kindern in einem Zelt geschlafen, die Kinder hätten immer seinen Schlafplatz ausgesucht. Häufig habe er neben Jungen gelegen, die ihm sehr nahe standen. Wenn sie schliefen, habe er sie berührt. Mal ganz kurz, mal länger, mal habe er sich selbst befriedigt. „Aus meiner Erinnerung heraus haben die Kinder immer geschlafen“, beteuert der Angeklagte. „Kein Kind ist wach geworden. Sie haben sich weg gedreht und das war’s.“ Doch viele Opfer können sich an die Vorfälle erinnern, haben aber lange geschwiegen.

Erst am letzten Abend auf der Fahrt im vergangenen Sommer habe sich der Angeklagte zum ersten Mal bewusst neben einen bestimmten Jungen gelegt und ihn berührt, so der 50-Jährige. Das Kind verständigte andere Betreuer, die schließlich die Polizei einschalteten.

Aufgrund dieser Vorwürfe traute sich auch der Neffe, sich zu offenbaren. In einem Gespräch mit seinem Onkel drängte er ihn zur Selbstanzeige. Auch der Neffe, heute 29 Jahre alt, sagte vor Gericht aus. Er nennt seinen Onkel dort nur „den Angeklagten“. „Er weiß, wie Kinder funktionieren, das hat er sich zu Nutze gemacht“, sagt er. „Er hat Vertrauen aufgebaut und das missbraucht.“

Den Grund für seine sexuelle Veranlagung sieht der Angeklagte in seiner Kindheit. Mit acht Jahren habe er sexuellen Kontakt zu seinem Cousin gehabt. „Es könnte ein Baustein in meinem Kopf sein, der da gelegt wurde und den ich nicht mehr losgeworden bin.“

Bei einer Hausdurchsuchung fanden Ermittler zudem auf einem Laptop, einer Festplatte und zwei USB-Sticks insgesamt 27 Bilder von Kindern in geschlechtsbetonter Körperhaltung. Der Angeklagte dementierte vor Gericht, kinderpornografisches Material selbst hergestellt oder verkauft zu haben.

Der Sozialpädagoge sitzt seit Ende Juli in Untersuchungshaft. Ein Antrag auf Haftverschonung war abgelehnt worden, weil Wiederholungsgefahr bestand, so der Staatsanwalt.

Zwei weitere Verhandlungstage am Landgericht in Kleve sind angesetzt, der nächste am 18. Februar. Teile des Prozesses werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt, da die Zeugen minderjährig sind.

(veke)