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So ist die Kirmes in Kevelaer 2022 nach der langen Corona-Pause

So war der Kirmesauftauftakt : Volle Kraft voraus für die Kirmes in Kevelaer

Mit dem Fassanstich ist das fünftägige Volksfest an Christi Himmelfahrt gestartet. Bereits vor dem offiziellen Start gab es lange Schlangen, unter anderem am Autoscooter. Preiserhöhung ist ein Thema, aber die meisten Gäste sind auch bereit, mehr zu zahlen, zeigt eine Umfrage bei Besuchern und Schaustellern.

Es riecht nach Bratwurst, gebrannten Mandeln und Popcorn. Die Welt ist bunt wie durch ein Kaleidoskop und laut, weil gerade irgendwo Schlager läuft und gleichzeitig die Musikkapelle „Die Swingenden Doppelzentner“ Einzug hält. Es ist ein bisschen so, als wäre man zwei Jahre lang eingefroren gewesen, und plötzlich ist alles wieder da. Jugendliche springen sich vor Freude in die Arme, Kinder fahren Karussell.

Die Kirmes in Kevelaer hat begonnen – offiziell mit dem Fassanstich von Bürgermeister Dominik Pichler. Er hält seine Ansprache kurz. Er weiß: „Die Leute wollen feiern.“ Das hätten sie sich verdient, die Kevelaerer und die Schausteller, sagt er. In den sozialen Medien wurde vor dem Start des Volksfestes schon heftig diskutiert. Auf der einen Seite wurde die Freude mitgeteilt, auf der anderen Seite die Sorge um gestiegene Preise. Aber wie sieht es denn nun wirklich aus mit der Preissteigerung, und was sind die Besucher bereit zu zahlen?

Ohne ihn gibt es keine Kirmes in Kevelaer oder Geldern: Willi Kebben (mittlerweile Willi III.) steht am Grill. Es sei tatsächlich seine erste Kirmes seit zweieinhalb Jahren, sagt er. Von seinen Kollegen habe er sich sagen lassen, das alle jetzigen Kirmesplätze brechend voll waren, voller als 2019. Die Kebben-Bratwurst gibt es bei ihm für vier Euro. Vor der Pandemie waren es 3,50 Euro. Die Preissteigerung ergebe sich aus dem Gesamtpaket, alles sei teurer geworden: das Fleisch, der Sprit, die Arbeit. Für seinen Schaschlik, der zu 100 Prozent per Hand gesteckt wird, zahle er im Einkauf jetzt das Doppelte. Das könne er aber nicht an die Kunden weitergeben. Erhöht hat er deswegen nur um 50 Cent. Schaschlik kostet bei ihm jetzt 5,50 Euro. Ein dickes Lob gibt es für die Kevelaerer. „Es ist ein wunderbares Publikum.“

 Die Spielerinnen der 1. und 2. Fußball-Damenmannschaft aus Winnekendonk machten Station auf der Kevelaerer Kirmes, bevor es mit dem Rad weiterging Richtung Lüllingen.
Die Spielerinnen der 1. und 2. Fußball-Damenmannschaft aus Winnekendonk machten Station auf der Kevelaerer Kirmes, bevor es mit dem Rad weiterging Richtung Lüllingen. Foto: Evers, Gottfried (eve)
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Das gleiche Lob gibt es von Sarah Lütteke. Beim Entchenangeln muss man nun für elf Enten einen Fünf-Euro-Schein aus dem Portemonnaie zücken, vor zwei Jahren waren es vier Euro. „Strom ist teurer geworden“, sagt die Schaustellerin. Außerdem herrscht Warenknappheit weil immer irgendwo irgendwelche Container feststecken. Preise genug gibt es dennoch an ihrem Stand. Am beliebtesten: die bunten Plüschbälle und die Wende-Kraken. Die gucken mal lieb und mal grimmig, je nachdem wie man sie dreht. Sarah Lüttekes Erfahrungen aus Hagen, Münster und Willich: „Die Menschen wollen raus, die wollen wieder Spaß haben.“

So ist es auch in Kevelaer. An einigen Stellen stehen die leute dicht gedrängt, aber nie unfreundlich geht es weiter voran. Masken tragen die wenigsten. Besonders beliebt bei den Jugendlichen sind übrigens der „Hexentanz“ und der „Fighter“. Mit dem geht es 42 Meter in die Luft. Richtig ins Schwitzen, obwohl er noch auf gar keinem Fahrgeschäft war, kommt Peter Holz. An seiner „Schnuppi“-Bude rührt er im großen Kupferkessel die gebrannten Mandeln. „Der Zuckerpreis ist gestiegen, die Energiepreise natürlich“, sagt er, was sich auch auf die Preise bei ihm auswirkt. 100 Gramm kosten bei ihm vier Euro. „Ich tu‘ das auch nicht gerne“, sagt er über den Preisaufschlag. Was die Mandeln vor zwei Jahren gekostet haben? Weiß er nicht mehr, zu sehr ist er mit dem Rühren beschäftigt. Mit zwei Ständen ist er in Kevelaer vertreten. In den fünf Tagen wird er schätzungsweise 250 bis 300 Kilo gebrannte Mandeln verkaufen. Popcorn und Schoko-Früchte gibt es bei ihm auch noch. Was am besten läuft? Das sei von Standort zu Standort unterschiedlich.

Vor den Kinder-Flugzeugen stehen Sebastian Schankweiler und Jens Schröer und warten auf die Rückkehr ihrer Kinder. 30 Euro ist das Limit, das sich Sebastian Schankweiler für den Gang über die Kirmes mit seinen Töchtern, fünf und anderthalb Jahre alt, gesetzt hat. Anvisiert werden noch zwei weitere Kinderkarussells. „Mit der Summe komme ich nicht hin“, sagt Jens Schröer. Seine Kinder sind elf, neun und fünf Jahre alt. Seine Frau Martina Schröer verzichtet auf den Spaß mit den Fahrgeschäften. Ihr kommt es auf die Geselligkeit an. „Und ein Stück weit Normalität“, sagt sie.

Am Eingang zur Kirmes stehen Gertrud und Günni Stieber-Pohl. Sie warten auf ihren 13 Jahre alten Enkel, um ihm Kirmesgeld in die Hand zu drücken. „Zwischen 20 und 30 Euro“, sagt Günni Stieber-Pohl. Gerade habe er mit seiner Frau über die Preise gesprochen. „Wir haben schon Verständnis für die Schausteller, dass die wegen Corona wieder alles reinholen müssen“, sagt er. Auf die Fahrgeschäfte geht es für die beiden nicht, aber „eine Wurst oder ein Bierchen, das kann sein“. Auch wenn zu Hause ein Spargelcremesüppchen wartet, verrät der gebürtige Walbecker.

Nur wenige Meter entfernt hat Sylvia Weyers ihre Enkelkinder um sich geschart. Da gilt es viele Wünsche zu erfüllen. „Die Kinder genießen es, endlich wieder rauszukommen und Spaß zu haben“, sagt sie. Und eines ist für sie auch klar: „Die Kinder gehen vor.“ Auch wenn sie sich eigentlich vorgenommen hat, einen Backfisch zu essen. Sollte der zu teuer sein, werden es eben Pommes.

Am Freitag gibt es übrigens eine tolle Aktion von der Kevelaerer Bürgerstiftung „Seid einig“. Ab 13 Uhr werden in der Öffentlichen Begegnungsstätte kostenfrei Chips für die Fahrgeschäft auf der Kirmes ausgegeben für diejenigen, die nicht so viel haben. Berechtigt sind alle Familien mit Kindern, die in Kevelaer Tafel-Kunden sind. Es gilt: solange der Vorrat reicht. Der Tafelausweis ist bitte mitzubringen. „Die Kleinsten hatten während der Corona-Pandemie die größten Entbehrungen“ heißt es zur Begründung.

Auf dem Weg von der Kirmes zum Parkplatz klingt die Musik noch lange nach. Die Haare duften nach gebrannten Mandeln und Popcorn. Wie lange ist das schon her?