Kevelaer: Sanitäter für die Seele

Kevelaer : Sanitäter für die Seele

Bei tödlichen Unfällen und anderen Unglücken sind sie seit 1999 regelmäßig gefragt: die Notfallseelsorger im Kreis Kleve. 45 Priester, Diakone und Pastoralreferenten – Männer und Frauen – engagieren sich in dem Team, das von Diakon Berthold Steeger aus Wetten und dem evangelischen Pfarrer Joachim Wolff aus Büderich koordiniert wird. Berthold Steeger bereitet sich derzeit auf einen Vortrag in Winnekendonk vor (siehe Kasten).

Bei tödlichen Unfällen und anderen Unglücken sind sie seit 1999 regelmäßig gefragt: die Notfallseelsorger im Kreis Kleve. 45 Priester, Diakone und Pastoralreferenten — Männer und Frauen — engagieren sich in dem Team, das von Diakon Berthold Steeger aus Wetten und dem evangelischen Pfarrer Joachim Wolff aus Büderich koordiniert wird. Berthold Steeger bereitet sich derzeit auf einen Vortrag in Winnekendonk vor (siehe Kasten).

Nach schweren Verkehrsunfällen – wie im März dieses Jahres nahe Straelen – brauchen nicht nur die Verletzten Hilfe. Auch die Retter benötigen oft psychologische Unterstützung, um die Eindrücke am Unfallort zu verkraften. Foto: Feuerwehr

Herr Steeger, wie kamen Sie zu zur Notfallseelsorge?

Berthold Steeger Als junger Mitarbeiter im pastoralen Dienst in Münster und als Pastoralreferent in Uedem erlebte ich Situationen, die mich mitten ins Thema warfen. In Uedem wurde ich zum Beispiel nach einem Motorradunfall in der Nacht von der Polizei angerufen, um den Eltern die Nachricht vom Tod ihres Sohnes zu überbringen. In einer solchen Extremsituation spürt man, wo Seelsorge existenziell wichtig ist. Als der damalige Kreisbrandmeister Matthias Schwartges aus Winnekendonk 1998 die Notfallseelsorge ins Gespräch brachte — zunächst als Unterstützung seiner Feuerwehrleute — war eine Reihe kirchlicher Mitarbeiter schnell dabei.

Wie sind die Abläufe im akuten Unglücksfall?

Steeger Angefordert werden wir vom Notarzt, der Feuerwehr oder der Polizei. Wir haben das Jahr aufgeteilt in abwechselnd eine evangelische und zwei katholische Wochen. Bei den Kollegen hat immer abwechselnd ein evangelischer Pfarrer das Notfall-Handy, von uns katholischen Notfallseelsorgern hat die Feuerwache in Goch die Namen aller 28 Aktiven in den Orten. Der Wachhabende ruft denjenigen an, der nahe des Geschehens wohnt und schnell vor Ort sein kann.

Wie viel Prozent Ihrer Arbeitszeit ist mit der Notfallseelsorge gebunden?

Steeger Seit anderthalb Jahren sind der Kolleeg Wolff und ich hauptamtlich im Kreis Kleve im Einsatz: er zu 25 Prozent, ich zu 20 Prozent. Ansonsten tue ich meinen Dienst als Diakon in der Seelsorgeeinheit Winnkendonk-Wetten.

In welchen Fällen wird die Notfallseelsorge in Anspruch genommen?

Steeger Neben dem Überbringen einer Todesnachricht nach einem Unfall oder nach erfolgloser Reanimation geht es auch um Suizide, um Todesfälle von Kindern, um das Auffinden von Verstorbenen oder um Opfer von Bränden. Bei schweren Unfällen reicht manchmal ein einzelner Notfallseelsorger nicht aus. Dann muss nachalarmiert werden.

Was können Sie den Angehörigen bieten, welche Hilfe kommt an?

Steeger Sie müssen sich vorstellen, wir platzen mit der unvorstellbaren Nachricht in das Alltagsleben der Menschen hinein, in deren Leben vom einen Moment zum anderen nichts mehr ist, wie es war. Das wird für uns nie zur Routine, und die Reaktionen sind unabsehbar. Sie reichen von Abwehr und Schweigen bis zum Schreikrampf. Übrigens sind nicht nur Angehörige Betroffene: Häufig kümmern wir uns auch um Unfallbeteiligte oder geschockte Ersthelfer. Und um Feuerwehrleute. Da gibt es junge Männer, die zuvor noch nie einen Toten gesehen haben, und nun womöglich miterleben müssen, wie jemand vor ihren Augen stirbt. Früher hat man gesagt: ,Trink Dir mal einen Schnaps.' So leicht macht man es sich heute zum Glück nicht mehr. Wir sind da, hören zu, halten aus. Das bedeutet schon viel.

Wie viele Einsätze hatten Sie in diesem Jahr schon?

Steeger Kreisweit haben wir bis Ende September 55 Alarmierungen gezählt, im gesamten Jahr 2011 waren es 70. Wir sind froh, wenn wir möglichst oft helfen können.

Anja Settnik stellte die Fragen.

(RP/ac)