Kevelaer: "Praxisgebühr ist Unsinn"

Kevelaer : "Praxisgebühr ist Unsinn"

Während die Politik noch debattiert, sind Ärzte, Helferinnen und Patienten sich einig: Die quartalsmäßig von den Versicherten zu zahlende Gebühr soll weg. Der Verwaltungsaufwand ist groß, Arztbesuche bleiben häufig.

Teile der Politik wollen die Praxisgebühr abschaffen. Darüber gibt es Streit innerhalb der Regierungskoalition und viel Zustimmung unter Ärzten und Praxispersonal. Dass die Patienten die Zwangsabgabe von zehn Euro pro Quartal nicht schätzen, ist nahe liegend. Entscheiden über die Zukunft der Zuzahlung wollen die Parteivorsitzenden auf dem Koalitionsgipfel. Ginge es nach vielen Praktikern im Gelderland, wäre sie gar nicht erst eingeführt worden.

Denn das Verfahren ist arbeitsintensiv: Arzthelferinnen müssen bei jedem ersten Besuch im Quartal den Patienten auffordern, die zehn Euro zu zahlen. Sie stellen Quittungen aus, müssen die Zahlungen dokumentieren, das Geld womöglich in einen Tresor schließen. "Das ist ein ganz schöner Verwaltungsaufwand", sagt Gabriele Krüger, Arzthelferin in der Gemeinschaftspraxis Dr. Horlemann und Dr. Schoppmann in Wetten. Dort wurden sogar Unterschriften für die Abschaffung der Gebühr gesammelt. "Mehrere Hundert Patienten haben unterschrieben", sagt Krüger.

Dr. Wilhelm Dicks, Zahnarzt aus Weeze, würde eine Abschaffung der Praxisgebühr aus denselben Gründen begrüßen. "Die zehn Euro werden von uns ja nur für die gesetzlichen Krankenkassen eingetrieben. Wir haben den ganzen Verwaltungsaufwand, müssen den Betrag aber zu 100 Prozent weiterreichen", sagt Dicks. Auch im Hinblick auf die finanzielle Entlastung seiner Patienten hofft er auf eine Abkehr von den Quartalszahlungen.

Dr. Anton Scholz ist niedergelassener Arzt in Kevelaer. Für ihn ist die Sache eindeutig: "Es war von vornherein klar, dass die Praxisgebühr nichts bringen würde. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass die Zahlung keine Auswirkung auf die Frequenz der Arztbesuche hat. Die Gebühr ist aus tagespolitischen Gründen eingeführt worden und hat sich als unsinnig erwiesen." Seine Praxis bewältige sie im Alltag, einen finanziellen Vorteil gebe es dadurch nicht. "Die Gebühr wird ja mit unseren übrigen Einnahmen verrechnet." Im übrigen stellt Dr. Scholz fest, dass alle Formen der Zuzahlung nicht erreichen, dass der Patient seltener zum Arzt geht.

Auch die AOK Rheinland hat ihr Urteil über die Zehn-Euro-Zuzahlung längst gefällt. Ein Sprecher sagt auf Anfrage der RP: "Die Praxisgebühr hat sich als Steuerungsinstrument nicht bewiesen, die Diskussion über ihre Abschaffung ist deshalb wichtig. Allerdings muss im gleichen Atemzug eine Gegenfinanzierung für die Einnahmeausfälle sichergestellt werden. Über die Zukunft der Praxisgebühr hat aber allein die Politik zu befinden."

Nach Wahrnehmng von Dr. Brigitte Schmelzer aus Goch, Augenärztin und Kreisvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, hat die Gebühr zumindest erreicht, dass der Notdienst etwas weniger in Anspruch genommen wird. "Da überlegen sich die Leute schon, ob ihre Befindlichkeitsstörung zehn Euro wert ist." Wer aber wirklich krank sei, gehe trotzdem (und richtigerweise) zum Arzt.

(RP/rl)
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