Mehrere tausend Pilger bei Wallfahrt der Tamilen in Kevelaer

Wallfahrt der Tamilen : Ein Tag lang südindische Metropole

Tamilische Lieder, scharfe Speisen und farbenfrohe Wickelröcke verwandelten Kevelaer am Samstag in eine südindische Stadt. Viele der Pilger sind der Tamilenwallfahrt schon seit ihren Anfängen im Jahr 1987 treu.

Wer ohne Vorahnung am Samstag in den Zug Richtung Kevelaer gestiegen ist, der könnte beim Aussteigen vermutlich gemeint haben, ein paar Stationen zu weit gereist zu sein. Um einiges zu weit sogar, vielleicht auf einen anderen Kontinent. Doch nein, dem war vermutlich nicht so. Kevelaer wurde am Samstag durch die vielen kulturellen Eindrücke des dravidischen Volkes, der Tamilen, bereichert. Tausende tamilische Katholiken und Hindus aus ganz Deutschland und Europa besuchten die populäre Wallfahrtsstadt am Niederrhein, um an der diesjährigen Tamilenwallfahrt teilzunehmen.

Die männlichen Pilger waren zumeist in Hemd und Jeans gekleidet. Die Frauen hingegen trugen größtenteils den farbenfrohen Sari, einen ungenähten Wickelrock mit einseitigem Schulterüberwurf. Der Parkplatz an der Basilika verwandelte sich am Samstag in einen lebhaften und gut besuchten Tamilischen Markt. Viele Stände boten traditionelle Kleidungsstücke wie Sari und Dhoti, ein Beinkleid der Männer in Indien, an. An anderen Ständen konnte man deftige Speisen kaufen. Die würzig-scharfe Küche aus dem südasiatischen Raum durfte bei dem Event natürlich nicht fehlen.

Die Marienbasilika war gegen Mittag gut besucht. Vermutlich werden selten an einem einzigen Tag so viele Opferkerzen in Kevelaer angezündet wie am Tag der Tamilenwallfahrt. Vor der Kevelaerer Gnadenkapelle reihten sich die angereisten Pilger in Reih und Glied ein. Gut 50 Meter lang war die Schlange vor dem bedeutenden Gebetshaus. Zahlreiche Gläubige wollten das Gnadenbild sehen und vor der Aufschrift „Mater Dei Memento Mei“ (Mutter Gottes, gedenke Mein) kniend ein Gebet sprechen.

Seit 1987 findet die Tamilenwallfahrt jährlich statt. Sie entwickelte sich über die Jahre zur größten Einzelwallfahrt der Marienstadt. Viele der Pilger waren bereits mehr als ein Dutzend Mal mit von der Partie.

So auch Elisabeth John. Sie hat die Stadt Kevelaer erstmals im Jahr 1984 zusammen mit ihrer Tante besucht. In genau dem Jahr ist sie auch aus Südindien nach Deutschland ausgewandert. „Meine Tante lebt seit 1966 in Deutschland. Als sie schwanger wurde und alleine in Deutschland auf sich gestellt war, wollte ich ihr helfen“, erzählt John, die im Alter von 18 Jahren aus dem südindischen Bundesstaat Kerala nach Monheim gezogen ist.

In Deutschland hat John noch im selben Jahr – das war 1984 – ihren Mann Vasudeva, der Hindu ist, kennengelernt und kurz darauf geheiratet. Er ist vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka, der dort von 1983 bis 2009 herrschte, nach Deutschland geflohen. Mit ihm hat Elisabeth John zwei Töchter bekommen, die mittlerweile beide ein Informatikstudium beendet haben. „Eine arbeitet nun bei Thyssenkrupp“, erzählt die 53-Jährige mit großem Stolz.

Heute lebt die Bäckereifachverkäuferin in Langenfeld. Mit einigen tamilischen Freunden war die Katholikin bereits am frühen Samstagvormittag nach Kevelaer angereist. „Eineinhalb Stunden sind wir mit dem Zug hierhin gefahren“, informiert sie. Nicht jedes Jahr, aber regelmäßig, nimmt John an der Tamilenwallfahrt teil: „Die letzten drei Jahre war ich immer hier“, erinnert sie sich zurück.

Gegen 15 Uhr versammelten sich die Pilger im Forum Pax Christi, um an der großen Abschlussveranstaltung teilzunehmen.

Priester Albert Koolen, der die Pilger betreut, erklärte, neben dem Glaubensfest sei die farbenprächtige Wallfahrt auch stets ein Zusammentreffen von Familien, die oft weit entfernt voneinander in Deutschland oder Nachbarländern eine neue Heimat gefunden hätten. Nicht nur die katholischen Tamilen, auch die hinduistischen verehren Maria.

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