Kevelaer: Los-Glück beim Amts-Bingo

Kevelaer: Los-Glück beim Amts-Bingo

Die Ausländerbehörde Kleve hat jetzt auf ein neues Verfahren bei der Terminvergabe umgestellt. Die Stadt Kevelaer, die die Zustände in einem Brief des Rates an den Landrat kritisiert hat, will abwarten, wie sich das neue System einspielt.

In den zwei Jahren, die Mohammed inzwischen in Deutschland lebt, hat der 18-jährige Syrer eine Menge über das Land gelernt, das ihm zumindest vorerst Asyl gewährt. Als unbegleiteter Flüchtling kam er nach Goch, fand freundliche Aufnahme, lernte Deutsch, machte seinen Schulabschluss. Beinahe fühlt sich der junge Mann schon zuhause am Niederrhein. Nur was er mit Behörden erlebt, das gefällt ihm gar nicht. Stundenlang muss er beim Ausländeramt in Kleve warten, um seinen Pass abzuholen. Seit Donnerstag wäre es zwar nicht mehr nötig, vor Morgengrauen zu kommen, aber das hat sich noch nicht herumgesprochen. Trotz des Losverfahrens treffen seit drei Uhr unausgeschlafene, verfrorene Menschen ein.

"Ich hab' bei einem Kumpel in Kleve geschlafen, denn so früh am Morgen fährt noch kein Bus", erzählt Mohammed. Die Mitarbeiter vor Ort haben ihm erklären können, wie das neue Verfahren abläuft, und er hat sich wie die anderen Männer und Frauen ruhig in den geheizten Warteraum gesetzt. Jeder zog ein Zettelchen, das allerdings nur für die interne Zählung gedacht war - Donnerstag wurden 65 Ratsuchende erfasst. Um sieben gab es dann die versprochenen Lose. Wer schon mal Bingo gespielt hat, kennt das Verfahren: In Abständen wird eine Zahl gezogen und auf eine Tafel geschrieben - wer das Gegenstück vorweisen kann, hat gewonnen. Nämlich einen Gesprächstermin im Laufe des Tages.

Die Stadt Kevelaer hat die Terminvergabe der Ausländerbehörde heftig kritisiert. Wie berichtet, hat der Bürgermeister im Auftrag des Rates einen Brief an den Landrat geschrieben und darum gebeten, die Zustände dort möglichst schnell zu verbessern. Ist das Losverfahren jetzt eine Verbesserung? Bürgermeister Dominik Pichler ist unentschieden. Es sei sicher ein Ansatz, um den Menschen zu ersparen, schon am Vorabend anzureisen und die Nacht am Ausländeramt zu verbringen. "Es ist verständlich, dass der Kreis jetzt zu kreativen Möglichkeiten greift, ob er damit das Problem auch in den Griff bekommt, wird die Zukunft zeigen", sagt der Bürgermeister.

An diesem Morgen hat Mohammed die Nummer 10 und setzt auf sein Glück. Das hat er schließlich auch bei der Flucht aus Syrien gehabt. Da er an diesem Vormittag noch eine Physik-Arbeit schreibt, hofft er, dass sein Termin früh genug liegen wird. Bis dahin raucht er draußen und wärmt sich drinnen - immer abwechselnd. "Da drin gibt es Wasser und ein Klo, es ist okay", sagt er. Scham, ein 20-jähriger Bekannter, ist froh, zwischendurch mal einen Tee zu bekommen. Allerdings nur draußen, denn die Freiwilligen, die Heißgetränke aus ihrem privaten Pkw heraus anbieten, dürfen nicht rein ins Gebäude. Journalisten auch nicht. Sicherheitsleute - übrigens sehr freundlich und verständnisvoll - achten darauf, dass alle Regeln eingehalten werden.

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Roland Katzy und seine Frau Sonja engagieren sich seit Tagen intensiv, stehen sich solidarisch mit den Migranten die kalten Füße in den Bauch, verteilen Getränke und Kekse. Sie bleiben dabei nach außen hin erstaunlich gelassen, wenngleich Sonja Katzy-Leijenhorst sich darüber wundert, dass sie aus dem Haus nicht einmal heißes Wasser holen darf, um mehr Tee zubereiten zu können.

Helmut Büttner, ein weiterer Integrationshelfer, formuliert seinen Unmut vorsichtig. "Als Ehrenamtler erleben wir bei den Behörden regelmäßig, allenfalls geduldet zu werden. Wir sind lästig und bekommen das zu spüren." Der Rentner hat an diesem Morgen bereits Zeitungen ausgetragen und hilft nun den Flüchtlingen. Minus acht Grad sind's heute.

"Ich hab' mir extra Mütze und Schal gekauft", erzählt Wasim. Der Afghane lebt in Emmerich und macht dort eine Ausbildung zum Restaurantfachmann. Um 12 Uhr beginnt sein Dienst, wenn seine Nummer bis dahin nicht gezogen ist, muss er wiederkommen. Er füllt ein Formular aus, das ihm einen späteren Termin bescheren wird. Seinen Arbeitgeber will er auf keinen Fall verärgern.

(RP)