Kevelaer: Kniefall vor Dürrenmatts Physikern

Kevelaer: Kniefall vor Dürrenmatts Physikern

An der Realschule in Kevelaer werden nicht nur Klassenarbeiten geschrieben, sondern Lernstoff wird hautnah aufgearbeitet. Im Theaterworkshop schlüpfen Schüler in die Rolle von Schauspielern.

Vielleicht wäre unter anderen Umständen alles ganz anders gewesen. Während eine Schülerin ihrem Mitschüler ihre Liebe gesteht, eine gemeinsame Zukunft plant und er auch noch von anderen Mädchen angeschmachtet wird, dreht sich Jens einfach nur genervt um und fragt: "Darf ich die jetzt umbringen?"

Die Schüler der Klasse 10 a der Realschule Kevelaer sind mittendrin im Theaterstück "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt. Sie sind in Rollen geschlüpft, Jens spielt den Wissenschaftler Möbius, der die Weltformel entdeckt hat, ein Synonym für eine Waffe, die die Menschheit auslöschen würde, wie die Atombombe. Die schmachtende Mädchengang steht für die Krankenschwester in Dürrenmatts Stück. Sie liebt Möbius und will ihn aus der Irrenanstalt herausholen. Er will aber dort bleiben, um die Menschheit vor seiner Weltformel zu schützen. "Ich kann nicht, das Wohl der Menschheit liegt in meinen Händen", sagt Jens dann auch mit klarer Stimme, nimmt einen Schal und erdrosselt die Mädchen (natürlich nicht echt).

Es ist das zweite Mal, dass die Realschule sich Theaterpädagogen vom Theater Mülheim an der Ruhr dazu holt. Theaterpädagoge Bernhard Deutsch erklärt den Schülern die Hintergründe des Stücks und fordert sie heraus, den Inhalt des Stücks aus dem Jahr 1962 in die Gegenwart zu adaptieren.

"Was haltet ihr denn für die gefährlichsten Vorgänge, die zur Destabilisierung der Welt führen?", will er von den Schülern wissen. "Terrorismus", lautet die Antwort der Jugendlichen. "Genau, die Destabilisierung durch Angst", ergänzt Deutsch. "Die andere Sache ist das Internet, die Digitalisierung, die Wahlen und Geldströme beeinflusst." Die Schüler schlüpfen immer wieder in die Rollen des Stücks, spüren unter der Regie des Theaterpädagogen, wie Schauspieler geschriebene Zeilen zum Leben erwecken.

Es mache eben einen Unterschied, ob die Schüler den Stoff von denjenigen serviert bekommen, die ihnen immer Gedichtsinterpretationen und dergleichen abverlangen oder ob jemand Externes kommt, erklärt Lehrerin Katrin Hoffmann. Mit allen Zehnerklassen und den Kollegen Beatrix Meuskens und Peter Brock werden die Theaterworkshops durchgeführt. "Ich ziehe den Hut vor denjenigen, die sich vorne hinstellen, es wird ja keiner gezwungen", sagt Hoffmann und nennt zum Beispiel Lina. Die Schülerin spielt beim Theaterworkshop die Rolle der Anstaltschefin Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd.

Rigoros wehrt sie den neugierig fragenden Inspektor ab, der von Thomas gespielt wird.

Der Theaterworkshop verfolgt außer Wissensvermittlung noch ein anderes Ziel: "Wenn es gut läuft, können wir die Schüler für das Theater begeistern. Theater verbindet das Publikum mit dem Stück. Das ist anders als eine Stunde auf dem Sofa Netflix gucken. Beim Fernsehen trennt uns immer eine Mattscheibe", sagt die Lehrerin. Und sie ist da optimistisch. "Ich habe gesehen, dass die Schüler sich begeistern lassen und das Stück dank des Theaterworkshops anders betrachten können, als wenn sie es nur für den Unterricht lesen. "Was sagt euch das Stück und nicht nur, was will uns Dürrenmatt sagen, das ist uns auch wichtig."

Genau in diese Kerbe schlägt auch Theaterpädagoge Bernhard Deutsch. Er macht noch einmal deutlich, dass die Schüler mit Dürrenmatts Physikern nicht einfach eine literarische Vorlage mit an die Hand bekommen haben, sondern es in ihrer Verantwortung liegt, damit weiterzuarbeiten. Und dazu gehört, leider, wie die Lehrerin schmunzelnd betont, auch das Schreiben einer Klassenarbeit.

Aber vorher geht es noch in das Theater nach Mühlheim an der Ruhr wo Dürrenmatts Physiker gegeben werden. Im kommenden Jahr kommen die Zehntklässler zum letzten Mal in den Genuss dieses sehr intensiven Deutschunterrichts. Dann läuft die Realschule aus.

(RP)
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