Kevelaer: Kindesmisshandlung nimmt zu

Kevelaer : Kindesmisshandlung nimmt zu

Die Nachricht ist alarmierend: Noch nie mussten so viele Jugendliche in Kevelaer vor ihren eigenen Familien geschützt werden. Eltern sind oft überfordert mit ihren Kindern. Das Jugendamt kennt erschütternde Fälle.

Seit Wochen liegt der kleine Kevin im Krankenhaus. Außer den Ärzten und Schwestern kümmert sich niemand um den Säugling. Besuch hat Kevin noch nie bekommen. Es sind Fälle wie diese, die Matthias Jansen, auch nach 20 Jahren Dienst im Amt für Jugend, Schule und Sport in Kevelaer, immer noch unter die Haut gehen. Und sie nehmen zu.

Eine traurige Statistik, wobei "Rot" die aktuelle Situation widerspiegelt. Überall im Kreis Kleve nehmen Fälle von Kindesmishandlung zu – sie werden auch häufiger bekannt. Foto: RP

Noch nie haben Jugendämter so häufig Kinder und Jugendliche in Schutz nehmen müssen, weil sie misshandelt oder vernachlässigt wurden. Im Kreis Kleve war das im vergangenen Jahr 93 Mal der Fall. In Kevelaer musste das Jugendamt 14 Mal einschreiten. Elf der in Schutz genommenen Kinder waren unter 14 Jahre alt. Drei Mal war das Kind so akut gefährdet, dass es in Obhut genommen wurde.

Dabei sind die Hürden für eine Inobhutnahme hoch. "Wir versuchen immer, das Einverständnis zu erzielen. Doch manchmal geht es nicht anders, und wir setzen die Inobhutnahme durch. Das geht aber nur mit der Erlaubnis eines Familiengerichts", sagt Jugendamtsleiter Jansen.

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Meistens wird das Jugendamt von Nachbarn gerufen, die mitbekommen haben, dass ein Kind von seinen Eltern geschlagen wurde. Manchmal melden sich Eltern, weil sie mit der Erziehung ihres Kindes einfach überfordert sind. Und dann gibt es noch die Fälle, in denen die Kinder und Jugendlichen selbst um Hilfe rufen. Einmal wurde ein 15- Jähriger im vergangenen Jahr auf eigenen Wunsch in Obhut genommen. "Besonders schwierig wird es, wenn man mit jüngeren Kindern zu tun hat, die sich noch nicht so gut artikulieren können", betont Jansen.

Wenn Kinder nicht mehr in ihren eigenen Familien leben können, werden sie in geschulten Pflegefamilien untergebracht. "Manchmal sind aber auch die Jugendlichen so problematisch, dass sie den Pflegefamilien nicht zumutbar sind. Dann kommen sie ins Heim. Wir arbeiten eng mit dem Anna-Stift in Goch zusammen", berichtet der Jugendamtsleiter.

Die Inobhutnahmen hätten auch deshalb ständig zugenommen, weil die Menschen für das Thema Kindesmisshandlung sensibilisiert seien, so Jansen. "Die Leute schauen genauer hin. Vor einiger Zeit haben wir einen Anruf von einer Lehrerin erhalten, dass ein Schüler mit einem Schütteltrauma erschienen sei. Nachdem wir eingeschritten waren, stellte sich heraus, dass das Kind tatsächlich misshandelt worden war. Wir bekommen auch Anrufe von Eltern, die nicht mehr mit ihren Kindern unter einem Dach leben wollen", sagt der Fachbereichsleiter.

Auch Kinderärzte rufen beim Jugendamt an, wenn sie bei Kindern einen mangelnden Ernährungszustand feststellen. Gefragt nach den Gründen für die Besorgnis erregende Zunahme der Inobhutnahmen, sagt Jansen: "Den Eltern sind andere Werte als Familie oft wichtiger. Dazu gehören vor allem Urlaub und Freizeit. Außerdem beobachte ich eine gewisse Verrohung."

(RP)