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Kevelaer: Autorin berichtet von ihrer Kindheit mit Hartz IV

Lesung : Eindrücke aus einer Hartz-IV-Kindheit

In einer faszinierenden Buchlesung präsentierte die Autorin Undine Zimmer verschiedene Geschichten aus ihrer finanziell schwierigen Jugend. Es ging um Trinkpäckchen als Status-Symbol, Ballerina-Übungen und den Wunsch nach Anerkennung.

Auf einem Tisch im Forum der Öffentlichen Begegnungsstätte lagen verschiedene Sachen: eine Lidl-Tüte, ein Trinkpäckchen Capri-Sonne, eine Zigarettenschachtel, ein Hammer und etliche andere Gegenstände. „Das alles erinnert mich an Situationen aus meiner Kindheit“, verriet Autorin Undine Zimmer.

„Meine Eltern sind Langzeitarbeitslose, die die Integration in den Arbeitsmarkt nicht geschafft haben.“ Um ihre Erlebnisse aufzuarbeiten, ihren Weg zu zeigen, schrieb Zimmer ihr Buch „Nicht von schlechten Eltern – Meine Hartz-IV-Familie“. Sie stellte es in Kevelaer bei einer Lesung vor, die exklusiv für pädagogische Fachkräfte war. „Wir haben dieses Jahr das Thema ‚Kinderarmut hat viele Gesichter‘ begonnen, und dazu passt das Werk wunderbar. Es illustriert sehr gut die Probleme, aber auch die Menschlichkeit“, erklärte Organisatorin Ruth Trötschkes vom Jugendamt in Kevelaer. Die gespannten Zuhörerinnen und Zuhörer aus der Kita, den Schulen, dem Offenen Ganztag und weiteren Institutionen hingen an den Lippen von Autorin Undine Zimmer.

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Die Gegenstände auf ihrem Tisch sind die interaktive Auswahlmöglichkeit des Abends. „Es läuft so ab, ich werde den ersten und dann den letzten Gegenstand wählen, aber ansonsten: Rufen Sie rein, sagen Sie mir, welche Sache ich besprechen soll“, erklärte Zimmer. „So bleiben die verschiedenen Vorlesungen auch immer spannend, da es immer einen anderen Ablauf gibt.“

Zuerst kam die glitzernde Lidl-Tüte dran: „Es ist meine erste Erinnerung an die Arbeitslosigkeit meiner Eltern. Meine Mutter träumte von Sachen, die nie in unserem Einkaufswagen landen werden. Ich war keine drei Jahre alt, und ich erinnere mich daran, dass meine Mutter geweint hat, als sie beim Arbeitsamt war.“ Undine Zimmer berichtete davon, wie die Jobvermittler ihrer Mutter einen mangelnden Wunsch nach Arbeit unterstellten, obwohl sie sich immer bemühte und sie selbst bereits ein kompliziert-bedrückendes Leben hatte, das weiterhin auf ihren Schultern lastete. Die „Capri Sonne“ auf dem Tisch leitete in jene Geschichte über, bei der die Autorin sagte, dass ihre Mutter diese nicht mag, „denn auch ein Trinkpäckchen kann zum Statussymbol werden“.

Zimmer betonte während ihrer Lesung immer wieder, dass sie von ihren geschiedenen Eltern stets unterstützt wurde, so gut es ihnen möglich war. Ob die Mutter Marmorkuchen backte, einen „Erwachsenenkuchen“, wie Zimmer fand, oder ob sie ihr bei ihrem Wunsch nach einer Ballettschule half. Dann war da das eine Karnevalsjahr, als die Autorin unbedingt als Schildkröte gehen wollte, da sie die kleinen Panzertiere seit Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ in ihr Herz geschlossen hatte, aber nachher mit einer selbst gebastelten Verkleidung herumlief, die eher wie ein Frosch aussah. Mit 16 Jahren zog Undine Zimmer von zu Hause aus. „,Du bist das einzig Vernünftige, das wir hingekriegt haben’, sagte mein Vater mal halb scherzhaft“, meinte die Autorin nachdenklich am Ende. Autoschlüssel, Kaffeetassen, Ballerina-Schuhe, ein Froschkönig und andere Erinnerungsstücke ihrer Kindheit führten dabei zu eindringlich-faszinierenden Einblicken in ihr Leben.

2013 erschien ihr Buch, im gleichen Jahr begann sie im Jobcenter zu arbeiten, seit zwölf Monaten ist sie dort verantwortlich für Chancengleichheit. Sie beendete ihre Lesung mit klaren Worten: „Ich habe, was ich geschafft habe, nicht trotz, sondern wegen meiner Eltern geschafft.“