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Weeze/Kleve: Inbusschlüssel-Attacke: Weezer auf Bewährung verurteilt

Weeze/Kleve : Inbusschlüssel-Attacke: Weezer auf Bewährung verurteilt

Was macht man mit einem Menschen, der seinen Nachbarn im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses verfolgt, ihn niederringt und schließlich neunmal auf ihn einsticht?

Die 1. große Strafkammer des Landgerichts Kleve hatte diesen Fall aus Weeze am Mittwoch, 21. Dezember zu verhandeln und kam zu der Erkenntnis: Der Angeklagte (40) verließ das Gericht als freier Mann. Er wurde zwar zu einer Haftstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt, doch das Gericht setzte die Strafe zur Bewährung aus.

Dass die Kammer Milde walten ließ, liege "an der großen Besonderheit dieser Angelegenheit", so der Vorsitzende Richter Jürgen Ruby bei der Urteilsbegründung. Die Besonderheit — das war die Psyche des Angeklagten. Einblicke darin gewährte der 40-Jährige, als er in seine Version der Geschehnisse schilderte.

Wahnhafte Welt

Es war eine wahnhafte Welt, in der der Weezer allüberall eine übermächtige Verschwörung der "rechten Szene" gegen seine Freundin witterte. "Meine Freundin ist in der Schweiz programmiert worden", erläuterte der 40-Jährige. Der Nachbar habe davon gewusst und beispielsweise Schmetterlingsaufkleber an seiner Mülltonne angebracht — im Wissen darum, welche verheerenden Auswirkungen der Anblick der Falter auf seine Freundin habe.

Die Freundin selbst wirkte an dem Wahngebäude auch eifrig mit und bezichtigte den Nachbarn beispielsweise der Vergewaltigung. Das glaubt der Verurteilte bis heute — obwohl der Nachbar zum angeblichen Tatzeitpunkt nachweisbar im Krankenhaus gelegen hatte.

Der Bluttat im Mai vergangenen Jahres wiederum ging eine neuerliche Aufkleber-Aktion voraus. Diesmal war die Lebensgefährtin des Nachbarn auf die Idee gekommen, ein Fenster im Flur mit ein paar Blumenaufklebern zu dekorieren. Als der Angeklagte die Blüten erblickte, sah er sofort Rot. Denn er befürchtete, dass seine Freundin darunter schwer zu leiden hat. Also lauerte er seinem Nachbarn im Treppenhaus auf, verfolgte ihn und verwickelte ihn in ein Handgemenge. In dessen Verlauf zückte der Täter plötzlich einen in Eigenarbeit zu einem Dorn angespitzten Inbusschlüssel und stach damit auf sein Opfer ein. Dabei schrie er: "Ich mach' dich alle, ich mach dich fertig!"

Opfer in Behandlung

Das Opfer trug kleinere Verletzungen davon, musste mehrere Tage im Krankenhaus verbringen und ist heute noch in psychotherapeutischer Behandlung. "Ich hatte Todesangst", sagte der heute 63 Jahre alte Frührentner.

Die entscheidende Rolle in dem Prozess kam dem psychiatrischen Gutachter, Dr. Alexander Pantelatos, zu. Er attestierte dem Täter und seiner Freundin das extrem seltene Krankheitsbild "Folie a deux" (verrückt zu zweit). Demnach sei der Täter von seiner Freundin mit deren persönlicher Wahnwelt gewissermaßen infiziert worden. Pantelatos: "Es hat sich ein sehr abstruses Wahngebilde mit komplotthaften Erleben entwickelt, in das sogar der Vater seiner Lebensgefährtin und deren Psychotherapeutin einbezogen wurden." Daraus resultiert nach Ansicht des Mediziners eine "erheblich verminderte Schuldfähigkeit". Dieser Auffassung schloss sich die Kammer an.

Interessanterweise lebte der Weezer bis zu der Tat trotz der komplexen Paranoia vollkommen unauffällig. Seit 1996 arbeitet er in demselben Betrieb als qualifizirter CNC-Zerspanungsmechaniker. Um seine Wohnung zu finanzieren, arbeitete er nebenher als Türsteher — auch dies, ohne dass je ein Vorfall aktenkundig geworden wäre. Pantelatos: "Die Funktionstüchtigkeit im normalen Alltag läuft parallel zum wahnhaften Erleben."

Drei Jahre Bewährung

Nicht unbedingt beruhigend fiel indes die Antwort von Pantelatos auf die Frage aus, ob sich ein Geschehen dieser Art wiederholen könne. Wichtig sei, dass er von seiner Freundin mittlerweile getrennt lebe. Pantelatos: "Dies verhindert eine weitere Dynamisierung des Wahngeschehens. Unter diesen Umständen ist die Prognose, dass sich das zurückentwickelt, recht günstig — aber das muss nicht so sein."

Wohl auch deshalb verband die Kammer die auf drei Jahre festgelegte Bewährungszeit mit der Auflage, eine ambulante psychiatrische Therapie zu beginnen. "Ich hoffe, dass Sie sich behandeln lassen und das Friede in das Haus einkehrt", so die weihnachtlichen Wünsche von Richter Ruby an den Täter.

(jul)