Kevelaer: Geschichts­stunde mit dem Stasi-Opfer

Kevelaer : Geschichts­stunde mit dem Stasi-Opfer

Burkhard Seeberg zu Gast am Collegium Augustianum Gaesdonck. Seine außergewöhnliche Lebensgeschichte fesselte die Schüler.

Eine besondere Geschichtsstunde hatten jetzt die Schüler des Abiturjahrgangs am Collegium Augustinianum Gaesdonck. Sie bekamen Besuch von Burkhard Seeberg, einem Zeitzeugen mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Er berichtete den Schülern aus erster Hand von den Repressalien des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS/Stasi).

Seeberg stammt aus Münster. Geprägt durch die 68er Bewegung, war er eher aus Ermangelung von Alternativen der DKP beigetreten, da die Jusos zu dieser Zeit keine Schüler aufnahmen. Anlässlich der 10. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ostberlin lernte er ein ostdeutsches Mädchen kennen, das später seine Frau werden sollte.

Eindringlich schilderte er den Schülern die Probleme und Beschwerlichkeiten dieser Fernbeziehung. Einreisebeschränkungen, Zwangsumtausch von West- in Ost-Mark, der mitgelesene Briefverkehr von ostdeutscher Seite, aber auch - wie Seeberg später erfuhr - von westdeutscher Seite, sowie Telefonate unter heute unvorstellbaren Bedingungen waren einige der Hindernisse. Die Schüler erfuhren vieles über das Leben in der DDR sowie über die Funktionsweise und das Vorgehen des MfS. Die Erfahrungen mit dem real existierenden Sozialismus ließen ihn immer mehr auf Abstand zu seinen vorherigen Überzeugungen gehen, und es reifte der Wunsch, seine Freundin aus der DDR zu holen.

Dazu organisierte er 1979 einen gefälschten BRD-Pass, mit dem sie zusammen über Budapest nach Westdeutschland ausreisen wollten. Vermutlich aufgrund eines kleinen Details - der falschen Farbe eines Stempels - missglückte die Flucht. So wurden sie bei der Rückkehr in die DDR umgehend von der Staatssicherheit verhaftet und in das Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen eingeliefert. Hier verbrachte Seeberg etwa vier Monate bis zu seiner Verurteilung, von denen er siebeneinhalb Wochen in Einzelhaft isoliert war.

Die Schilderung der Haftbedingungen beeindruckte die Schüler. Die Vorschriften zur Liegeposition sowie die Kontrollen alle zehn Minuten schränkten beispielsweise die Nachtruhe massiv ein. Davon abgesehen erregte auch die Gefängnisverpflegung das Interesse der Schüler. Dabei war bemerkenswert, dass das Essen besser war als in der Justizvollzugsanstalt Bautzen II, in der er später untergebracht war. Dort konnte es aufgrund der Mangelwirtschaft auch schon einmal mehrere Wochen hintereinander den Blumenkohl aus ein und derselben Waggonladung geben, der dann von Woche zu Woche immer neue Farben annahm.

Glücklicherweise mussten weder Seeberg noch seine Freundin ihr Strafmaß, das zwischen zwei Jahren und zwei Monaten und drei Jahren Haft lag, vollständig absitzen. Beide wurden im Herbst 1980 für jeweils 70.000 DM von der Bundesrepublik freigekauft. Für das Paar gab es dann also ein Happy End, und einer Heirat stand nichts mehr im Wege.

Seeberg wusste nicht nur durch Bilder, sondern auch durch seine offene und lebendige Vortragsweise die Schüler zu fesseln. "Seine Begabung, Geschichten und Anekdoten zu erzählen, ist schon zu Beginn seines Vortrags deutlich geworden," resümierte etwa Schülerin Anika Hülsmann. Neben diesem einmaligen Blick in die Vergangenheit gab der Zeitzeuge den Schülern aber gerade auch Denkanstöße für die heutige Zeit. Zum Beispiel, dass man auch in Zeiten des Terrors nicht leichtfertig die Freiheit zugunsten der Sicherheit opfern solle.

(RP)
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