Generalvikar Klaus Winterkamp spricht in Kevelaer zu Missbrauch

Kirche in Kevelaer : Missbrauchsopfer wollen Klarheit

Der Imageschaden der Institution tut Generalvikar Klaus Winterkamp weh. In Kevelaer sprach er schonungslos offen über den Zustand der katholischen Kirche.

„In einer pluralistischen Gesellschaft wird auch die Kirche eine pluralistische sein“, ist sich der Generalvikar des Bistums Münster, Klaus Winterkamp, sicher. Der gesellschaftliche Umbruch sei auf vielen Ebenen spürbar. Die Parteienlandschaft in der Bundesrepublik stelle sich breiter auf (Piraten, AfD), die Vielfalt an Lebensstilen nehme zu, und in der Gesellschaft verankerte Institutionen wie die Kirche würden für viele Menschen zunehmend unattraktiv. Mit einem nüchternen Blick zieht der Verwaltungschef des Bistums auf der Klever Kreisdekanatsversammlung im Kevelaerer Priesterhaus ein Fazit und verweist auf eine unausweichliche Reformierung der katholischen Kirche.

Er weiß um den Imageschaden, den die Kirche durch die Missbrauchsfälle davonträgt. Seit Oktober investiert er viel Zeit in die Aufarbeitung vergangener Fälle. „Die Opfer wollen wissen, wer wann was gemacht hat“, informiert er. Aus der Ära des Generalvikars Reinhard Lettmann liege noch viel auf dem Schreibtisch, was zusammen mit einem wissenschaftlichen Team aufgearbeitet werden muss. Dies wird vermutlich zwei Jahre in Anspruch nehmen.

Neben der Aufarbeitung vergangener Missbrauchsfälle, bei denen die meisten Täter bereits verstorben sind, kämpfe das Bistum auch mit anderweitigen Übergriffen am Niederrhein, die sich in rechtlichen Grauzonen befinden. Hier könne die Staatsanwaltschaft nicht eingreifen, da kein wirklicher Tatbestand vorliegt. Dies sei ein großes Problem und verursache Ratlosigkeit beim Bistum.

Amtsträger, die in diesen Grauzonen gehandelt haben, würden vom Bistum nicht mehr eingesetzt, müssten jedoch vom Bischof bis ans Lebensende bezahlt werden, da keine Tat im strafrechtlichen Sinne vorliege. Dieses Amtsverständnis sei eine weitere Problematik. Diese Priester besitzen zudem eine Rehabilitierungsmöglichkeit und können von einem Nachbar-Bistum theoretisch wieder eingesetzt werden.

Die klaffende Wunde am Körper der katholischen Kirche hat ihren Preis. Im geschichtlichen Verlauf ging die Kirche falsch mit der Fehlbarkeit des Menschen (Missbrauchsfällen) um. Auch das ist ein Grund, für den zunehmenden Trend hin zu Kirchenaustritten, vermutete Winterkamp. Die Prognosen einer Studie vermelden ein Stück weit Untergangsstimmung im Hinblick auf den Kirchenhaushalt (Einnahmen aus Kirchensteuer). Dies liegt an den rückläufigen Mitgliederzahlen, informiert Winterkamp. Gegenwärtig seien noch rund 1,8 Millionen der etwa 4,3 Millionen Menschen im Einzugsgebiet des Bistums Mitglied in der Kirche. Bis 2060 werden rund 700.000 Bürger aus der Kirche austreten. Der Stellvertreter des Bischofs bestätigt den sich abzeichnenden Trend. In den ersten drei Monaten des Jahres sind durchschnittlich 1100 Menschen pro Monat ausgetreten. 2018 war es ähnlich (rund 12.000 Austritte). Generalvikar Winterkamp hat als Chef der Bistumsverwaltung die Finanzen stets im Blick. Seit seinem Dasein als Generalvikar schrieb das Bistum 2019 erstmals „Minusmonate“ – sogar drei in Folge. „Sowas kennen wir eigentlich gar nicht“, resignierte Winterkamp.

Die Kirche und die großen Parteien, CDU und SPD, bestärken und unterstützen sich gegenseitig in einer langwährenden Tradition. Inwieweit die Stärkung durch die Regierung bei einer sich voraussichtlich etablierenden Dreier-Koalitionen (etwa Jamaika) auch in Zukunft noch aufrechterhalten bleibe, das steht für Winterkamp in den Sternen. Sollten mögliche Koalitionspartner FDP und Grüne eine Steuer für kulturelle Zwecke anstelle der Kirchensteuer bevorzugen, stehe die Kirche vor ernsten finanziellen Sorgen. Einen derartigen Vorfall gab es bereits in Luxemburg. Dort ist über Nacht die Kirchensteuer weggefallen. Auch wenn es in dieser drastischen Art und Weise in Deutschland nicht zu erwarten ist, sei dies eine akute Gefahr für den Kirchenhaushalt.

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