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Weeze: Familiendrama: Frage nach dem Warum

Weeze : Familiendrama: Frage nach dem Warum

Nach dem Fund zweier Säuglings-Leichen auf einem Bauernhof in Weeze wird über die Gründe gerätselt. Psychologe Michael Bay spricht von einem "fehlenden familiären Geflecht" im Umfeld der Weezerin.

Am Tag nach Bekanntwerden des Familiendramas in Weeze sind noch viele Fragen offen. Wie kann es dazu kommen, dass eine junge Mutter ihr eigenes Kind tötet? Und gleich zweimal innerhalb kürzest möglicher Zeit, nämlich innerhalb von zehn Monaten? Warum hat niemand bemerkt, dass sie in Umständen war, warum hat sie sich keine Hilfe geholt? Auch, was die Ermittlungen angeht, stellt sich eine Frage: Kann es Zufall sein, dass die Polizei, nachdem sie zum Leichenfund nach Weeze gerufen wurde, zu einer Ruhestörung bei der Mutter der jungen Weezerin nach Geldern ausrückte? Dort hatte man die Tochter festgenommen.

Susanne Nast von der Presseabteilung der ermittelnden Polizei Krefeld sagt dazu: "Es war wirklich reiner Zufall, dass die Kollegen bei der Ruhestörung in Geldern die gesuchte junge Frau vorfanden." Der Gedanke, es sei vielleicht im Zuge ihres Geständnisses zu einer lautstarken Auseinandersetzung gekommen, treffe nicht zu. Dass der Vater zehn Tage lang nichts von der Geburt in seinem Haus gemerkt habe, sei denkbar, weil er die Räume im Obergeschoss wohl nur selten betrete. Die Polizei hatte dort reichlich Blutspuren entdeckt. Weitere Erkenntnisse gebe es derzeit nicht, es werde weiter ermittelt.

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Diplom-Psychologe Michael Bay spricht über mögliche Hintergründe. "Der Beziehungsaspekt für sie und ihre Familie fehlt augenscheinlich", sagt Bay, Psychologe der Landesklinik in Bedburg-Hau. Es gebe kein "familiäres Geflecht". Offensichtlich habe die Weezerin für ihre Umwelt "gar nicht existiert", sei unsichtbar gewesen. Sie hätte wohl niemanden gehabt, dem sie sich anvertrauen konnte. Erst nach der Tötung der beiden Säuglinge interessiere man sich für sie. "Das ist das Perverse daran", merkt Bay an.

Neben einem Gefühl der Einsamkeit vermutet Bay bei der Weezerin: "Sie scheint kein Empfinden zu haben, was in ihr selbst und anderen Menschen vorgeht." Nicht nur der Psychologe fragt sich, was den Druck so erhöht hat, dass sie gerade jetzt ihrem Vater von der Tötung berichtet hat. Aus der Ferne vermag er die Frage nicht zu beantworten.

Regina Steiner ist Leiterin des Förderzentrums in Kevelaer. Mit den Kindern, die Hilfe beim Erwachsenwerden brauchen, hat sie täglich zu tun. Auf Anfrage der RP bestätigt sie, dass Sexualaufklärungein wichtiger Bestandteil von Bildung und Erziehung ist. Und dass an dem Thema "Körper" schon ab der dritten Klasse gearbeitet wird. "Sexuelle Übergriffe verhindern und der Umgang mit der eigenen Sexualität — das sind dann eher Themen für die Sekundarstufe." Mit den biologischen Aspekten seien die Kinder schnell vertraut; viel schwieriger sei es, ihnen eine Wertschätzung der eigenen Person zu vermitteln. "Gerade unsere Schüler tun oft obercool, wollen Schwächen und Ängste nicht eingestehen. Ihre geistige, soziale und emotionale Entwicklung kommt mit der körperlichen nicht mit."

Verantwortung für sich selbst und dann auch für andere zu übernehmen, müsse gelernt werden. Auch, dass sich Partnerschaft nicht auf Körperliches beschränkt, sondern mit Wertschätzung zu tun hat. Verhütung sei selbstverständlich Thema im Unterricht, "aber wenn die Gefühle hochkommen, kriegen die Kinder das oft nicht hin." Deshalb ist Regina Steiner auch skeptisch, ob die Babyprojekte, die den Mädchen eine "Elternschaft auf Probe" ermöglichen (angeboten etwa vom Sozialdienst katholischer Frauen), nicht manchmal kontraproduktiv sind. "Sie sehnen sich doch alle nach Liebe und genießen es, etwas zum Versorgen zu haben."

Regina Steiner würde sich wünschen, dass junge Menschen, denen die Reife fürs Leben noch fehlt, auch nach der Schulzeit noch Betreuung hätten. Aber wer sollte dies leisten — und bezahlen? Seite A 3

(RP)