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Kevelaer: Ein Forum für Fragwürdiges?

Kevelaer : Ein Forum für Fragwürdiges?

Der Mediziner Ernst August Stemmann will seine Therapie gegen Neurodermitis in der Städtischen Begegnungsstätte Kevelaer vorstellen. Kritikern gilt der Gelsenkirchener als ein Vertreter „okkulter Medizin“.

Quälender Juckreiz und aufgekratzte Wunden – das sind die Symptome der Neurodermitis, einer chronischen Entzündung der Haut. Bislang machen Mediziner den Patienten wenig Hoffnung. Die Krankheit gilt als unheilbar, mit Medikamenten wie Kortison wird eine Linderung angestrebt.

Ein Gelsenkirchener Mediziner erklärt jedoch: „Neurodermitis ist heilbar“. Ernst August Stemmann, Leiter der Abteilung für allergische Erkrankungen der Kinderklinik Gelsenkirchen-Buer, hat zu diesem Thema für die kommende Woche einen Vortrag in der Öffentlichen Begegnungsstätte Kevelaer angekündigt.

„Keine Hautkrankheit“

Stemmann ist überzeugt, dass die bisherige Sicht auf Krankheiten wie Neurodermitis, aber auch Asthma und Heuschnupfen falsch ist. Seine Theorie: Die wahren Ursachen liegen nicht im körperlichen, sondern im seelischen Bereich. Neurodermitis sei deshalb „nicht als eine Hauterkrankung zu betrachten“, schreibt der Mediziner in der Broschüre eines Selbsthilfevereins.

Der Haken: Stemmann ist in Fachkreisen heftig umstritten. Der Streit um seine „Gelsenkirchener Behandlungsmethode“ war bereits dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ im Jahr 2005 eine Geschichte wert. „Experten warnen, die Methode sei nicht nur nutzlos, sondern auch riskant“, heißt es dort. Das Magazin hatte drei Fachkollegen Stemmanns um Stellungnahme gebeten. Die Urteile fielen vernichtend aus. „Das ist okkulte Medizin“, zitiert der Spiegel den Hamburger Kinderarzt und Dermatologen Peter Höger. So könnten beispielsweise die Diät-Vorschläge Stemmanns bei den behandelten Kindern zu verzögerter Entwicklung führen. Andere Mediziner kritisieren die psychologischen Rezepte des Gelsenkirchener Arztes, beispielsweise das „Trennungstraining“, bei „dem die Mutter üben soll, ihrem Kind fern zu bleiben, selbst wenn dieses schreit“, so der „Spiegel“.

Rund 50 Ortsgruppen

Stemmann hat allerdings nicht nur Kritiker, sondern auch eine treue Gefolgschaft, die sich bundesweit in den rund 50 Ortsverbänden der Gruppe „Allergie- und umweltkrankes Kind“ (AUK) organisiert hat. Auf ihrer Internet-Seite berichten die Mitglieder über die positiven Erfahrungen mit der „Gelsenkirchener Behandlungsmethode“. Bücher, Broschüren, Cassetten und CDs, von Stemmann selbst besprochen, werden angeboten. Laut Benedikt Wolbeck, dem Sprecher des NRW-Gesundheitsminsteriums, bezahlen alle Krankenkassen in Nordrhein-Westfalen Stemmanns Therapie. Das sei zumindest der Stand des Jahres 2005.

Die Recherche der RP versetzte gestern Kevelaers Stadtverwaltung in Alarm. Bürgermeister Dr. Axel Stibi erklärte: „Wir werden das genau prüfen.“ Eine Entscheidung, ob der Vortrag wie vorgesehen stattfinden könne, werde Anfang nächster Woche getroffen. Geplant war die Veranstaltung für Dienstagabend um 19 Uhr.

(RP)