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Dorfspaziergang durch Twisteden in Corona-Zeiten

Dorfspaziergang in Corona-Zeiten : Die Dorfgemeinschaft hat sich bewährt

Gegenseitige Hilfe und Unterstützung war in der 2500-Seelen-Gemeinde Twisteden in der Krisenzeit angesagt. Doch wie gestalten die Twistedener ihren Alltag in Zeiten von Corona?

Welche markanten Punkte verbinden wir spontan mit der Ortschaft Twisteden? Idyllischer Dorfcharakter schlechthin, das „Irrland“ als Touristenmagnet für Familien, die Windmühle, der Traberpark und der Minigolfplatz, das kleine Heimatmuseum – dies alles fällt auf Anhieb ein und beim Rundkurs durch die 2500-Seelen-Gemeinde ins Auge. Doch wie gestalten die Twistedener ihren Alltag in Zeiten von Corona?

Zunächst sind es keine Twistedener, die mit ihren Sporträdern an der Bushaltestelle stoppen. Für das zweite Frühstück holen sich Hilde und Edgar Hax gegenüber beim Bäcker schnell frische Brötchen. Stärkung für die Tagestour, wie sie erklären. Nicht nur, aber insbesondere in diesen Zeiten hat das sportliche Rentnerpaar aus Nieukerk das Radfahren für sich entdeckt. Hilde Hax: „Regelmäßig in jeder Woche. Das sind im Tagesschnitt so bis 50 Kilometer. Da können wir prima Abstand zu anderen halten. Jetzt suchen wir uns mal ein ruhiges Plätzchen.“ Dass es im Dorf selbst keine ausgewiesenen Radwege gebe, das sei halt so mit dem Radwegenetz wie in vielen Dörfern am Niederrhein.

Wie ein Markenzeichen ragt die Riesenrutsche im Freizeitpark „Irrland“ in den Himmel hinaus. Foto: Kriegel

Als schönen Platz drängt sich der Dorfplatz mit üppigen Geranienblüten auf. Dort wartet auf einer Parkbank Krzysztof Wycisk auf seinen Landmann, der einen Besuch beim Arzt macht. Notfalls, erklärt der Pole entspannt, werde er dann dolmetschen. Seit zehn Jahren komme er nach Twisteden, werde überall eingesetzt von seinem Arbeitgeber. Wycisk hat registriert, dass nicht so viele Landsleute wie bisher gekommen sind, aber überall Saisonhelfer im Garten- und Landschaftsbau angefordert werden.

Von einem anderen Familienalltag berichtet Matthias Szewczyk. „Ich spüre schon Angst, wie es im nächsten Monat wohl sein wird. Seit drei Monaten bin ich in Kurzarbeit. Muss ich irgendwann Hartz-IV beantragen? Komme ich finanziell über die Runden? Meine Frau arbeitet, ich bin gerade Hausmann“, so der Metallbauer, der auf dem Schulhof auf seinen Sohn Maximilian wartet. Die Familie hat ihr Zuhause in einem der ehemaligen Bunker des Traberparks eingerichtet. „Aber wie wird es uns ergehen im nächsten Monat?“, fragt der zweifache Vater, der jetzt den Haushalt führt. Und er ist eher verärgert über die auferlegten Hygienemaßnahmen mit Mundschutz. Meint, dass die Hilfe für Familien verbessert werden müsste.

Viel zu tun hat in diesen Tagen Andy Dennemans. Seine Getränke sind sehr gefragt. Foto: Kriegel

Ein ständiges Kommen und Gehen von Kunden hält dagegen Christoph Hecks und sein Team ganz schön auf Trab. „Keine Zeit, ich muss die Ware auspacken“, entschuldigt sich der Geschäftsführer von „Nah und Gut“. Vor dem Laden diskutieren zwei Rentner über das Tagesgeschehen. Dort steigt Angelika Kobsch zum Einkaufen vom Rad. „Aktion Stadtradeln, wissen Sie? Ich bin dabei. Wie es ist, mit Corona im Alltag? Ich gehe völlig entspannt mit der Situation um, obwohl ich ja eher zur Risikogruppe gehöre“, findet die Twistedenerin. „Das Gute ist, dass ja alle zu Hause bleiben mussten. Glücklicherweise pendelt inzwischen auch der Twistedener Bürgerbus wieder eingeschränkt. Zweimal am Tag, aber immerhin. Ich kann dem Ganzen sogar etwas Positives abgewinnen. Nämlich, dass das soziale Umfeld hier in diesen Zeiten sehr gut funktioniert. Viele nehmen Rücksicht, helfen sich gegenseitig. Das ist in Twisteden so, in den Vereinen, im Ehrenamt, in den Nachbarschaften. Leider mussten wir unsere Jubiläumsfeier der Nachbarschaft Eichenstraße absagen. Also: kein Maibaumsetzen, das Fest ist verschoben.“ Und noch eins sei ihr Rückhalt schlechthin, wenn es mal schlecht laufe: die Familie.

An der Kuhstraße klappert es aus einer weit geöffneten Scheune. Dort befüllt Andy Dennemans seinen Transporter. „Ich könnte jetzt 24 Stunden an einem Stück arbeiten“, freut sich der Getränkelieferant nicht nur über das Sommerwetter. „90 Kästen, die jetzt gleich zum Weezer Sportplatz müssen“, kündigt er seine nächste Liefertour an. „Natürlich, wir hatten während des Shutdowns ein Problem. Die Gastro war komplett eingestellt, etliche Großveranstaltungen für dieses Jahr wie das Stadtfest in Kevelaer wurden abgesagt. Ich hatte vorbestellte Ware bezahlt und eingelagert.“

Den Getränkehandel hatte Andy Dennemans just zu Jahresbeginn von seinen Eltern übernommen, so der Jungunternehmer. Er hofft sehr auf ein Ende vom „Alptraum Corona“. In der extremen Phase habe er jedoch trotz des allgemeinen Stillstands neue Kunden hinzugewonnen, und zwar durch Lieferungen bis an die Haustür. „Ältere Leute schätzen den Service. Glücklicherweise stelle ich fest: Es wird wieder geheiratet und gefeiert. Jetzt geht’s zur Sache“, greift Dennemans beherzt die nächste Getränkekiste.

An der Kuhstraße schlummert die Kate mit dem Heimatmuseum vor sich hin. Ausgangs des Weges verstärkt sich das Stimmengewirr. Allmählich füllt sich das „Irrland“ mit Gästen. Wie abgehoben wirken die Flugzeuge am Anfang und Ende des Parks. Noch sind die Parkplätze nur zur Hälfte belegt. Das wird sich ändern, wenn die Familien ihren Urlaub in heimischen Gefilden verbringen. Alles ist gerüstet, auch zu veränderten Hygienebedingungen. Die Ferien können kommen.