Kevelaer: Die kleine "Momo" rührt die Kevelaerer

Kevelaer : Die kleine "Momo" rührt die Kevelaerer

Im voll besetzten Konzert- und Bühnenhaus brachte die Theaterwerkstatt von Haus Freudenberg eine wunderbare Fassung des Stücks nach Michael Ende. Die Darbietung führt zum Nachdenken über das eigene Verhalten.

Die Theaterwerkstatt von Haus Freudenberg hatte wieder zum Theater eingeladen. Das Konzert und Bühnenhaus in Kevelaer war viel zu klein für alle Besucher, und dennoch fanden alle irgendwo einen Platz. Es hat sich wohl rumgesprochen, dass die Theaterwerkstatt unvergessliche Momente zaubern kann. Und genau darum geht es auch in "Momo". Das bekannte Stück nach Michael Ende wurde hier neu interpretiert.

Unter der Regie von Anna Zimmermann-Hacks verwandeln sich acht Menschen (gespielt von Christian Hanßen, Claudia Warm, Markus Eckhart, Helge Wunderlich, Philipp Wälbers, Tobias Vos und Vanessa Stiels) in "graue Herren", die alle ein Handy am Handgelenk tragen. Sie kommen von der Zeitsparkasse und wollen den Menschen dabei helfen, Zeit zu sparen. Wie Fusi, dem Frisör (gespielt von Mechthild Meckenburg). Er gibt viel zu viel Zeit unnötig aus. So hat er einen Wellensittich, der jeden Tag 15 Minuten Pflege und Zuwendung braucht. Das muss nicht sein. Auch die kranke Freundin, die Fusi immer besucht, klaut zu viel Zeit. Jeden Tag eine halbe Stunde, wenn man das auf die verbleibende Lebenszeit Fusis hochrechnet, kommt eine große Summe verschwendeter Zeit heraus. Das will der Frisör ändern. Er nimmt den Ratschlag der grauen Herren an und wird Zeitsparer. Momo (Joana Bailey), das kleine Mädchen, welches bei den Ruinen des Amphitheaters wohnt, betrachtet das mit Sorge. Ihre Freunde sind immer abgehetzter. Sie streiten sich viel, weil sie sich kaum noch Zeit füreinander nehmen.

Doch jeder Besucher, der sich an diesem Samstag Zeit für dieses Theaterstück nahm, hat es genau richtig gemacht. Dieses Zusammenspiel der Schauspieler auf der Bühne, die Live-Musik mit Gesang und das gut durchdachte Bühnenbild klingen noch lange in einem nach. Man denkt zurück an den guten Gigi (Steffi Heald), der von einem lustigen Stadtführer zu einem gehetzten Youtube-Star geworden ist. Oder an den Wirt Nino (Heinz-Walter Sweers) der mit seiner Frau Liliana (Jennyfer Wilmsen) ein Gasthaus betreibt. Hier finden alle einen Platz. Doch am Ende wird es zu einem Fast-Food-Lokal, in dem alles ganz schnell gehen muss. Man denkt an den guten Beppo (Eugen Furch), der schon fast mit philosophischen Gedanken seinen Weg kehrt. Er wird am Ende in eine Nervenheilanstalt gesteckt. Auch die Schildkröte Kassiopeia, die am liebsten frühstückt, wächst einem so sehr ans Herz, dass man sie am liebsten mitnehmen möchte.

Die vielen Kinder, die mit Momo spielen, wie Justus (Ingo Tebarth), Maria (Lena Prange), die mutige Franca (Ramona Deppe), der kluge Paolo (gespielt von Max Hoyer), der große Harry (Nickihl Allwood), Roberto (Jonas Deselaers), "das Kind" (Mike Perbix) - sie alle verändern sich, weil die grauen Herren ihnen ein Zeitsparkonto aufgedrängt haben.

Am Ende denkt man an sich selber und an sein eigenes Verhalten in Bezug auf Handygebrauch, Facebook-Nutzung und den Umgang mit seinen Freunden. Dann stellt man fest, wie sehr einem dieses Theaterstück und seine "Aktivisten" doch beeindruckt und beeinflusst haben.

(sina)