Kevelaer: Das letzte Hauptschul-Jubiläum

Kevelaer : Das letzte Hauptschul-Jubiläum

Bevor die Schulform völlig verschwindet, wird in Kevelaer ein großes Fest gefeiert und an 50 Jahre erinnert. Es gab einmal drei Hauptschulen. Vor der Feier gingen Schüler und Lehrer auf große Projekt-Fahrt nach Berlin.

Es wird keine Trauerfeier geben. Auch wenn man das erwarten könnte. Aber die Hauptschule Kevelaer begeht am Samstag ihr 50-jähriges Bestehen, obwohl es sie nach dem Sommer 2019 nicht mehr geben wird. "Nein, wir machen an dem Tag was Schönes. Auch für unsere Kinder. Das sind die letzten Hauptschulkinder in Kevelaer", sagt Schulleiterin Renate Timmermann mit jeder Menge Überzeugung in der Stimme.

Die komplette Schule auf einem Bild: Die neunten und zehnten Klassen waren auf Bildungsreise in Berlin. Foto: Hauptschule

1968 war das Jahr, als das Volksschulmodell in Grundschule und Hauptschule umgewandelt wurde. Im Großraum Kevelaer gab es plötzlich gleich drei Hauptschulen, zwei in Kevelaer und eine in Winnekendonk. Ein Jahr später wurde die Hauptschule Winnekendonk aufgelöst. Die Kevelaerer Schulen bekamen die Namen Edith Stein und Theodor Heuss. Das ist auch noch einmal auf dem Festplakat zum 50-Jährigen aufgegriffen worden.

Von Schülermangel war damals keine Rede. Das Problem schlich sich eher langsam an und wurde am Ende existenzvernichtend für die Schulform Hauptschule. "Viele werden erst bedauern und einsehen, wie wichtig diese Schule war, wenn es sie nicht mehr gibt", sagt Timmermann. Nächstes Jahr, am 12. Juli, geht sie in Pension. "Ich werde den Schlüssel dem Schulträger übergeben. Dann ist auch die Hauptschule Geschichte", sagt die Schulleiterin. Zeitgleich ist es auch das Ende der Realschule in Kevelaer.

Warum sie sich immer wieder für die Schulform Hauptschule entscheiden würde und was die Unterschiede zu anderen Schulformen sind, macht sie schnell deutlich. "Wir haben die Kinder an die Hand genommen und ihnen die Zeit gegeben, die sie brauchen, um sich zu entwickeln", sagt die Schulleiterin. Ihr Stellvertreter Bernd Druyen ergänzt, dass die berufliche Orientierung einer der Schwerpunkte dieser Hauptschule ist und war. Mittels Jahrespraktika zum Beispiel bekommen die Schüler die Chance, einen Tag in der Woche arbeiten zu gehen und sich so in ein Unternehmen einzuleben. "Hauptschule ist keine Sackgasse", betont Timmermann. Aus den Schülern sind zahlreiche Handwerker und Unternehmer hervorgegangen, die man auf dem Ehemaligentreffen am Samstag gerne wiedersieht.

Timmermann erzählt aber auch von der emotionalen Aufbauarbeit, die sie und die Lehrer in den vergangenen Jahren leisten mussten, weil Schüler meinten, ein Stigma zu tragen, nur weil sie auf der Hauptschule waren. "Auch die Eltern mussten Selbstbewusstsein haben", sagt die Schulleiterin traurig. Hauptschule, das Wort allein war irgendwann negativ belastet. "Hauptschule ist keine Sackgasse", betont Timmermann noch einmal.

Für die verbleibenden Neunt- und Zehntklässler wurde kurz vor den Feierlichkeiten zum 50-Jährigen eine Berlin-Fahrt auf die Beine gestellt. "Das gab es noch nie. Eine ganze Schule fährt nach Berlin", sagt Timmermann voller Tatendrang. Und ja, sie als Schulleiterin fuhr mit. Ihr Stellvertreter, Bernd Druyen, stellt das umfangreiche Programm der Bildungsreise vor. Natürlich wurde der Bundestag besucht, das Erinnerungsfoto wurde mit Barbara Hendricks gemacht, das olympische Dorf, in dem die Olympiasieger von 1936 genächtigt haben, wurde inspiziert, und als Umweltthema wurde das unterirdische Abfallentsorgungssystem am Potsdamer Platz unter die Lupe genommen. Weitere historische Einblicke boten eine Stadtrundfahrt und der Besuch des "Berlin Dungeon". Für Kultur stand der Musicalbesuch der Blue Man Group und des Schlosses Sanssoucis. "Es ist eine Erlebniswoche, die mancher in seiner Komplexität nie mehr geboten bekommt", ist Druyen überzeugt. Verarbeitet wird das in Exponaten, die es auf der Feier am Samstag zu sehen gibt. Damit schließt sich der Kreis. Für die Ehemaligen, die Schüler, Lehrer und auch sich selbst ist es der Schulleiterin wichtig, zu sagen: "Viele haben ihren Weg auf der Hauptschule gemacht." Und das ist ein guter Grund zum Feiern.

(RP)
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