Weeze: Bundespräsident Gauck landet in Weeze

Weeze: Bundespräsident Gauck landet in Weeze

Bürgermeister Francken und Airport-Manager Terhorst waren chancenlos: Von Weeze ging es für Joachim Gauck direkt nach Kleve. Nach dem Empfang im Kurhaus schlug ihm am Fischmarkt eine Welle der Begeisterung entgegen.

Der "Auftritt" in Weeze war innerhalb weniger Minuten vorbei - und bemerkt hat ihn kaum jemand. Genau so hatte es das Bundespräsidialamt verlangt: Landung Punkt 10 in Weeze, Vorfahrt der Limousinen an der Maschine der Bundeswehr-Flugbereitschaft, Gauck steigt die Gangway hinab und in den 7-er BMW mit dem Kennzeichen 0 - 1 ein, Tor 3 öffnet sich, weg ist die kleine dunkle Fahrzeug-Kolonne. Keine Chance für die Airport-Chefetage, das Staatsoberhaupt zu begrüßen. Auch Bürgermeister Ulrich Francken musste zugeben: "Ich habe gefragt, ob wir einen kleinen Empfang organisieren dürften, aber dazu war keine Zeit." Die neben dem Terminal wartenden Polizeibeamten wussten, warum: "Es steht ein Zeitfenster von 35 Minuten bis zum Kurhaus zur Verfügung." Immerhin: Dort, in der Kreisstadt, konnten Francken und einige Bürgermeister-Kollegen den hohen Gast begrüßen.

"Das Ganze war protokollarisch genau vorgegeben", sagte Airport-Marketingleiter Holger Terhorst, der ebenfalls nicht in die Nähe des Präsidenten kam. Und die Fluggäste und Besucher im Terminal bekamen von dem Vorgang, der sich wenige Meter nebenan abspielte, sowieso nichts mit. Das war anders, als Kanzlerin Angela Merkel in Weeze landete - insgesamt drei Mal, 2007 und 2009 sogar zu Airport-Veranstaltungen. Auch die Minister Wolfgang Schäuble und Frank-Walter Steinmeier landeten schon in Weeze, von den lokalen Bundestagsabgeordneten Barbara Hendricks (heute Bundesumweltministerin) und Ronald Pofalla (bis 2013 Kanzleramtsminister) gar nicht zu reden.

Nah am Volk ist Joachim Gauck dagegen in Kleve, dem Ziel seiner Reise am gestrigen Tag. Am Mittag haben die Bürger in der Innenstadt Gelegenheit, ihn etwas kennen zu lernen. Die zweijährige Leonie hat aber wohl noch nicht ganz verstanden, wer der nette Mann mit den grauen Haaren ist, der ihr da gerade die Hand geschüttelt hat. Ihr Vater weiß es umso besser - und sein Stolz könnte kaum größer sein. "Das ist ein unvergessliches Erlebnis", sagt Markus Ingensand. Der Familienvater ist einer der ersten, der von Joachim Gauck begrüßt wird. Was wohl der Alptraum eines jeden Personenschützers ist, wird in Kleve sofort zum Eisbrecher. Der Bundespräsident steigt aus dem Auto und geht schnell und ohne Scheu in die Menschenmenge. "Ich hoffe nur, dass mein Bruder auch ein vernünftiges Foto gemacht hat", sagt Ingensand.

Nur ein Jahr nach dem Besuch Angela Merkels haben die Klever Joachim Gauck einen feierlichen Empfang in Kleve bereitet. Familien, Rentner, Schulklassen, Mitarbeiter, die aus ihren Geschäften kommen. "So eine Herzlichkeit, und dass in einer Gegend, in der ich noch nie war", schwärmt das Staatsoberhaupt selbst. Warum er gerade in die Schwanenstadt gekommen ist, möchte jemand wissen. "Weil das hier das gelebte Europa ist, ohne Schlagzeilen und Thesen", meint Gauck. Klever Alltag wird er aber wohl nicht zu Gesicht bekommen haben. Zu groß war das Gedränge um den politischen Stargast in der Kreisstadt. Rentner Gerd Kersjes war einer der ersten Neugierigen am Fischmarkt. Über eine Stunde vor der Ankunft Gaucks hatte er sich einen Platz gesichert, um den Bundespräsidenten einmal selbst zu sehen. "Das ist ein großartiges Ereignis für Kleve", meint er. Einen echten Präsidenten sehe man eben nicht alle Tage.

  • Fotos : Joachim Gauck besucht Kleve

Aber auch kritische Töne hört man. Mit dem Bundespräsidenten Gauck sei er zufrieden, meint etwa Paul-Heinz Janßen. Den Privatmann Gauck sehe er aber anders. "Er ist verheiratet, lebt aber mit einer anderen Frau zusammen. Das gehört sich nicht für ein Staatsoberhaupt", meint Janßen. Nils Hogmann (17) und Ole Niemeier (16) aus dem Erdkunde-Leistungskurs des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums sind mit ihrem Lehrer Wolfgang Kluge zum Fischmarkt gekommen. Sie loben die Haltung Gaucks bei seinem Besuch in der Türkei. "Durch die Sperrung von Facebook und Twitter werden die Menschen dort unterdrückt. Da war es richtig, dass er seine Meinung gesagt hat. Dafür ist er da", meinen die Schüler.

Joachim Gauck kommt bei den Menschen so an, wie man es erwarten konnte: Herzlich, interessiert und gelassen. Walter Dau-Schmidt aus Pfalzdorf hat sich den Weg durch die Menge gebahnt, steht endlich vor dem Bundespräsidenten und streckt ihm die Hand entgegen. "Ich habe ihm gratuliert, dass er so ein tollen Job macht", sagt der Rentner hinterher. Gauck habe sich höflich dafür bedankt. "Dafür bin ich extra hergekommen, das war mir ein besonderes Anliegen. So einen guten Bundespräsidenten bekommen wir so schnell nicht mehr wieder", meint Dau-Schmidt.

Noch emotionaler wird es, als ein junger Moslem Gauck gegenübersteht. "Gott schütze Sie", sagt der junge Mann. Beide reichen sich die Hände, ehe die Kolonne aus Präsident, Neugierigen und Pressevertretern in Richtung Hochschule davonzieht. Eines aber bleibt: Es war ein volksnaher Präsident zu Gast, der die Menschen berührt hat.

(RP)
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