Kevelaer: Bosnien, das vergessene Land

Kevelaer: Bosnien, das vergessene Land

Mit 75 Jahren kämpft Heribert Hölz immer noch für die Menschen, die in den Jugoslawienkrieg gerieten. Der Krieg ist 20 Jahre her, das Land kommt aber nicht auf die Füße. Spendenaktionen in Geldern und Kevelaer helfen, Not zu lindern.

Nach langer Zeit war Bosnien mal wieder in den Schlagzeilen, weil ein als Kriegsverbrecher verurteilter Mann sich mitten im Gerichtssaal das Leben nahm. Ansonsten ist das Land ziemlich in Vergessenheit geraten, der Krieg ist mehr als 20 Jahre her. Einer, der das Land und vor allem die Menschen nicht vergessen kann, ist Heribert Hölz. Er ist der Motor der Bosnienhilfe, der auch mit 75 Jahren nicht ans Aufgeben denkt.

"Lebenslänglich für Ratko Mladic, das ging ja gar nicht anders. Der ist mitverantwortlich für eines der größten Kriegsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg", sagt Hölz zum aktuellen Weltgeschehen. In Srebrenica, dem Schauplatz des Massakers, an dem gezielt 8000 Bosniaken getötet wurden, war Hölz schon. Die Bilder, die er im Fernsehen gesehen hat, ließen ihn im Übrigen nie los. "Ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Als ich die Bilder vom Krieg in Jugoslawien sah, was da über den Bildschirm lief, das war mein Leben, das hat mich gepackt."

Mit Lastwagen voller Hilfsgüter fuhr er regelmäßig nach Bosnien. Vor drei Jahren kam das gesundheitliche Aus, zumindest, was das Packen der Hilfsgüter angeht. Seitdem setzt Hölz auf Schafe. Mit Schafen haben die Menschen in Bosnien Milch, die sie zu Käse verarbeiten, und natürlich die Wolle. "Das allein reicht nicht, um leben zu können, aber es ist ein Anfang", sagt Hölz.

Mit Spenden vom Niederrhein finanziert die Bosnienhilfe unter anderem auch eine Suppenküche in Zenica. Foto: Bosnienhilfe

Anschließend beschreibt er, wie das ist, wenn er mit dem gespendeten Geld aus Benefizkonzerten, von Schulklassen, Kindergärten oder den St.-Georg-Pfadfindern von St. Maria Magdalena Geldern Schafe kauft. "Auf der Wiese stehen 50 bis 60 Leute aus dem Dorf, so was spricht sich ja rum, mittendrin die Familie." Der bosnische Schafzüchter winkte in einem Fall die fünf Kinder der Familie heran. Aus eigenem Antrieb hatte er fünf Lämmer zusätzlich dabei, legte jedem Kind eines in den Arm. "Da blieb kein Auge trocken", sagt Hölz. Dann kamen die fünf versprochenen Muttertiere und der Schafbock aus dem Anhänger. Für die Familien ist das ein Hoffnungsschimmer. "Weniger als Nix gibt es nicht", sagt Hölz gerne, um zu erklären, wie es den Familien in Bosnien geht. Bodenschätze gibt es nicht, Industrie nicht, Arbeit so gut wie keine. In Zenica finanziert er mit den Spenden vom Niederrhein eine Suppenküche. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt liegt bei 70 Prozent.

Foto: Heribert Hölz
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"Ich fahre durch ein Land, da gibt es Dörfer, die sind auch 22 Jahre nach Kriegsende nicht aufgebaut. Alte Leute, die leben nur in Ruinen", beschreibt Hölz, was er auf seinen Fahrten zu den Familien, denen er die Schafe bringt, zu sehen bekommt. "Das ist doch schlimm, das weiß doch keiner hier." Deswegen kann er das Argument, dass es auch in Deutschland arme Menschen gebe, so nicht stehen lassen. "Ich habe 40 Jahre lang in der Sozialarbeit beim Caritasverband gearbeitet und mit Menschen zu tun gehabt, die auf der Schattenseite des Lebens stehen", sagt Hölz. Aber wenn man bei diesen Menschen von Armut spreche, dann müsse man bei den Menschen in Bosnien von Elend sprechen. In Bosnien gebe es weder Grundsicherung noch Sozialhilfe, sondern nur ein zerrissenes Land. Das, was er dort mache, sei absolute Nothilfe.

"Es gibt sicher viel schlimmere Dinge", sagt Hölz nachdenklich und zitiert diejenigen, die nicht verstehen können, warum er sich für dieses kleine Land so aufreibt. "Bosnien ist direkt vor unserer Haustür, global gesehen sind das unsere Nachbarn."

Und Hölz' Aktionen helfen, diese Nachbarn nicht aus den Augen zu verlieren, nicht zu vergessen, dass dort Menschen leben, die auch mehr als 20 Jahre nach dem Krieg Not leiden, obwohl sie für die Umstände nichts können.

Vielleicht, so hofft er, helfen die vergangenen Gerichtsprozesse in Den Haag auch, einmal mehr hinter Bosnien zu sehen als nur eine Schlagzeile.

(RP)