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Kevelaer: Beichte: 365 Tage im Jahr ein offenes Ohr

Kevelaer : Beichte: 365 Tage im Jahr ein offenes Ohr

Pastor Rolf Lohmann hütet seit 25 Jahren zahlreiche Geheimnisse. Immer mehr Menschen nutzen Beichtmöglichkeit.

Immer mehr Steuerhinterzieher beichten ihre Sünde den Behörden. Die Zahl der Selbstanzeigen ist im Jahr 2013 deutlich gestiegen, dies ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. In diesen Fällen geht es meist um viel Geld, doch abseits des finanziellen Aspekts erleichtert eine Beichte ebenfalls das Gewissen.

Das erfährt auch Pastor Rolf Lohmann, Domkapitular und Rektor der Wallfahrt in Kevelaer, regelmäßig. Seit 25 Jahren ist er bereits Priester und nimmt immer noch regelmäßig die Beichte ab. "In unserer Beichtkapelle gibt es an 365 Tagen im Jahr die Möglichkeit zur Beichte." Sechs Stunden am Tag, von 9 bis 12 Uhr und von 14.30 bis 17.30 Uhr steht ein Priester zur Verfügung und hört den Menschen zu, spendet Trost und vergibt die Sünden im Namen Gottes. Und darum geht es oftmals auch. Einen neutralen Menschen zu haben, der zuhört und einem am Ende einen Neubeginn ermöglichen kann. "Die Menschen sind so beladen, da ist es wichtig, dass sie die Last los sind und neu anfangen können", sagt Lohmann.

Was genau gebeichtet werde, kann Lohmann natürlich nicht sagen. Das Beichtgeheimnis verhindert es und ist gleichzeitig auch ein wichtiger Bestandteil. "Die Leute wissen, dass alles hier bleibt und nirgendwohin geht, außer zum lieben Gott natürlich", sagt er und lächelt. Denn an ihn sind die "Geständnisse" ja im Grunde adressiert. "Wir Priester haben nur eine Mittlerfunktion."

Zuweilen eine nicht ganz einfache, wie Lohmann zögernd zugibt. "Natürlich gibt es auch belastende Dinge, aber das ist nun mal unser Dienst." Er versuche dann, das Ganze im Gebet zu verarbeiten und "nach oben" abzugeben. "Es ist unsere Aufgabe in Kevelaer, Menschen zu begleiten und im Namen Gottes zu vergeben." Das Wesen der Beichte oder des Priesters sei nicht, Richter zu sein, sondern lediglich zuzuhören, einen Rat zu geben und Heil zu sprechen. Lohmann sieht in den vergangenen Jahren wieder ein steigendes Bedürfnis zu beichten. "Unsere Welt wird immer schnelllebiger, die Leute stehen unter enormem Druck. Da ist die Schule, die Uni oder die Arbeit, die fordert." Gerade in Kevelaer, wenn die Menschen zur Wallfahrt kämen, würden viele die Gelegenheit nutzen, sich zu besinnen oder Dinge zu ordnen. "Viele Pilger kommen auch in Kevelaer zur Beichte, weil sie hier unbekannt sind und dadurch den Mut finden", sagt Lohmann.

Wie in längst vergangenen Zeiten kann auch heute noch im klassischen Beichtstuhl das Gewissen erleichtert werden. "Die meisten nutzen aber das persönliche Gespräch im Beichtzimmer", weiß der Pastor. Denn längst würden nicht ausschließlich Sünden vorgetragen, oftmals suchten Menschen auch das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, um über Probleme zu sprechen. Die Themen seien dabei so vielfältig wie das Leben selbst.

Wer denkt, nur ältere Generationen würden das Angebot der Kirche wahrnehmen, liegt laut Lohmann falsch: "Wir sprechen hier mit allen Generationen. Gerade unter den Fußpilgern sind viele junge Familien, die beichten." Kommen könne ohnehin jeder, der das Bedürfnis habe. "Auch diejenigen, die es schon Jahre lang nicht mehr gemacht haben oder vielleicht sogar noch nie, sind willkommen. Danach wird auch nicht gefragt." Lohmann und seinen Kollegen gehe es darum, den Menschen einen helfenden, weiterführenden Rat zu geben und sie versöhnt zu entlassen. Und egal, ob finanzielle Gründe eine Person zur Beichte führen, wie es bei der oben erwähnten Steuerhinterziehungen der Fall ist, oder etwas anderes - Erleichterung verschafft so ein Gespräch allemal.

(RP)