Kevelaer Austritte steigen - Kirchenbesuche auch

Kevelaer · Es ist eine paradoxe Entwicklung. Im letzten Jahr sind so viele Gläubige wie selten aus der Kirche ausgetreten. Gleichzeitig werden die Gottesdienste wieder besser besucht. Die Verbundenheit zur Kirche steige, heißt es.

Auf den ersten Blick könnte sich der Bischof eigentlich freuen. Das Bistum Münster hat zahlenmäßig gerade das Erzbistum Freiburg überholt und steht nun an Platz zwei der Diözesen in Deutschland. Doch freuen kann sich Dr. Felix Genn darüber nicht. Denn Münster rückte nur auf, weil in Freiburg die Zahl der Katholiken noch stärker gesunken ist. Unterm Strich war das letzte Jahr geprägt von einer großen Austrittswelle. Im Bistum Münster kehrten 11 859 Katholiken der Kirche den Rücken, das waren 17 Prozent mehr als im Vorjahr.

Eine Entwicklung, die bis auf die Pfarreien vor Ort durchschlägt, wie ein Blick in die Statistik zeigt. Im letzten Jahr registrierte das Amtsgericht Geldern, das für Austritte im Südkreis zuständig ist, mit 624 einen Höchstwert. Im Jahr zuvor waren 533 Gläubige ausgetreten, in diesem Jahr sind es bis Ende Juli 285.

Diese Zahl zeigt auch, dass die Welle im letzten Jahr ein deutlicher Ausreißer war, was auch von den Verantwortlichen so eingeschätzt wird. "Wir lagen im Kirchenkreis eigentlich konstant bei 0,5 Prozent Austritten, im letzten Jahr ging das mit 0,8 Prozent deutlich nach oben", sagt Stefan Schnelting, Presse- und Öffentlichkeitsreferent des evangelischen Kirchenkreises Kleve. Verantwortlich dafür sei das neue Verfahren zur automatischen Erhebung der Kirchensteuer auf die Kapitalertragssteuer.

"Für einige hing die Mitgliedschaft buchstäblich am seidenen Faden, für diese war diese Entwicklung der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", meint er. Dabei handelt es sich gar nicht um eine neue Steuer wie viele fälschlich annehmen. Sie wurde eigentlich immer schon erhoben.

Auch Kaplan Hendrik Wenning von St. Marien Kevelaer hat von einigen Gläubigen gehört, die aus diesem Grund ausgetreten sind. Gleichzeitig beobachtet er aber auch in Kevelaer ein Phänomen, das bistumsweit geradezu im Gegensatz zu den hohen Austrittszahlen steht: Die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt zu, ebenso die Zahl der Trauungen.

"Auch hier in Kevelaer sind bei den Pilgergruppen wieder mehr Jugendliche dabei, die offenbar wieder die Nähe zur Kirche suchen", sagt der Kaplan. Gerade erst war beispielsweise eine große Pilgergruppe in der Marienstadt, die den ganzen weiten Weg von Köln nach Kevelaer gelaufen ist - darunter waren allein 50 Jugendliche. "Und so etwas beobachten wir derzeit immer öfter."

Jeder, der austrete, tue weh und man müsse das ernst nehmen, sagt der Geistliche. Daher bekommt jeder, der in Pfarrei St. Marien aus der Kirche austritt auch einen Brief der Pfarrgemeinde, in dem das Bedauern über diesen Schritt ausgedrückt wird. "Im letzten Jahr haben wir diese Gläubigen zusätzlich auch angerufen und mit ihnen das Gespräch gesucht. Das ist bei vielen gut angekommen", sagt Wenning. Auch in diesen Gesprächen habe er immer wieder gehört, dass es diesmal vor allem um die Finanzen als Grund für den Austritt gegangen sei.

Gleichzeitig kennt Wenning auch "die andere Seite". Er ist nämlich in der Region Ansprechpartner für die Gläubigen, die wieder in die Kirche eintreten wollen. "Hier erlebe ich immer wieder, dass Menschen aus einem großen aktuellen Ärger über die Kirche ausgetreten sind. Später merken sie aber, dass sie ihr eigentlich weiter eng verbunden sind. Wenn der erste Ärger verraucht ist, sucht mancher dann wieder den Weg zurück in die Kirche", sagt der Kaplan.

(RP)