Kevelaer: Als der Krieg Winnekendonk verwüstete

Kevelaer : Als der Krieg Winnekendonk verwüstete

Durch einen Bombenangriff wurde die Ortschaft am 28. Februar 1945 dem Erdboden gleichgemacht. Mehr als 40 Menschen starben. Ortsvorsteher Hansgerd Kronenberg, damals zehn Jahre alt, erinnert sich an die letzten Kriegstage.

Ein properer Ort ist aus Winnekendonk in den vergangenen Jahrzehnten geworden. Unvorstellbar, dass er vor 70 Jahren fast komplett in Schutt und Asche lag. Zu mehr als 80 Prozent zerstört, wie einige Nachbargemeinden auch, hat sich der 28. Februar 1945 tief ins Gedächtnis der älteren Winnekendoker eingegraben. Einzelne Angriffe hatte es auch vorher schon gegeben, aber noch am 27. Februar hofften eine ganze Reihe Familien, im Heimatort das Ende des Krieges erleben zu dürfen. Zu ihnen gehörten auch die Eltern von Hansgerd Kronenberg, heute Ortsvorsteher, der mit der Rheinischen Post über diese schlimmste Zeit der Ortsgeschichte sprach.

Im Februar 1945 hatten die Alliierten durch die Operation "Veritable" Kevelaer und die umliegenden Orte erreicht. Die Front verlief zwischen Uedem und Weeze, erbitterte Kämpfe tobten am längst von Bomben zerstörten Niederrhein. Nur noch wenige Menschen lebten Ende Februar in den Ortschaften. Was sie erlebten, bis die deutschen Soldaten Richtung Osten abzogen und dem Feind das verwüstete Land überließen, kann niemand vergessen, der damals dabei war. Die Kirche kaputt, die Schule weg, kaum mehr ein Haus heil.

Zahlreiche Menschen hatten ihr Leben verloren. Heinz Bosch hat in seinem Buch "Der Zweite Weltkrieg zwischen Rhein und Maas" die Kriegsereignisse nach Dokumenten aus Archiven und Erinnerungen von Augenzeugen zusammengefasst.

Hansgerd Kronenberg war damals zehn Jahre alt und kann sich entsprechend gut erinnern. Der Vater, ein Lehrer, war im Volkssturm eingesetzt, dabei aber nach wenigen Tagen verletzt worden, so dass er zurück zu Frau und Kindern durfte. Tiefflieger und das Geheul der Jagdbomber gehörten zum Alltag, ab und zu explodierte eine Bombe - oder auch mal nicht. Dort, wo die Kinder mit Knickern spielten, auf dem Platz neben der Pfarrkirche, schlug zum Beispiel eine Bombe ein, die eben nicht explodierte. "Sonst hätte sie womöglich einige von uns getötet oder zumindest schwer verletzt", erklärt Kronenberg. "Wenn die Jabos kamen, stob alles auseinander und rannte in die Häuser. Ein etwa zwölfjähriges Mädchen, das als alte Frau erst vor einigen Jahren starb, verlor in einer solchen Situation ein Bein. Ich erinnere mich auch noch an ein älteres Ehepaar von der Kervenheimer Straße, das dabei zu Tode kam. Die Straße Richtung Wesel und Rhein wurde wohl als strategisch wichtig angesehen und entsprechend beschossen."

Am 27. Februar, dem Tag vor der fast völligen Zerstörung des Ortsbildes, waren einige Winnekendonker Familien noch in ihrem "Zuhause", wenngleich viele Häuser schon durch Artilleriebeschuss stark beschädigt waren. Wenige Kilometer entfernt stand die Front - bei Kervenheim. "Alles war voller Militär, wir mussten weg. Auf Fahrrädern erreichten wir zunächst Achterhoek und Sevelen, von wo aus wir ins sichere Westfalen transportiert wurden."

So erlebte die Familie nicht die verheerende Bombardierung am Morgen des 28. Februar. Der Gewölbekeller seines elterlichen Hauses hatte übrigens noch einigen Winnekendonkern, die nicht weggehen wollten, das Leben gerettet. Von 8 bis 11 Uhr sollen Jagdbomber neun Mal den Ort angegriffen haben, Menschen liefen ins Freie, suchten Schutz im nahen Wettener Wald. Nach verschiedenen Quellen sollen allein bei dem Angriff dieses Vormittags 43 oder 44 Menschen ihr Leben verloren haben.

Als die Winnekendonker nach wenigen Monaten in ihr Dorf zurückkehrten, war das zu 85 Prozent zerstört. Die Menschen fanden Wohnhäuser, die Schule und die Kirche in Schutt und Asche vor. Straßen und Plätze waren kaum passierbar, es gab keine Geschäfte und keine Handwerksbetriebe mehr. Unterschlupf fanden die heimatlos Gewordenen vor allem bei Bauern. Für diejenigen, die damals vor dem Nichts standen, ist es bis heute ein Wunder, wie schnell es gelang, eine einigermaßen funktionierende Verwaltung und die nötigste Infrastruktur herzustellen. Die Winnekendonker räumten ihre Trümmergrundstücke auf und begannen, ihre Häuser zumindest winterfest zu machen.

(RP)
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