Stolpersteine für Kempen (11): Zurückgelassene Habe wurde versteigert

Stolpersteine für Kempen (11) : Zurückgelassene Habe wurde versteigert

Zwei Sammeltransporte haben in den Jahren 1941 und 1942 insgesamt 28 jüdische Menschen aus Kempen und St. Hubert zur Ermordung in das besetzte Osteuropa gebracht. Nur einer kehrte zurück.

Der erste Transport, am 10. Dezember 1941, holte zwölf jüngere Bürger, offiziell zur "Arbeit im Osten" bestimmt, nach Riga. Von ihnen kehrte nur Kurt Mendel zurück. Am 24. Juli 1942 wurden 16 ältere Menschen auf den Weg in das tschechische Theresienstadt gebracht. Sie waren so gebrechlich, dass von einem Arbeitseinsatz im Osten keine Rede mehr sein konnte. Von ihnen kehrte keiner zurück. Von einigen dieser Schicksale soll hier die Rede sein.

Am 13. März 1942 sind im Landkreis Kempen-Krefeld noch 108 Juden wohnhaft. Am 22. Mai ersucht die Gestapo-Leitstelle Düsseldorf alle Landräte des Regierungsbezirks, darunter auch den Kempener Landrat Jakob Odenthal, "für die bevorstehende Evakuierung von Juden nach dem Osten bzw. in das Altersgetto Theresienstadt" um genaue Angaben über die noch in ihren Landkreisen lebenden Juden.

Etwa über die unverheiratete Carola Winter (43), die durch einen Geburtsfehler gehbehindert ist. Carola Winter wohnt damals mit ihrem Vater Siegmund (78), den sie pflegte, im "Judenhaus", Josefstraße 5 (heute: Heilig-Geist-Straße 21). Seitdem am 10. November 1938 in der Pogromnacht Kempener SA-Männer ihre Wohnung verwüstet haben, leidet Carola unter Angstzuständen. Vom schwedischen Lund aus hat ihr jüngerer Bruder Arthur, bereits 1931 aus Deutschland emigriert, dem Vater ein Einreisevisum beschaffen können, aber nicht für Carola. Da beschließt der Vater, bei seiner kranken Tochter zu bleiben.

Am frühen Morgen des 24. Juli 1942 werden die Juden aus ihren Häusern abgeholt und von der Kempener Polizei mit einem Lastwagen zum Bahnhof der Industriebahn (deren Nachfolger heute der Ausflugszug "Schluff" ist) gebracht. Von Krefeld aus geht die Fahrt weiter nach Düsseldorf, von wo einen Tag später der Deportationszug DA 71 91 Juden aus dem Kempener Landkreis nach Theresienstadt bringt. Die meisten sind über 70 Jahre alt. Die Nacht vor der Abfahrt haben sie auf dem Fußboden des Schlachthofs in Düsseldorf-Derendorf verbracht. Von den 1013, die mit diesem Zug deportiert werden, überleben 61. Massenmord nach Fahrplan, und die Opfer müssen die Fahrt selbst bezahlen: vier Pfennig je Bahnkilometer.

Theresienstadt ist im 18. Jahrhundert als Festungsstädtchen für 3500 Soldaten und Zivilisten erbaut worden. Jetzt sind dort ständig 40 000 bis 50 000 Menschen auf weniger als einem Quadratkilometer tschechischer Erde zusammengepfercht: Im Schnitt verfügt jeder Getto-Insasse im August 1942 über einen "Wohnraum" von 1,6 Quadratmetern. Die Essens-Rationen sind erbärmlich: "Wer es nicht mit angesehen hat, wie die alten Menschen sich am Schluss der Essensausgabe auf die leeren Fässer stürzten, mit den Löffeln sie auskratzten, selbst die Tische, auf denen ausgeteilt wird, nach Resten mit Messern untersuchten, der vermag sich kein Bild davon zu machen, wie schnell Menschenwürde verloren geht", hat eine Überlebende berichtet.

Als erste der Kempener Deportierten ist am 17. August 1942 Bertha Berghoff tot, zwei Tage nach ihrem 81. Geburtstag. Am 6. September 1942 erliegt die 80-jährige Magdalene Ajakobi den Strapazen; ihre Schwester Karoline stirbt am 7. Oktober 1942. Die Eheleute Nanny und Sally Servos verscheiden im Abstand von nur sechs Tagen: Sally Servos am 19., Nanny am 25. November 1942.

Der Ort ist ein Durchgangslager in die Vernichtungs-KZ im Osten. Im Frühherbst 1942 setzen die großen Transporte in die Todeslager ein. Schon am 21. September 1942 werden die Eheleute Johanna (Anna) und Isidor Hirsch aus Kempen von Theresienstadt nach Treblinka bei Malkinia im Distrikt Warschau gebracht, aber auch Eva Lambertz aus St. Hubert. Acht Tage später folgt ihnen Isidor Hirschs Schwester Hannchen nach Treblinka, außerdem die Schwestern Emma und Johanna Ajakobi, Karoline Berghoff, Helene Simon und Eva Falk. In Treblinka sind sie alle umgekommen.

Siegmund Winter aus stirbt am 11. März 1943 in Theresienstadt. Seine Tochter Carola gehört zu den jüngeren, die nach Auschwitz fahren. Am 20. März 1944 wird sie dorthin deportiert. Wahrscheinlich ist sie schon auf der Fahrt umgekommen.

Die zurückgelassene Habe wird auf Anweisung des Kempener Finanzamts öffentlich versteigert. Das geschieht zu verschiedenen Terminen und an verschiedenen Orten. In Kempen läuft die perverse Schnäppchenjagd in der Mädchenoberschule an der Thomasstraße ab - wohl noch im Sommer 1942. Dort in der Turnhalle im Hochparterre hat man das zurückgelassene Mobiliar zur Begutachtung aufgestellt. Aber die besten Stücke sind schon weg, als der Hammer fällt. Offensichtlich haben sich hier Angehörige von Verwaltung und Polizei bedient. Das Finanzamt selbst, darunter sein damaliger Leiter Peter Hahmann, bereichert seine Büroräume mit zurückgelassenen Möbeln deportierter Juden - nachzulesen in Akten des Landesarchivs.

Auf Bollerwagen fahren die Kempener die ersteigerten Sachen nach Hause. Gewissensbisse werden damit weggewischt, dass die Versteigerung ja auf Anordnung der Behörden erfolgte. Mit ihrem erzwungenen Auslands-Aufenthalt haben die Juden laut Reichsbürgergesetz nämlich die deutsche Staatsangehörigkeit verloren, und damit verfällt ihr Vermögen dem Reich.

(hk-)
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