Zur Geschichte der Kempener Martin-Schule (2)

Zur Geschichte der Kempener Martin-Schule (2) : Eine Schule unter dem Hakenkreuz

Von 1933 bis 1945 hieß die katholische Knabenvolksschule, Vorgängerin der heutigen Martin-Schule, „Adolf-Hitler-Schule“, und die Straße, an der sie lag, hieß „Adolf-Hitler-Straße“. Seit 1945 trägt sie den Namen „Am Gymnasium“. Der Leiter der Schule war seit 1936 der prominente Nationalsozialist und Heimatdichter Wilhelm Grobben. 1944 verstorben, genoss er noch Jahrzehnte nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ in Kempen höchstes Ansehen.

Im erzkatholischen Kempen waren die Nazis, da sie als kirchenfeindlich galten, bis zur Machtergreifung am 30. Januar 1933 verfemte Außenseiter. Das ändert sich rasch. Jetzt verfügen die Nationalsozialisten über die Machtmittel des Staates. Nach nur sieben Monaten gehören 1500 Kempener der NSDAP oder einer ihrer Organisationen an. Auch die Schulen stehen nun völlig unter dem Einfluss der NSDAP.

Die Schlagwörter des NS-Regimes fallen in der konservativen Beamtenstadt auf fruchtbaren Boden. Als Reaktion auf den verlorenen Ersten Weltkrieg hat ein großer Teil der damaligen Bevölkerung ein extremes Nationalbewusstsein entwickelt. Die Nationalsozialisten verkünden die Auferstehung des danieder liegenden Vaterlandes zu seiner alten Größe, und das kommt bei vielen gut an. Als am 28. März 1933 die katholischen Bischöfe ganz von sich aus ihre Loyalität gegenüber der neuen Regierung erklären, haben die meisten Katholiken in Kempen keine Probleme mehr, sich der braunen Bewegung anzuschließen.

Der Stadtrat, in dem die katholische Zentrumspartei vor den Nazis immer noch die stärkste Fraktion stellt, folgt dem Beispiel der Kirchenspitze. In seiner Begeisterung für die neue, „nationale Regierung“ Hitlers geht er noch einen Schritt weiter als die Bischöfe. Am 20. April 1933, Hitlers Geburtstag, ernennt er den neuen „Führer“ zum Ehrenbürger der Stadt Kempen. Anschließend wird die 1929 eingeweihte katholische Knabenvolksschule – der Stolz der Stadt – in „Adolf-Hitler-Schule“ umgetauft und die Straße, an der sie liegt und die bis jetzt „Am Seminar“ hieß, in „Adolf-Hitler-Straße“. Nur die beiden SPD-Vertreter Friedrich Prang und Jakob Schächterle sind mutig und enthalten sich. Die Quittung erhalten sie aus der Zuschauerschaft mit zahlreichen Buh- und Raus-Rufen. Kempener SA-Männer, die bei der Sitzung den „Saalschutz“ bilden, packen die beiden SPD-Stadtverordneten und setzen sie unsanft vor die Tür.

Bald gehört mehr als die Hälfte der Kempener Lehrer der NSDAP an. Das heißt nicht, dass sie alle überzeugte Nationalsozialisten waren. Aber sie waren in einer Weise, die uns heute überzogen erscheint, nationalbewusst und geprägt durch ihre Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges; dadurch, dass sie ihr Leben im „Kampf für das Vaterland“ riskiert hatten. Das gilt auch für Pädagogen, die heute als Widerstandskämpfer gelten wie den damaligen Direktor des Thomaeums, Dr. Josef Bast. 1933 feiert er ausdrücklich „die nationale Erhebung“, die jetzt, von den Nationalsozialisten hervorgerufen, in Deutschland vor sich gehe: Die Begeisterung für sie, schreibt er am 1. April 1933 in einem Bericht an seine Aufsichtsbehörde, sei an seiner Schule besonders groß. Das verbürge „eine Erziehung der Jugend in nationalem Geiste“. Als aber 1937 sein traditionsreiches Gymnasium Thomaeum zu einer schlichten „Deutschen Oberschule“ degradiert wird, in der Latein nach Englisch nur noch zweite Fremdsprache ist, beginnt Dr. Bast die Zusammenhänge zu durchschauen und riskiert Amt und Freiheit durch offene Kritik an den Nazis. Dafür hat man 1996 eine Straße nach ihm benannt.

Die Martin-Schule als Hauptschule und die Erich Kästner Realschule laufen jetzt aus. Beide Schulen gehen in die neue Kempener Gesamtschule auf. Foto: Stephan Finger

An der „Adolf-Hitler-Schule“, die sich im Gebäude der heutigen Martin-Schule befand, hat es eine solche Widersetzlichkeit gegenüber dem NS-Regime nicht gegeben. Dafür sorgte schon der prominente Nationalsozialist Wilhelm Grobben, der seit 1936 ihr Leiter war. Grobben, 1895 in Kempen als Sohn eines Polsterer-Meisters geboren, hatte sich nach der Ablegung des Lehrer-Examens freiwillig als Soldat im Ersten Weltkrieg gemeldet und im März 1918 durch eine schwere Verwundung ein Bein verloren. Sechs Jahre verbringt er aufgrund seiner Kriegsverletzung in Lazaretten und Krankenhäusern. Während dieser Zeit beobachtet er das Aufkommen der Demokratie, die er mit Sittenlosigkeit und Unordnung gleich setzt, mit großem Misstrauen. Die Niederlage Deutschlands, die Schmach, dass sein Volk an diesem Krieg schuld gewesen sein soll, die als Unrecht empfundenen Folgen des verlorenen Krieges – Gebietsabtretungen, Reparationen, Abrüstung – treffen ihn tief. Extrem nationalbewusst, trauert er der ruhmreichen Vergangenheit seines Vaterlandes nach. 1925 wird er als Lehrer nach Kempen versetzt, leitet hier ab 1928 die Förderschule, die man damals „Hilfsschule“ nennt. Wie fast alle Angehörigen des Öffentlichen Dienstes tritt er am 1. Mai 1933, dem „Tag der Nationalen Arbeit“, in die NSDAP ein.

Als überzeugter Verfechter der nationalsozialistischen Rassenlehre, die er als gottgeleitet darstellt, tritt er 1934 in mehreren Lichtbildvorträgen für die Zwangssterilisierung Behinderter ein. Seit dem Juli 1933 ist Grobben Kreiskulturwart der NSDAP und als solcher zuständig für das neue Medium Lichtbilder und Filme. Seine Vorträge hält er also von Amts wegen, im Auftrag der NSDAP. Die Nazi-Partei will damit aufkommende Kritik vor allem aus katholischen Kreisen an einem gerade erlassenen Gesetz zur Zwangssterilisierung entkräften. Grobben empfindet zwar, wie er sagt, Mitgefühl gegenüber den „Erbkranken“, für deren Sterilisierung er sich hier einsetzt. Aber gemäß der nationalsozialistischen Leitlinie „Du bist nichts, dein Volk ist alles“, fordert er im Sinne der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ konsequentes staatliches Handeln, damit „diese Unglücklichen ihr krankes Erbgut nicht auf kommende Generationen übertragen.“

Er nimmt nicht wahr, dass er damit zur Verletzung von Menschenrechten aufruft. Er sieht nicht, dass in Deutschland jetzt eine Diktatur herrscht, die Rechtsstaatlichkeit durch Willkür ersetzt hat. Äußerungen wie seine, über die die gelenkte Presse jetzt ausführlich berichtet, werden in einer sehr subtilen Weise dabei helfen, dass fünf Jahre später die „Euthanasie“ einsetzen wird, die Vernichtung unheilbar Kranker von Staats wegen. Mindestens 70.000 Menschenleben werden ihr zum Opfer fallen, darunter auch Kempener.

In der Zeit von 1933 bis 1939 hat Wilhelm Grobben nicht weniger als elf Ämter vor allem im Kultur- und Propagandabereich des NS-Staates innegehabt. Vom 1. Februar 1937 bis zum 12. Oktober 1938 ist er Ortsgruppenleiter, also ranghöchster Nationalsozialist in der Stadt. Für seinen Eifer belohnt ihn die NS-Kreisleitung, indem sie ihn mit Wirkung vom 1. April 1936 zum Leiter der Adolf-Hitler-Schule befördert. 1944, während eines Kuraufenthalts in Bad Wildungen, stirbt Wilhelm Grobben an einer Nierenentzündung, einer Nachwirkung seiner Verwundung aus dem Ersten Weltkrieg. Er wollte oder konnte nicht sehen, was er mit seinen zahlreichen Aktivitäten im Dienste des NS-Staates unterstützte – darin liegt seine Verantwortung.

Und der Pädagoge Grobben? Der Rektor der Knabenvolksschule möchte das unterstützten, was ihm am Nationalsozialismus imponiert. Er ist sieben Monate Schulleiter, da präsentiert er den Eltern an einem Informationsabend mit Unterrichts-Vorführungen sein Programm. Da lesen die Schüler Texte vor mit der Überschrift „Was der Führer vom Lesen sagt“ oder „Vom Klassenkampf zur Volksgemeinschaft.“ Immer wieder geht es um Opferbereitschaft, um die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes und um Unterordnung unter die Gemeinschaft. Antisemitische Töne sucht man vergebens.

Grobben ist ein temperamentvoller Mann; den Gehstock, den er wegen seiner Kriegsverletzung benutzte, verwendete er auch zum Prügeln. Da haben zwei Brüder, Schüler der Klasse 8, an der Gaststätte „Waldschlösschen“ Nester mit Jungvögeln leer geräumt und die Küken getötet. Grobben liebt die Natur und die Tiere; er ist außer sich und beschimpft die Nesträuber als „Verbrecher“. Er führt die beiden Übeltäter von Klasse zu Klasse und verpasst ihnen jedes Mal, um ein Exempel zu statuieren, eine Tracht Prügel mit dem Riethstock auf das Gesäß. Dann kommt die große Pause. Grobben lässt die beiden sich am Gartenzaun des Hausmeisters Fritz Brinkmann mit erhobenen Händen aufstellen: Eine Art Pranger.

Andererseits erweist der Schulleiter sich als verantwortungsbewusst und fürsorglich, vermittelt einer Reihe guter Schüler attraktive Lehrstellen: den späteren Bürgermeister Heinz Aan den Boom an die Drogerie Schmitz und Aan den Booms Klassenkameraden Peter Holtermann an die Stadtverwaltung – obwohl Holtermann aus seinem Kempener Jungvolkfähnlein ausgeschlossen worden ist, weil er sich geweigert hat, sich eine HJ-Uniform zuzulegen.

Wilhelm Grobben scheint ein autoritärer, manchmal auch cholerischer Schulleiter gewesen zu sein; an einen fanatischen Nationalsozialisten erinnert sein Verhalten nicht, das belegen auch zahlreiche andere Episoden. Seine letzten 1944 geschriebenen Gedichte zeigen, dass er zu diesem Zeitpunkt dem Krieg skeptisch gegenüber stand. Doch war er in höchstem Maße autoritätsgläubig und nationalbewusst. Folglich sah Grobben im Nationalsozialismus den Versuch, die Tradition des „ewigen deutschen Reiches“, wie er es nannte, neu zu errichten. „Vaterland, Arbeit, Kameradschaft, Dienen!“ Das waren – aus Grobben`schen Originalzitaten entnommen – die grundlegenden Bausteine für seine politische Konfession. Diese Ideale haben ihn und viele andere dazu gebracht, ein verbrecherisches Regime zu unterstützen.

Grobbens Bewusstsein war zwiespältig, wie bei vielen Menschen damals. In seinen politischen Äußerungen Rassist und Militarist, war er privat umgänglich und hilfsbereit und vor allem ein gefühlvoller Heimatdichter, der mit der Sprachform des Kempsch Platt meisterhaft umgehen konnte. In seinen Gedichten zeigt er sich als mitfühlender Mensch voll Gottvertrauen, der sein Glück in seiner Familie fand und seine Welt in seiner Vaterstadt Kempen. Das fand großen Anklang in der Stadt. 1954, zehn Jahre nach Grobbens Tod und neun Jahre nach dem Ende des „Dritten Reiches“, trugen seine Mitbürger keine Bedenken, ihn in einer VHS-Feierstunde im Kempener Kino zu ehren. Ein langjähriger Freund, der 1948 zum Ehrenbürger ernannte Peter Kother, den die Nazis als Zentrums-Politiker kalt gestellt hatten, hielt die Festansprache. Vorangegangen war eine opulente Kranzniederlegung, darunter auch ein Kranz der Stadt Kempen, an seinem Grab auf dem alten Friedhof. Am 4. September 1964 beschloss der Kempener Stadtrat, den bevorstehenden 20. Todestag von Wilhelm Grobben mit der Benennung einer Straße zu ehren. 1975 brachte der Kempener VLN-Ortsverein eine Erinnerungstafel an seinem Geburtshaus Peterstraße 14 an.

Doch in den späten 1960er- und der 1970er-Jahren mehrten sich die kritischen Stimmen. 1979 sollte die Städtische Schule für Lernbehinderte, die Sonderschule in St. Hubert-Voesch, einen neuen Namen bekommen. Die Schulkonferenz entschied sich mit eindeutiger Mehrheit für „Wilhelm-Grobben-Schule“ – was dann vom Schulausschuss des Stadtrates mit dem Hinweis auf die politischen Verstrickungen des Pädagogen und Heimatdichters abgelehnt wurde. Alle Fraktionen beschlossen einstimmig, dem Namen „Hubertus-Schule“ den Vorzug zu geben. Grobbens Popularität tat das keinen Abbruch. Als 1989 die Kempener Hauptschule einen Eigennamen bekommen sollte, schlug eine beträchtliche Gruppe von Bürgern „Wilhelm-Grobben-Schule“ vor. Aber die Schulkonferenz wählte Martin von Tours zum Namenspatron.

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