Stadt Kempen: Wenn das Handy zum Zwang wird

Stadt Kempen : Wenn das Handy zum Zwang wird

Das Theaterteam der Kempener Erich Kästner Realschule probt ein Stück über Mediensucht. Die Schüler haben die Texte teilweise selbst geschrieben. Aufführungen sind an drei Abenden im Juni.

In der Aula der Kempener Realschule ist Montag mittags die Hölle los - die Entzugshölle. Auf der Bühne spielt eine Gruppe Jugendlicher, wie es ist, als Medien-Junkie Abstinenz zu üben von Internet, Handy & Co. Und die damit Probleme haben. "Scheiße geht's dir!" fährt da ein cooler Typ mit Sonnenbrille ein blondes Mädchen an. "Du bist aggressiv, weil du jetzt nicht an deinem PC sitzen und zocken kannst. So geht's doch fast allen hier!" "Zehn Minuten offline zu sein, ist einfach zu viel", kommentiert eine andere. Ja, damit kommen sie nicht klar, ein Weilchen ihre Handys in einer Kiste verschwinden zu lassen. Als sie sich dann zur Entspannung auf den Boden legen, muss ein Mädchen, das schon durch seltsame Körperhaltung auffiel, seinen Kopf mit einem Kissen abstützen: "Muskelverkürzung. Hab' zuviel in mein Handy geglotzt."

Zehn Minuten ohne Handy? Vielen, und vor allem vielen Jugendlichen, erscheint das heute echt brutal. Mittlerweile ist Medien-Manie weit verbreitet, gilt im medizinischen Sinn als Sucht. Wer der Digitalwelt verfallen ist, vernachlässigt unter Umständen seine realen Kontakte, was zu seelischen und sozialen Problemen führen kann.

Kempens Realschule hat aus der aktuellen Thematik ein Stück gemacht, eine überdrehte Komödie mit Musik und Tanz. "HANDYcap" zeigt in Echtzeit die Therapiestunde einer Selbsthilfegruppe 14 mediengeschädigter Jugendlicher, die üben wollen abzuschalten. Eine enorme Herausforderung für alle Teilnehmer - Entzugserscheinungen, emotionale Ausbrüche, Provokationen, Nervenzusammenbrüche sind die Folge. Da ist zum Beispiel die 15-jährige Nadine, die zwischen echten und Facebook-Freunden nicht mehr unterscheiden kann, oder Annika, die in Panik gerät, da ihr Freund ihr droht, sie zu verlassen, wenn sie noch einmal in seiner Gegenwart in ihr Handy schaut. Ein Grund mehr, es dauernd zu checken, aus Angst, er könnte ihr geschrieben und seine Drohung wahr gemacht haben. Und dann gibt es da noch die aggressive Zocker-Lea, die ausflippt, wenn ihr Computer beim Spielen abstürzt. Dann klatscht sie schon mal ein Haustier an die Wand. Oder Julian, ein Soap-Junkie. So tief ist er in die Welt der endlosen Fernseh-Seifenopern eingetaucht, dass er nur noch in schlichten Drehbuchphrasen kommunizieren kann.Facebook-Nadine und Handy-Annika, Zocker-Lea und Soap-Julian stehen so unter Leidensdruck, dass sie in eine Selbsthilfegruppe geflüchtet sind. Ziel ist es, mindestens 20 Minuten "offline" durchzuhalten. Tina, die handysüchtige Gruppenleiterin, versucht mit viel Disziplin, ihre Leute an das gesteckte Ziel heranzuführen. Keine leichte Aufgabe. Auch sie stößt an ihre Grenzen.

Eine musikalische Comedy mit einem Mix aus Livemusik, Chorgesängen und elektronischen Sounds. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit ernstem Hintergrund. Viele werden sich hier wiedererkennen. Ein lustiges und zugleich nachdenklich stimmendes Stück.

"HANDYcap" wurde von den Schülern vorgeschrieben. Die Kölner Schauspielerin Susanne Stangl und die Kempener Sängerin und Musiklehrerin Sonja Kandels haben daraus ein professionelles Bühnenwerk gemacht. Wie schon im vergangenen Jahr zum 50-jährigen Bestehen der Realschule mit "Kästner reloaded", wie mit dem Musical "Fahrt der Gefühle" im April 2013 und mit dem "Blaubeermariechen" Maria Velten (Juni 2012). "HANDYcap" wird in der Aula der Realschule an drei aufeinander folgenden Abenden jeweils ab 19 Uhr gezeigt: Am Montag, Dienstag und Mittwoch, 8. bis 10. Juni.

(hk-)
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