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Das Kempener Stadtarchiv und Seine Schätze (5): Weimarer Republik und "Drittes Reich"

Das Kempener Stadtarchiv und Seine Schätze (5) : Weimarer Republik und "Drittes Reich"

Mit dem Ende des Kaiserreichs im November 1918 brechen auch für die Kreisstadt Kempen unruhige Jahre an. Auf die aus dem Ersten Weltkrieg zurückflutenden deutschen Soldaten folgt vom Dezember 1918 bis zum Februar 1926 belgische Besatzung. Die Inflation findet im November 1923 Höhepunkt und Ende. Aber am "Schwarzen Freitag", 24. Oktober 1929, brechen weltweit die Aktienkurse ein, und bald erreicht die Wirtschaftskrise auch Kempen - Nährboden für den Nationalsozialismus.

Kempen Wie erfährt man, was in den 1920er- und 30er-Jahren in Kempen geschah? Die Zeit von 1815 bis etwa 1932 ist im Bestand Stadtarchiv Kempen des Kreisarchivs mit 3100 Akten gut überliefert. Zu diesen Quellenbeständen der Stadt Kempen kommen mit mehr als 2500 Archivalien die Archive der Gemeinden Schmalbroich, St. Hubert und Tönisberg. Und zahlreiche Privatarchive aus dem Gebiet der heutigen Stadt Kempen: Familien- und Hofesarchive; Protokollbücher von Vereinen; Nachlässe bedeutender Persönlichkeiten.

Wie kann man im Stadtarchiv etwas über nationalsozialistische Aktionen erfahren? Weil die Akten der NS-Zeit gezielt vernichtet wurden, muss man auf Zufallsfunde hoffen. Erhalten geblieben, weil falsch abgelegt ist der hier abgebildete Polizeibericht (Kreisarchiv Viersen, Stadtarchiv Kempen Akten 413). Er handelt davon, dass am Freitag, 3. März 1933, SA-Männer in die Druckerei des Niederrheinischen Tageblatts an der Burgstraße (heute: Hofeinfahrt neben "Kosmetik Marion") eindringen. Hier erzwingen sie die Entfernung von Flugblättern aus den gerade gedruckten Zeitungen. Die eingelegten Flyer sind ein Beitrag zum Wahlkampf: Am 5. März stehen Wahlen zum Reichstag und Landtag an, am 12. März Kreistags- und Kommunalwahlen. Es werden die letzten halbwegs freien Wahlen sein. Unter der Überschrift "Das Volk steht auf" hat der Herausgeber des Niederrheinischen Tageblatts, Karl Wilhelm Engels, angesichts des bevorstehenden Wahl-Marathons zu einem letzten Kampf gegen die Nazis aufgerufen. Foto: Kreisarchiv

Ferner an die 1400 Karten und Pläne. Nicht so gut steht es mit der Dokumentation des "Dritten Reiches". Die Akten der NS-Zeit wurden im Mai 1946 auf Geheiß des damaligen Bürgermeisters Peter Kother auf dem Hof des Gaswerks im Sinne eines "Schwamm drüber!" verbrannt. Kother kam aus der katholischen Zentrumspartei und war als Kommunalpolitiker von den Nazis kalt gestellt worden. Aber er liebte seine Stadt, war auf Frieden und Ausgleich bedacht und wollte keinen Mitbürger belasten.

Ein Aufmarsch der Kempener NSDAP-Ortsgruppe am Burgring. Wenige Monate nach der Machtergreifung verzeichnet sie einen ungeheuren Zulauf. Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, gibt es in Kempen ganze 27 Mitglieder der Nazi-Partei. Nach nur sieben Monaten gehören 1500 Kempener der NSDAP oder einer ihrer Organisationen an. Das ist eine Steigerung um unglaubliche 5555 Prozent. Jeder fünfte Kempener ist am 10. August 1933 überzeugter Nationalsozialist oder eingeschriebener Mitläufer. Die Schlagwörter des neuen Regimes, die ein gut geölter Propagandaapparat verbreitet, fallen in der konservativen Beamtenstadt auf fruchtbaren Boden: Ordnung und Unbestechlichkeit; Arbeit und Wohlstand; Geborgenheit und soziale Gleichheit durch eine neue "Volksgemeinschaft". Vor allem aber die Auferstehung des darnieder liegenden Vaterlandes, die die Nationalsozialisten jetzt verkünden. Sind das denn nicht Ziele, für die man die ungeliebte Republik, die man bisher vor allem als Schwäche und Chaos erlebt hat, aufgeben kann? Es ist doch der in Kempen hoch verehrte Paul von Hindenburg gewesen, Reichspräsident und Feldmarschall des Ersten Weltkriegs, der Hitler am "Tag von Potsdam" die Hand gereicht hat. Nach Hindenburg wird jetzt Kempens schönste Einkaufsstraße benannt, die Judenstraße. Foto: Kreisarchiv
"Ein kräftiges ,Sieg-Heil' auf unseren genialen Volkskanzler und Führer Adolf Hitler!" Es war nicht die NSDAP-Ortsgruppe, die das rief, es war der honorige St.-Martin-Verein, der mit dem "Sieg Heil!" seine Vorstands-Sitzung am 11. Oktober 1933 schloss (Kreisarchiv Viersen, Stadtarchiv Kempen, D 6 St. Martinskomitee, Nr. 1: Protokollbuch 1909 bis 1954). Das war ehrlich gemeint und voller Glauben an die Zukunft. Keiner der Versammelten ahnte, was da noch kommen würde: Am Abend des 10. November 1938, der Pogromnacht, wird der St. Martinszug an der noch rauchenden Ruine der gebrandschatzten Synagoge an der Umstraße vorbeiziehen. Allein aus Alt-Kempen werden 27 Juden im Zuge des Holocaust ermordet werden. 672 Kempener werden Kriegseinwirkungen zum Opfer fallen - sieben Prozent der Bevölkerung. Am Volkstrauertag, 18. November 2012, wurde zu ihrem Gedenken vor der Burg endlich ein Mahnmal eingeweiht. Foto: Kreisarchiv
Bei vielen macht sich, seit Hitler an der Macht ist, Optimismus breit. Davon künden Anzeigen wie diese (Kreisarchiv Viersen, Zeitungsarchiv). Sie verbreiten den Glauben an den starken Mann, der durchgreift, der mit seiner dynamischen Bewegung die Krise schon meistern wird. Tatsächlich wird sich die Arbeitslosigkeit in Kempen von 15 Prozent im Januar 1933 auf Vollbeschäftigung in 1936 verringern. Weitere Ursachen für den stürmischen Zulauf zu den Nationalsozialisten: Eingelullt von Hitlers Friedensbeteuerungen und aus der gemeinsamen Ablehnung des Bolschewismus erklärt die katholische Kirche ihre Loyalität gegenüber der neuen Regierung: Am 28. März 1933 die deutschen Bischöfe, am 20. Juli der Vatikan. Das hinterlässt im erzkatholischen Kempen einen gewaltigen Eindruck - auch wenn der eigentliche Durchbruch der Nazis schon vorher erfolgt ist. Dazu kommt der Respekt der autoritär erzogenen Bürger vor der Staatsgewalt, die die Nationalsozialisten jetzt innehaben. Am 1. Mai 1933, dem neuen "Tag der nationalen Arbeit", treten 144 Kempener der NSDAP bei; ein Viertel von den 579, die die NS-Ortsgruppe schließlich zählen wird. Wer sich jetzt nicht beeilt, befürchten viele, wird in Zukunft keine Rolle mehr spielen können. Foto: Kreisarchiv

Fazit: Wer heute über "Kempen unterm Hakenkreuz" forschen will, sollte andere Bestände befragen - vor allem die Zeitungsbände und Kreisakten des Kreisarchivs und die Entnazifizierungs- und Gestapoakten im Landesarchiv NRW.

(RP)