Vor 50 Jahren: Im Kreis Kempen-Krefeld wurden aus 26 Gemeinden acht Kommunen geschaffen

Serie Vor 50 Jahren : Der Landtag beschließt die Neugliederung

Im Kreis Kempen-Krefeld wurden aus 26 Gemeinden acht leistungsstärkere Kommunen geschaffen.

Längst nicht alle haben es als Weihnachtsgeschenk empfunden, als der Landtag von Nordrhein-Westfalen am 18. Dezember 1969 das „Gesetz zur Neugliederung des Kreises Kempen-Krefeld und der kreisfreien Stadt Viersen“ beschloss. Mit dieser zukunftweisenden Entscheidung fand eine mehrjährige heftige und kontroverse Diskussion um die Neugliederung der Städte und Gemeinden im Kreis Kempen-Krefeld ihr Ende.

Allenthalben war die Verwaltungs- und Gestaltungskraft der vielen Einzelgemeinden den Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen. Zu groß waren die kommunalen Leistungsunterschiede zwischen den kreisfreien Städten und den kreisangehörigen Gemeinde geworden.

Hermann Dortans (links) im Gespräch mit Regierungspräsident Hans-Otto Bäumer 1968. Foto: Kreisarchiv Viersen

Der ehemalige Oberkreisdirektor Rudolf H. Müller, eine wichtige Persönlichkeit in der vielschichtigen Neugliederungsdiskussion im Kreis, erinnert sich (Heimatbuch 2016): „Eine öffentliche Wasserversorgung war in den Großstädten selbstverständlich, aber in vielen Landgemeinden nicht vorhanden. Noch krasser waren die Unterschiede in der Abwasserbeseitigung. Toiletten mit Wasserspülung und Badezimmer waren in Landkreisen weithin nicht üblich. Gymnasien, Realschulen und Berufsschulen waren in Landkreisen so wenig vorhanden, dass viele begabte Kinder und Jugendliche keine praktische Möglichkeit zum Schulbesuch hatten, zumal der öffentliche Nahverkehr in den Kreisgebieten dem Vergleich mit dem öffentlichen Nahverkehr in Großstädten nicht standhalten konnte.“ Nur einige Beispiele von vielen der von Müller konstatierten Defizite.

Hatte man zwei Jahrzehnte lang vor allem damit verbracht, die örtlichen Folgen des Krieges zu bewältigen, so musste zukunftsorientierte Politik jetzt die Beseitigung der gemeindlichen Zersplitterung angehen.

Eine von neun Vertragsunterzeichnungen zur Kommunalen Neugliederung: Diese Aufnahme entstand 1969 in Grefrath. Foto: Kreisarchiv Viersen

Mit dem Gesetz vom 18. Dezember wurden aus 26 ehemaligen Städten und Kreisen acht neue Gemeinwesen geschaffen. Im Einzelnen wurden zusammengeschlossen: Bracht und Brüggen zur Gemeinde Brüggen; Grefrath und Oedt zur Gemeinde Grefrath; Hüls, Kempen, St. Hubert, Schmalbroich, Tönisberg zur Stadt Kempen; Breyell, Hinsbeck, Kaldenkirchen, Leuth und Lobberich zur Stadt Nettetal; Amern und Waldniel zur Gemeinde Schwalmtal; St. Tönis und Vorst zur Gemeinde (seit 1979 Stadt) Tönisvorst; Boisheim, Dülken, Süchteln und Viersen zur Stadt Viersen; Anrath, Neersen, Schiefbahn und Willich zur Stadt Willich.

Die Umsetzung des Gesetzes war eine große Herausforderung. Wo beispielsweise zwei ähnlich große Altgemeinden zusammengeschlossen wurden, gab es manche kommunalpolitische Eifersüchtelei und ein bisweilen lähmendes Bestreben, der neuen anderen Gemeindehälfte keinen Vorteil zu gönnen.

Dort waren jeweils zwei Gemeindedirektoren und zwei ehrenamtliche Bürgermeister durch einen zu ersetzen. Man musste naiv sein, um zu glauben, dies könnte ohne Reibungen und Verletzungen vonstatten gehen. Manche kleine ehemalige Gemeinde fürchtete eine abträgliche Dominanz der neuen „Hauptstadt“ – so zum Beispiel Breyell, Hinsbeck, Kaldenkirchen und Leuth in Bezug auf Lobberich. Mancher Kommunalpolitiker sah sich aus der ersten Reihe in die zweite oder gar dritte versetzt.

Dennoch: Im nächsten Jahr begehen die am 18. Dezember 1969 geschaffenen Städte und Gemeinden ihr 50-jähriges Bestehen. Soweit erkennbar, selbstbewusst und im Frieden mit der damaligen Entscheidung. Durchweg hat sich in ihnen ein neues Gemeindebewusstsein entwickelt, wie es ein gerade erschienenes Jubiläumsbuch der Stadt Willich eindrucksvoll dartut.

Bericht: Die Kreisreform stand noch bevor