Serie: Mein Jahr in Kolumbien: Von der großen Stadt ins Dorf aufs Land

Serie: Mein Jahr in Kolumbien : Von der großen Stadt ins Dorf aufs Land

Die 23 Jahre alte Grefratherin Inga Trost arbeitet als Freiwillige ein Jahr lang in Kolumbien. Dort lebt sie für einige Zeit auf dem Land - außerhalb der Metropole Cali. In der Rheinischen Post berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Cali in Kolumbien vor einigen Wochen: Ich sitze in einer Konferenz des Kulturzentrums "Somos Pacifico". Mir steckt ein Kloß im Hals. "In unserem Musik-Programm sind keine Freiwilligen vorgesehen", sagt mein Kollege Valmore. Er hatte Ärger bekommen, weil ich beim Weihnachtskonzert des Kulturzentrums dirigiert hatte. Ich schlug ihm neue Aufgaben für mich vor, was er auch annahm. Doch trotzdem ist es erst einmal ganz anders gekommen.

Dorfstraße. Entlang eines Schotterwegs reihen sich niedrige Häuser, ungefähr drei Kioske, eine kleine Kirche und die Dorfschule. Ich habe Cali vorerst verlassen, weil mich meine Entsendeorganisation für die Produktion eines Films in die Berge um Cali schickte. Dem voran gegangen war, dass ein vermeintlich privater Kontakt sich als brisant heraus stellte. Ich sollte Cali vorerst verlassen. Ich hatte meiner Organisation auch von meinen Plänen berichtet, einen Film zu drehen. Er soll festhalten, wie mit dem heimischen Riesen- Bambus Häuser oder Pavillons gebaut werden. Dessen Verbreitung hat sich meine Entsendeorganisation unter anderem verschrieben. Sie wollten also, dass ich mit dem Film nicht länger warte.

Die Familie in Deutschland atmet auf: "Das Kind ist erst einmal in Sicherheit." Naja, denn im Dorf gibt es keine Polizei, die ist in der nächstgrößeren Stadt. Bisher sah ich sie nur einmal, als der Bürgermeister ins Dorf kam. "Es ist wie im wilden Westen", bemerkte mein Mitfreiwilliger Timon, als sich auf der einzigen geteerten Straße das ganze Dorf traf, weil ein paar Kinder die Kirche plündern wollten.

An einer der wenigen Ecken des Dorfes wohne ich mit Timon, dem deutschen Jung- Architekten Robert und der Kolumbianerin Julieta, die selbst auch mit Bambus arbeitet. Das Haus erscheint mir zuweilen wie eine kleine deutsche Kolonie. Und das ist ganz schön anstrengend. Bin ich doch hier, um Spanisch zu lernen und Kolumbianer zu treffen. Doch im Haus und vor der Tür findet viel Austausch statt. Wir backen deutsches Brot in der Pfanne (der Dorfbäcker hat schon das Rezept und einen Ofen), stellen morgens Maisfladen her, trinken heiße Schokolade und hören vor dem Schlafengehen Panflöten-Musik aus Julietas Computer.

Nicht selten setze ich mich vors Haus auf die Straße und habe meine Ukulele dabei. Das sehen die Nachbarskinder, kommen zu mir und wir singen gemeinsam. An einem Abend haben wir zusammen ein eigenes Lied kreiert. Mit Timon lernen einige Kinder, dazu auf selbst geschnitzen Bambusflöten zu spielen.

Der Filmdreh gestaltet sich zäh. Die Ausstattung müssen wir stets ausleihen, die Dreharbeiten finden draußen statt, was in der Regenzeit schwierig ist. Wenn wir einmal weg wollen, fährt nur zwei Mal täglich ein bunter Bus, eine chiva, in die nächst gelegene Stadt. Nach dem hektischen Alltag in der Großstadt genieße ich hier die Ruhe, dass der Esel ruft oder die Sonne über den Bergen untergeht. Trotzdem freue ich mich, wenn ich wieder nach Cali zurückkehre.

(TI01)