Kempen: Vom Bahnhof aus in den Tod

Kempen: Vom Bahnhof aus in den Tod

Vor 70 Jahren wurden die ersten Kempener Juden in den Tod deportiert. Zur Erinnerung findet am Sonntag in der Aula der Realschule eine Gedenkstunde statt: Jugendliche werden zu einer Welt ohne Hass und Gewalt aufrufen.

Es ist Dienstagabend, 9. Dezember 1941. Von Polizeibeamten bewacht, zieht eine Gruppe von elf Juden aus Kempen und St. Hubert auf das 1974 abgebrochene Hohenzollernbad an der Burgstraße in Kempen zu. Auf dem Fliesenboden des Foyers verbringen sie die Dezembernacht. Am nächsten Morgen um 8 Uhr werden sie von den Polizisten zum Kempener Bahnhof geführt. Dort wartet ein Güterzug der Industriebahn — des Krefelder "Schluff". Vom Gummiknüppel des Wachtmeisters Ludwig O. zur Eile getrieben, zwängen die Menschen sich in einen überfüllten Waggon. 124 Menschen aus dem ganzen Kreisgebiet fahren jetzt nach Krefeld. Vom Hauptbahnhof geht es weiter zum Düsseldorfer Schlachthof Derendorf und am 11. Dezember mit einem Sonderzug, der 1007 Menschen umfasst, in das von der Wehrmacht besetzte Riga. Dies ist die erste große Deportation der Juden vom Niederrhein.

Gedenken in der Realschule

An diese Opfer erinnert eine Gedenkveranstaltung am Sonntag, 11. Dezember, 11.15 Uhr, in der Aula der Realschule. Hier stellt der Historiker Dr. Hans Kaiser mit Lichtbildern die Geschichte der jüdischen Gemeinde Kempens vom Mittelalter bis zu ihrem Untergang dar. Eine Schülergruppe geht in einem Szenario auf Schicksale ein. Ihre Aufführung mündet in einen Appell für eine Welt ohne Gewalt und Hass.

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Einer, der vor 70 Jahren auf der Transportliste steht, fehlt damals: Der Viehhändler Leo Goldschmidt (44). Er ist bereits nach der Pogromnacht am 10. November 1938 in das KZ Dachau gebracht worden und weiß, was "Deportation" bedeutet. So hat er sich vier Tage vor dem Abtransport am Treppengeländer des Hauses Schulstraße 10 erhängt.

Auf diesem Transport gehen zwei junge Menschen eine lebenslange Beziehung ein: Der Schreiner Kurt Mendel (19), Sohn des Kempener Viehhändlers Andreas Mendel, und Emmi Dahl (20), Tochter eines Metzgers aus Dormagen. "Wir kannten uns bisher nur flüchtig", erinnert sich Emmi, heute Kurt Mendels Witwe. "Dann sahen wir uns in diesem Zug nach Riga wieder. Wir saßen auf dem Boden des überfüllten Personenwaggons und sagten: Wenn wir hier 'rauskommen, bleiben wir zusammen." Sie gehören zu den 98 Menschen, die diese Deportation überleben werden und sie bleiben zusammen.

Nicht überlebt haben Rudolf Bruch, seine Frau Selma und deren Tochter Ilse aus Kempen, Vorster Straße 2. Rudolf, der mit anderen beim Bau eines KZ schuften muss, stirbt im Januar 1942 an Hungertyphus. Selma hat zwar eine Arbeit, die ihr Überleben sichert: Für die SS muss sie die Kleider der Ermordeten ausbessern, damit die Textilien von der NS-Volkswohlfahrt an bedürftige Volksgenossen in Deutschland verteilt werden können. Keine stopft so gut Einschusslöcher wie sie. Aber als am 2. November 1943 ihre Tochter Ilse nach Auschwitz ins Gas gebracht werden soll, geht die Mutter mit, damit ihr Kind im Tod nicht allein ist. Frage des Tages

(hk-)
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