Stadt Kempen: Versöhnung über Kontinente

Stadt Kempen: Versöhnung über Kontinente

Am 24. November nahmen in Kempen fünf Nachfahren einer verfolgten jüdischen Familie an der Verlegung weiterer Stolpersteine teil. Nach Hause zurückgekehrt, schickten sie anrührende Dankesworte. Hier eine Zusammenfassung.

"Danke, tausend Dank!" - Danke wofür? Für eine Gedenk-Veranstaltung in Kempen. Am 24. November wurden in der Stadt zum zweiten Mal Stolpersteine verlegt. Von den elf Steinen galten neun der verfolgten jüdischen Metzgerfamilie Hirsch, die ihr Geschäft an der Peterstraße 23 hatte - wo heute das neue Kolpinghaus steht. Der tüchtige Inhaber Isidor Hirsch war einer der besten Steuerzahler der Stadt - und von hoher sozialer Gesinnung. Zeitzeugen haben sich erinnert, wie arbeitslose und ärmere Mitbürger in seinem Laden ein gutes Stück Wurst gratis dazu bekamen.

Nach der Verlegung der Stolpersteine hielt Hannah Hirsch aus Israel (links) eine bewegende Dankesrede. Neben ihr (von links): Glenda Hirsch aus England, Leora Hirsch und ihr Mann Pete aus Neuseeland Foto: Hans Kaiser

Aber nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurden Isidor Hirsch und seine Familie missachtet und gedemütigt. Ihre letzten treuen Kunden wurden 1935 aus einer gegenüber liegenden Wohnung von einem SS-Mann fotografiert und von der NS-Ortsgruppe für ihr widerständiges Verhalten bestraft. Fünf Mitglieder der Familie wurden in Vernichtungslagern ermordet: Isidor Hirsch, seine Frau Johanna und seine Schwester Hannchen in Treblinka, ihre Kinder Walter und Emmy in Auschwitz. Vieren gelang die Flucht. Ihre Nachfahren leben heute verstreut über vier Kontinente.

Allein neun Steine für Mitglieder der jüdischen Familie Hirsch verlegte Gunter Demnig vor dem Kolpinghaus an der Peterstraße 23. Zwei weitere Steine platzierte er an der Ellenstraße 19 und am Haus Peterstraße 3. Foto: Wolfgang KAISER

Fünf Nachfahren kamen vor vier Wochen zur Verlegung aus England, Israel und Neuseeland. Für sie gestaltete sich der Gedächtnis-Akt zum unvergesslichen Erlebnis. Nun sind sie zurückgekehrt nach London, Tel Aviv und Auckland. Die Neuseeländer machten noch Station bei Verwandten in Venlo und legten dann einen langen Heimweg über Berlin, Budapest und Singapur zurück. Und nun, da alles hinter ihnen liegt, schicken alle anrührende Dankesworte nach Kempen. Hier einige Zitate, ins Deutsche übersetzt.

"Wir werden unseren Aufenthalt in Kempen nie vergessen!", schreibt aus London Freddie Hirsch. Er ist der Sohn des Metzgermeisters Leo Hirsch, der 1934 mit seinem Bruder Paul den väterlichen Betrieb übernahm. Berührt hat Freddie und seine Frau Glenda vor allem die ehrliche und gründliche Aufarbeitung der Verfolgung seiner Familie, aber auch die Darstellung der Hilfe, die ihre Vorfahren in Kempen bekamen. Während in der Pogromnacht Kempener SA- und SS-Männer die Synagoge an der Umstraße niederbrannten und die jüdischen Wohnungen und Geschäfte demolierten, kam der 33-jährige Leo bei der Bauernfamilie Klaps in Schmalbroich unter. Am nächsten Tag wies ihn sein Hausarzt und Nachbar Dr. Edmund Straeten unter dem Vorwand einer Lungenentzündung ins Kempener Krankenhaus ein. So entging der junge Mann der Verhaftung - anders als sein Bruder Paul, der von der Kempener Polizei mit 15 anderen Juden in eine Gefängniszelle an der Umstraße zusammengepfercht wurde. Vom Anrather Zuchthaus wurde er ins KZ Dachau deportiert und verbrachte dort 14 Tage unter erbärmlichen Umständen. Von all dem wusste Freddie Hirsch nichts, denn sein Vater wollte darüber, was ihm von den Nazis widerfahren war, nie sprechen. In letzter Minute - am 2. September 1939, einen Tag, nachdem die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert war - entkamen die beiden Brüder mit dem letzten Fährschiff nach England, wo sie sich nach harter Arbeit und eisernem Sparen einen Bauernhof kauften. Dort, auf der Bilham-Farm in der Grafschaft Kent, hat Freddie Hirsch seine Kindheit und Jugend verbracht.

Gemeinsam mit seiner Schwester Hannah, die später nach Israel ging. "Wir waren höchst angetan von dem herzlichen Empfang, den uns so viele Menschen in Kempen bereitet haben", schreibt Hannah Gillman der Kempener Stolperstein-Initiative. "Wir haben nun einen Ort des Gedenkens für unsere Familie. Unser besonderer Dank gilt den Schülern, die sich so lange mit den Schicksalen unserer Vorfahren beschäftigt und sie auf Deutsch und Englisch vorgetragen haben; wir danken ihren Lehrern, den Übersetzern und nicht zuletzt dem Schulchor des Thomaeums und seinen Musikern, die der Feier einen so schönen Rahmen verliehen." Und bewegt erinnert sie sich an das Zusammensein mit der Kempener Familie Renkes, die in der schweren Zeit der Verfolgung der jüdischen Nahbarfamilie nach Kräften beigestanden hat. "Das Schönste waren die vielen Freundschaften, die wir bei unserem kurzen Aufenthalt in Kempen geschlossen haben."

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Am anrührendsten ist jedoch der Text, den die Kempener Initiative vom Sprecher der Familie Hirsch bekam - von Walter ("Wally") Hirsch aus der neuseeländischen Stadt Auckland. Walter Hirsch, Schulleiter im Ruhestand, ist der Sohn des 1904 in Kempen geborenen Bankkaufmanns Ernst Hirsch, der im September 1938 nach Neuseeland emigrierte und in Dunedin, der zweitgrößten Stadt im Südteil der Insel, Lehrer und Haupt der jüdischen Gemeinde wurde. Auch sein Sohn Walter hat sich um das Gemeinwohl verdient gemacht. Er ist Umweltaktivist, war Friedensrichter und gehörte in den 1980er-Jahren dem staatlichen Komitee für Menschenrechte und für den Kampf gegen Rassismus an. Als Experte für die neuseeländische Kultur nimmt er eine wichtige Stellung im nationalen Töpferei-Verband ein. Für sein lebenslanges Engagement haben ihm die englische Königin und die neuseeländische Regierung zwei Verdienstorden verliehen. Auch mit 80 Jahren führt er noch Besuchergruppen durch landschaftlich reizvolle Landesteile. Wegen eines lange geplanten Termins in Australien konnte er nicht an der Zeremonie in Kempen teilnehmen. Aber die Initiative hat ihm zahlreiche Fotos von der Stolpersteinverlegung gemailt.

"Mit meiner Frau Adele habe ich lange Zeit die eindrucksvollen Bilder betrachtet", schrieb Walter Hirsch zurück. "Bei einigen sind mir die Tränen gekommen. Etwa, als ich sah, wie die Stadt für den Empfang durch den Bürgermeister Bilder meiner Vorfahren im Rokoko-Saal aufgehängt hatte. Oder, wie eine Schülerin bei der Verlegung der Stolpersteine an der Peterstraße ein Bild meines geliebten Vaters hoch hielt. Ich hoffe, dass auch ich in nicht zu ferner Zukunft seinen Geburtsort besuchen kann."

2013 veröffentlichte Walter Hirsch unter dem Titel "Out of the shadows" seine Lebenserinnerungen; das Buch war rasch vergriffen. Jetzt, so schreibt er, will er es wieder herausbringen, aber erweitert um das wichtigste Kapitel: die Stolpersteinverlegung.

Es wäre ein neues Kapitel in der Geschichte der oft verfolgten jüdischen Gemeinde Kempens.

(hk-)
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