Kempen: Trägt Olaf H. sadistische Züge?

Kempen : Trägt Olaf H. sadistische Züge?

Den Kopf in die Hand gestützt, so saß Olaf H. über weite Strecken auf der Anklagebank vor dem Schwurgericht, als gestern der psychiatrische Sachverständige sein Gutachten vortrug. Er hält den 45-Jährigen für voll schuldfähig.

Grefrath/Krefeld Der Missbrauch und der Mord am zehnjährigen Mirco aus Grefrath — Taten die die Staatsanwaltschaft dem 45-Jährigen Olaf H. aus Schwalmtal zur Last legt —, tragen möglicherweise sadistische Züge. Das sagte gestern der psychiatrische Sachverständige Dr. Martin Albrecht in seinem Gutachten vor dem Krefelder Schwurgericht. Beweisen lasse sich diese These aber nicht, da es keine Tatbilder gebe. Einen pädophilen Hintergrund für die Taten vom 3. September vergangenen Jahres schloss Albrecht aus. Mircos Eltern wirkten gefasst, als sie im Gerichtssaal den Ausführungen des Gutachters folgten.

Der Gutachter hatte die Akten studiert, psychologische Test durchgeführt, die Aussagen der Hauptverhandlung gewürdigt und Olaf H. fünfmal getroffen, bevor er sein Gutachten erstattete. Bei den Untersuchungen, sagte Albrecht, sei der Angeklagte freundlich zugewandt gewesen, habe aber auch hohes Abwehrverhalten gezeigt. Das stellte der Gutachter vor allem fest, wenn Fragen auf psychologische Hintergründe zielten.

Die Ergebnisse der Persönlichkeitsdiagnostik des überdurchschnittlich intelligenten Angeklagten bezeichnete Albrecht als weitgehend unauffällig. Allerdings: Ein psychologischer Test, der sich vor allem mit der Sexualität befasst, sei fast nicht auswertbar gewesen, weil Olaf H. sehr viele Fragen offen gelassen habe. Die Fragen, die er beantwortet habe, hätten aber ein völlig normales Bild ergeben.

Hirnorganische Schädigungen des Angeklagten schloss der Sachverständige ebenso aus wie eine intellektuelle Überforderung im Beruf. Hinsichtlich des Umgangs mit Stress und Spannungen bezeichnete der Gutachter Olaf H. allerdings als wenig widerstandsfähig. Beruflicher Stress könne ein möglicher Tatauslöser sein.

Nicht auszuschließen aber auch nicht zu beweisen ist nach Albrechts Angaben, dass die Tat sadistische Züge getragen habe. Bei solchen Tätern könnten zum Beispiel in der Kindheit erlittene Traumata (Verletzungen) abgespalten und an die Sexualität gekoppelt worden sein. In bestimmten Belastungssituationen könnten diese Traumata sich in Sexualstraftaten, die sadistische Züge trügen, äußern. Dabei gehe es den Tätern auch darum, Macht auszuüben. Solche Täter nähmen ihre Taten nach empirischen Erkenntnissen eher als Ich-fremd wahr. Sie seien als sehr gefährlich einzustufen. Um zu ihren Taten zu stehen, könne ihnen eine Therapie helfen. Eine individuelle Vorhersage, wie lange eine solche Therapie dauere, lasse sich nicht abgeben.

Nicht auszuschließen, sei, dass im Sommer 2010 die Phase beruflichen Stresses das Selbstwertgefühl des Angeklagten so stark berührt habe, dass sich bei ihm Phantasien entwickelt hätten, ein Kind zu missbrauchen, um zu zeigen, "wer das Sagen hat". Diese Allmachtsgedanken bis zum Exzess getrieben hätten möglicherweise zu Mircos Tötung geführt.

(RP)