Gemeinde Grefrath: "Sind wir eine Vorkriegsgeneration?"

Gemeinde Grefrath: "Sind wir eine Vorkriegsgeneration?"

Ein Gespräch mit dem Grefrather Buchhändler Karl Groß, Friedensbewegter mit wilden Jugendzeiten.

"Frieden auf Erden" liegt dem Grefrather Buchhändler Karl Groß, einem überzeugten Pazifisten, nicht nur zur Weihnachtszeit am Herzen. Zu Beginn unseres Gesprächs zitiert er Reinhard Mey, der schon in den 1980er Jahren textete: "Ich denk, ich schreib` euch besser schon beizeiten,/Und sag euch heute schon endgültig ab./Ihr braucht nicht lange Listen auszubreiten,/Um zu sehen, daß ich auch zwei Söhne hab`./Ich lieb die beiden, das will ich euch sagen,/Mehr als mein Leben, als mein Augenlicht,/Und die, die werden keine Waffen tragen,/Nein, meine Söhne geb` ich nicht!"

Das gefällt Groß ganz besonders gut. Er war ein früher Wehrdienstverweigerer, den Vietnam-Krieg und Rassenunruhen in den USA nicht gleichgültig ließen und der sich, als er seinen Zivildienst in der Psychiatrie des Landeskrankenhauses Bedburg-Hau absolvierte, gegen den Vorwurf wehren musste, ein Drückeberger zu sein. "Wir wollten das Gegenteil beweisen und haben uns deshalb besonders intensiv in die Arbeit gekniet. Für mich war das insgesamt eine sehr bereichernde und fruchtbare Zeit", sagt Karl Groß rückblickend.

Die gegenwärtige Entwicklung in der Welt macht ihm große Sorgen: "Wir waren schon mal weiter, was den Frieden in der Welt angeht. Es fühlt sich an, als seien wir wieder im Kalten Krieg", sagt er und fügt hinzu: "Der Respekt der Menschen untereinander nimmt immer mehr ab. Anstand ist für viele inzwischen wohl ein Fremdwort. Kindern wird leider in viel zu vielen Fällen keine Herzenswärme mehr vermittelt. Es herrscht leider viel Unfriede im Alltag. Die Armut und der Reichtum sind auch völlig falsch verteilt. Diese Ungerechtigkeiten erkennen immer mehr Menschen und sind entsprechend enttäuscht. Das Bürgertum rutscht ab. Es ist keine Lösung der Probleme zu erkennen. Es drohen wohl auch Verteilungskämpfe. Es wird zukünftig, das ist absehbar, immer weniger Arbeit geben. Man kann insgesamt die gesellschaftliche Entwicklung nur sehr skeptisch und durchaus pessimistisch beschreiben".

Er sei zwar Teil der Nachkriegsgeneration, sei aber jetzt nicht mehr ganz sicher, ob er nicht auch schon wieder einer Vorkriegsgeneration angehöre. Das Treiben von Machtpolitikern wie Putin, Trump und Erdogan und die Welle der Gewalt, die überall auf der Welt überschwappt, das alles macht ihm große Sorgen. In seinem eigenen Alltag versucht er, sich für politische Hygiene und für ein friedliches Miteinander einzusetzen. Künstler, die bei ihm auftreten, haben durchaus politische Botschaften, wenn sie auf die Kleinkunstbühne in seinem Laden steigen. Da spielt das Thema "Frieden" ebenso wie Gewaltverzicht immer eine besondere Rolle.

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Der heute so seriöse Buchhändler, der im Jahre 1993 seinen ersten, noch kleineren Buchladen eröffnete und 1998 in die Hochstraße 25, seinem heutigen Laden, umzog, hatte in der Jugend seine wilden Jahre, die er nicht missen möchte. Der in Uedem geborene Niederrheiner lebte drei Jahre lang in Kleve in einer achtköpfigen Kommune, trug seine Haare dem Zeitgeist entsprechend sehr lang und war als "Gefühlter 68er" (Zitat Karl Groß) auch stets ein Friedensbewegter. Er studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete zeitweise als Übersetzer und gibt als ersten Berufswunsch gerne "Berufsschachspieler" an. Noch heute spielt Karl Groß regelmäßig Schach in der Mannschaft des Uedemer Schachclubs und fährt auch weiterhin zu Schachturnieren wie dem renommierten "Gocher Open", für das er eigens Urlaub nimmt.

Seine Leidenschaft aber sind selbstverständlich die Bücher. Wie er es schafft, mit seinem vergleichsweise kleinen Laden gegen die übermächtig scheinende Konkurrenz der großen Buchhandlungen zu bestehen, fragen sich sicherlich viele Menschen. Karl Groß aber hat sich weit über Grefraths Grenzen hinaus längst einen Namen gemacht als ehrlicher Ratgeber und fundierter Kenner der Literaturszene, zu dem man gerne kommt, um sich Rat zu holen. Er rät dabei nicht nur zu, um ein Buch verkaufen zu können. Es kann durchaus vorkommen, dass er auch abrät und dafür eine passende Alternative vorschlägt. Das kommt gut an, schafft Vertrauen und beweist die Souveränität und Kompetenz dieses sympathischen Mannes, der sich in keine Schublade stecken lässt. Auch bei Verlagen und Autoren hat er längst einen guten Namen.

In der Reihe "Kultur am Montag" veranstaltet er mit seiner Partnerin Regina Ringpfeil ambitionierte Lesungen, Kabarettabende und Konzerte. Da passen gerade mal 70 bis 80 Personen hinein, und der Laden muss auch jedes Mal eigens dafür umgeräumt werden. Kabarettisten, Musiker und Autoren aber kommen gerne in die Provinz, werden sie hier doch ganz besonders nett umsorgt und bei Bedarf sogar bekocht. Autoren wie Frank Schätzing und zuletzt noch Krimi- und Sachbuchautor Martin Walker lasen bei Karl Groß. Dann kommen schon mal mehr als 200 Besucher und Groß weicht auf die schönen und größeren Räumlichkeiten des Bestattungshauses Camps aus. Es kommt auch vor, dass der Buchhändler, der Robert Gernhardt so liebt, auch mal selbst mit vorliest. Ansonsten ist dieser Mann eher zurückhaltend, stellt sich nicht so gerne in den Vordergrund. Den überlässt er seinen Bühnengästen, die immer gerne wiederkommen. Wir Berichterstatter auch!

(jka)