Serie: Vor 80 Jahren - Novemberpogrom in unserer Region (4)

Serie Vor 80 Jahren : Hülser zünden Synagoge in St. Tönis an

Anders als in Kempen, wo Polizei und Nationalsozialisten kooperierten, lief der Novemberpogrom im Ostteil des Kreises ab. Die St. Töniser Ortsgruppe wollte zunächst an den Ausschreitungen nicht teilnehmen. In Grefrath und Oedt geschah nur wenig oder nichts.

10. November 1938: In der NS-Ortsgruppe St. Tönis hält sich die Bereitschaft, „Vergeltungsaktionen“ gegen die Juden durchzuführen, in Grenzen. Auch hier hat der Krefelder NS-Kreisgeschäftsführer, der SA-Sturmführer Paul Tack, am Morgen den St. Töniser Ortsgruppenleiter Josef Meyendriesch angerufen, hat den Befehl weitergegeben, die Synagoge anzuzünden und die jüdischen Geschäfte und Wohnungen zu demolieren. Meyendriesch aber hat, wie er gegenüber Mitarbeitern äußert, „für derartige Dinge wenig Verständnis“. Erst unter massivem Druck der NSDAP-Kreisleitung begibt Meyendriesch sich um 17 Uhr mit zwei NS-Mitarbeitern zur Synagoge, durchwühlt die Einrichtung, nimmt ein Paket mit Büchern und andere Kultgegenständen mit. Weitere Nationalsozialisten dringen ein, werfen Einrichtungsgegenstände um, zerschlagen sie. Auf ein Anzünden des Gebäudes verzichten die Parteigenossen; ein Feuer scheint ihnen wegen der engen Bebauung im Ortskern und der Nachbarschaft eines Farbenlagers zu riskant für die umliegenden Häuser.

Richtfest der St. Töniser Synagoge 1906: Nur 32 Jahre später wurde sie von Hülser SA-Männern in Brand gesteckt. Foto: St. Töniser Heimatbrief

So nimmt der Hülser Ortsgruppenleiter Robert Frantzen die Sache in die Hand. Mit drei Taxis, besetzt mit Hülser und Krefelder SA-Leuten, fährt er nach St. Tönis, zwei gefüllte Benzinfässer im Anhänger. Die Ortsfremden steigen aufs Dach des Gebetshauses und entzünden das Gebälk mit Benzinkanistern. Der Martinszug ist gerade zu Ende gegangen. Eine schweigende Menschenmenge beobachtet, wie das Gebäude niederbrennt. Nach heftigen Auseinandersetzungen mit der NS-Rotte muss die Feuerwehr sich auf den Schutz der umliegenden Häuser beschränken.

Bei den anschließenden Aktionen werden die Hülser allerdings von SA- und SS-Männern aus St. Tönis unterstützt. Auch hier bleibt keine jüdische Wohnung, kein jüdisches Geschäft verschont, fliegen Möbel und ein Konzertflügel auf die Straße. Bei dem Kaufmann und Besitzer einer Krawattenfabrik, Hans Romberg, wird geplündert. Die Bibliothek der Familien Wolff und Klein verbrennt im Garten.

In Lebensgefahr gerät der Viehhändler Isaak Kaufmann, der im Ort auch eine kleine Metzgerei betreibt (Hochstraße 37). In einem Brief an den Verfasser dieses Beitrags hat eine Zeitzeugin, Karoline Bernards, berichtet: „Wir standen vor der Haustür, als der SA-Trupp sich singend näherte. Vor Kaufmanns Haus standen dessen jüngster Sohn Josef und der jüdische Volontär Kaseboom aus Nordfriesland, woher Kaufmann die Kühe für seinen Viehhandel bezog. Auf dem Bürgersteig lag ein kleiner Haufen Pflastersteine, zur Ausbesserung der Straße. Herr Kaseboom, ein mutiger Jude, hat, wie er mir später mitteilte, der SA den Vogel gezeigt. Daraufhin stürzte sich die Truppe auf die Pflastersteine und bewarf mit ihnen das Haus und die beiden flüchtenden Männer. Der SA-Mann Peter Pieper aber drang bis ins Wohnzimmer vor, wo der achtzigjährige Kaufmann im Sessel saß.“

Paul Wietzorek hat in seinem 1991 erschienenen Buch „St. Tönis 1188-1969“ dargestellt, was weiter geschah: „Den 80-jährigen Kaufmann misshandelte man mit Faustschlägen, Stockhieben und Fußtritten. Dann fesselte man ihn auf seinen Korbsessel, trug ihn auf die Straße und wollte ihn anzünden.“ Bei den Attacken auf den alten Mann geht es um „Rache“ für lästige Forderungen. Pieper, im Zivilberuf Landwirt, hatte, so Wietzorek, „mehrfach Vieh bei Isaak Kaufmann bestellt, erhalten, aber nicht bezahlt. … Pieper kommentierte sein übles Verhalten mit den Worten: ,So, Jude, jetzt hast du die Kühe bezahlt.’“ Zeitzeugin Karoline Bernards weiter: „Der Polizist Poppen, der im Rathaus wohnte, war durch den Lärm herbeigeeilt. Er nahm den alten Herrn Kaufmann mit in das direkt gegenüber liegende Polizeigefängnis und hat ihn dort bis zum nächsten Tag eingeschlossen, um ihn vor weiteren Angriffen zu bewahren.“

In Vorst werden die Geschäfte und Wohnungen der Familien Katz und Horn demoliert. SA-und SS-Schläger stoßen den alten Hermann Katz, Inhaber des Eisernen Kreuzes aus dem Ersten Weltkrieg und Mitgründer der Vorster Feuerwehr, die Treppe hinunter und lassen ihn schwer verletzt liegen. Seine Töchter Emma und Rika schleppen ihn ins freie Feld und verbringen draußen die Nacht mit ihm, bis der NS-Pöbel sich verzogen hat. Katz erliegt bald seinen Verletzungen.

Die einzige jüdische Familie in Willich sind zu dieser Zeit die Lions an der Bahnstraße, wo Arthur Lion eine Viehhandlung führt (Nr. 11), Ernst Lion eine Metzgerei betreibt (Nr. 9). Auch hier kommt es zu Zerstörungen, und zweimal werden die wieder eingesetzten Fensterscheiben erneut eingeworfen. Der benachbarte Handwerker, der bei der Reparatur geholfen hat, wird behördlich verwarnt.

Am Morgen des 10. November 1938 wird die Schiefbahner Synagoge am Tömp in Brand gesteckt und brennt lichterloh bis in den Nachmittag. Später werden Schiefbahner Schulkinder an der Ruine vorbeigeführt: „Das Volk hat gesprochen!“ Die jüdischen Männer werden im Gefängnis am Bürgermeisteramt eingesperrt. Auf dem jüdischen Friedhof Bertzweg, 1913 angelegt, werden Grabsteine zertrümmert, der Eingang und die Einfriedung werden beschädigt.

In Schiefbahn suchen SA-Leute auch nach der Pogromnacht noch jüdische Wohnungen heim. Der jüdische Gebetsraum in Anrath (Hindenburgstraße 2) wird am 10. November geplündert, die Thorarolle entwendet und verbrannt. Das Gebäude selbst geht nicht in Flammen auf – wahrscheinlich, weil in ihm eine „arische“ Familie wohnt. Erst nach dem Krieg wird es einem Neubau weichen. Auch auf dem Anrather Friedhof werden Grabsteine beschädigt beziehungsweise gestohlen. 

Der Handvoll Juden, die in Neersen leben, geschieht nichts. Zwar wirft ein Rabauke, der mit den Nazis nichts zu tun hat, einer alten Frau die Fenster ein, aber die empörte Hausbesitzerin zwingt ihn, ihrer jüdischen Mieterin die Scheiben eigenhändig wieder einzusetzen. 

Im Haus Kempener Straße 2 in Grefrath (heute Mülhausener Straße 2) wohnen Alfred und Klara Levy, beide 49 Jahre alt, mit ihrem 13-jährigen Sohn Gerd. Hier werden die Fenster, Porzellan und Mobiliar zerstört – zum Entsetzen vieler Grefrather, die das Wüten einiger Nazis nicht begreifen können.

Insgesamt wird deutlich: Der Novemberpogrom vor 80 Jahren – von der Bevölkerung in satirischer Parodie auf die bombastischen Begriffe der Nazis „Reichskristallnacht“ genannt – ist in den einzelnen Orten unterschiedlich abgelaufen. Gemeinsam war den Aktionen nur, dass sie nirgendwo von „spontanem Volkszorn“ getragen wurden, sondern von parteiamtlicher oder gar – so in Kempen – behördlicher Organisation. Indes: Wenn auch von oben gelenkt, trugen die Aktionen den Charakter eines organisierten Chaos, verursacht durch die Eile der Vorbereitung und die Vielzahl der beteiligten Dienststellen.

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