Serie- 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (27)

Serie - 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (27) : Revolution vor dem Kempener Rathaus

Im Zuge der Industrialisierung wird die soziale Ungleichheit immer größer. 1848 brechen in mehreren Städten Aufstände aus; die ersten Kempener Zeitungen bauen ein politisches Bewusstsein auf. Als der preußische König die Mitbestimmung der Bevölkerung nicht zulassen will, kommt es in Kempen zu einem bewaffneten Aufruhr.

Freitag, 11. Mai 1849: Eine aufgeregte Menschenmenge belagert das Rathaus am Kempener Markt, der seit 1970 den Namen Buttermarkt trägt. Geschrei tönt auf: „Wir brauchen Waffen!“ Und: „Auf nach Neuss!“ Was ist in die Kempener gefahren? Herrscht nicht tiefer Frieden, seitdem 1814 die Franzosen abgezogen sind, seit die Preußen die Regierung übernommen haben? Warum der Aufruhr?

Es ist die Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen, die sich hier entlädt. Wohl wahr: Nach dem Abtritt Napoleons und der Übernahme des Rheinlands durch das Königreich Preußen im Jahre 1815 ist eine Periode äußerer Ruhe angebrochen – man nennt sie heute die Biedermeierzeit. Aber im Inneren gärt es. Unter dem Eindruck der französischen Herrschaft, entstanden aus der Revolution von 1789, hat ein Teil der bis dahin unpolitischen Deutschen die Idee eines Nationalstaats in Freiheit und Einheit entwickelt. Der wird ihnen von den 35 Fürsten, die in Deutschland jetzt das Sagen haben, aus Angst vor einem Machtverlust verweigert. „Frieden und Ruhe um jeden Preis!“, das ist das Ziel dieser großen und kleinen Herrscher. Auch wenn es eine Kirchhofsruhe ist.

Aber seitdem Napoleon bei Waterloo endgültig geschlagen worden ist, hat die Welt sich dramatisch verändert. Mit dem Aufkommen neuer, Dampf getriebener Maschinen ist es zu einem ungeahnten Aufschwung der Industrie und des Verkehrswesens gekommen. Das anbrechende Industriezeitalter löst die feudale Gesellschaft auf: Aus Landleuten werden Städter, aus Knechten Proletarier, aus manchem findigen Handwerker ein schwerreicher Industrieller. Fabriken schießen aus dem Boden, Unternehmer erzielen große Profite. Andererseits entsteht ein Heer besitzloser Proletarier, die über nichts verfügen außer ihrer Arbeitskraft. Sie leben und arbeiten unter erbärmlichen Umständen. Die gesellschaftliche Ungerechtigkeit schreit zum Himmel. Viele Zeitgenossen üben Kritik an den bestehenden Verhältnissen.

Auch in der Stadt Kempen. Neuerdings wollen die Bürger wissen, was außerhalb ihrer Mauern geschieht. Seit 1834 bringt der Buchdrucker Nikolaus Jansen jeden Samstag eine vierseitige Zeitung heraus, das „Intelligenzblatt für den Kreis Kempen und dessen Umgebung“. Seit 1840 heißt sie „Kempener Kreisblatt“. Sie enthält Anzeigen, amtliche Mitteilungen und hin und wieder eine Erzählung. Politische Beiträge fehlen noch, denn die preußische Regierung übt eine strenge Pressezensur. Aber dann kommt es zu einer dramatischen Entwicklung, die die alten Zustände über den Haufen wirft. Eine schwere Missernte führt 1846 in Europa zu einer drastischen Verteuerung der Lebensmittel. Hungerrevolten brechen aus. Das bisschen Geld, das die kleinen Leute noch haben, müssen sie ausgeben, um ihre Familien am Leben zu erhalten. Der Handel mit anderen Waren bricht zusammen, die Arbeitslosigkeit steigt. Am 28. Februar 1848 fegt in Paris eine Revolution aufgebrachter Bürger und verzweifelter Arbeiter, die gleiche und gerechte Wahlen fordern, den König Louis Philipp vom Thron.

Die Nachricht trifft die bisher so ruhige Thomasstadt wie ein elektrischer Schlag. Auch hier wünschen viele sich eine Mitsprache des Volkes durch ein freies Parlament. Die Unruhe steigert sich, als es am 18. März 1848 auch in Berlin zu Straßenkämpfen mit dem Militär kommt. 230 Bürger werden dabei getötet. Durch die Ereignisse geschockt, reitet Kempens Landesherr, der preußische König Friedrich Wilhelm IV., ein schwarz-rot-goldenes Band um den Arm, durch seine Hauptstadt. Den Bürgern teilt er mit, er wünsche Deutschlands Freiheit und Einheit. Und gewährt demokratische Rechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit.

Jetzt scheint er zum Greifen nah, der Traum von einem demokratischen und geeinten Deutschland: Unter dem Druck des Volkes stellt König Friedrich Wilhelm eine Nationalversammlung in Aussicht, zur Beratung einer Verfassung. Die tritt am 18. Mai in der Frankfurter Paulskirche zusammen. Aber ihre 500 Abgeordneten verfügen über keine Machtmittel, kein eigenes Militär, kein erfahrenes Beamtentum. Kurz: Sie haben keine ausführende Gewalt, um ihre Forderungen durchzusetzen. Bald haben die regierenden Fürsten sich von ihrem Revolutions-Schock erholt. Als die Nationalversammlung im März 1849 den preußischen König zum Kaiser über ein deutsches Reich wählt, lehnt der verächtlich ab: „ein „Hundehalsband“ nennt er in kleinem Kreis die ihm angebotene Krone. Friedrich Wilhelm widerruft seine Zusage, Preußen in einem Kaiserreich mit einer demokratischen Verfassung aufgehen zu lassen, und erklärt: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!“

Die Kempener verfolgen die Entwicklung mit gespannter Aufmerksamkeit. Seitdem die Pressefreiheit eingeführt ist, sind sie gut informiert. Erstmals am 20. Januar 1849 hat der Buchdrucker und Litograph Anton Wefers eine dezidiert demokratische Wochenzeitung herausgegeben: das „Intelligenzblatt für den Kreis Kempen“. Sein Redakteur ist der Schriftsetzer Franz Hauser, ein kämpferischer Demokrat, der eine Zeitlang als politischer Flüchtling in der Schweiz gelebt hat. Gegenüber der Regierung vertritt Hauser eine ausgesprochen kritische Linie. Seine Zeitung trägt in Kempen zur Ausbildung politischen Bewusstseins bei.

Kempen, Kreisarchiv, Intelligenz-Blatt 1834. Foto: Wolfgang Kaiser

Seit den Barrikadenkämpfen in Berlin Mitte März 1848 haben sich in der Stadt drei Gruppierungen gebildet: die Konservativen, die Liberalen und die Demokraten. Trotz inhaltlicher Unterschiede ist ihnen gemeinsam der Wunsch nach einem „deutschen Vaterland unter einer frei gewählten Regierung“. Als der König nun erklärt, er wolle in Preußen gegen alle Bestrebungen, das Volk an der Regierung zu beteiligen, die Landwehr mobilisieren, das heißt: jeden wehrpflichtigen Mann im Alter von 17 bis 40 Jahre, kommt es in der Thomasstadt zu offenem Aufruhr: „Wir schießen nicht auf unsere Brüder!“, erklären die Landwehrmänner.

In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1849 kommt es in der Düsseldorfer Altstadt zu Barrikadenkämpfen mit dem preußischen Militär. Dabei werden 16 Bürger getötet. Um weitere Unruhen im Keim zu ersticken, plant der Düsseldorfer Regierungspräsident, überall am Niederrhein die Landwehrmänner zu den Waffen zu rufen. Die Nachricht kursiert im Laufe des nächsten Tages, am 11. Mai, wie ein Lauffeuer. Die gesamte männliche Bevölkerung rechnet damit, die preußisch blaue Uniform anziehen zu müssen, um mit dem Gewehr in der Hand auf Freiheitskämpfer loszugehen – auf die eigene Bevölkerung! Die Landwehrsoldaten geraten in Aufruhr. Die meisten von ihnen haben eine dreijährige Dienstzeit in der preußischen Armee hinter sich und sind mit Pulver und Blei vertraut. Für diese Reservisten ist die Marschrichtung klar: Das nächste Waffenmagazin der preußischen Armee – das Zeughaus in Neuss – muss gestürmt werden. Die Waffen, die dort lagern, müssen an die unterdrückte Bevölkerung ausgeteilt werden, damit die sich ihre Freiheit erkämpft.

Auf also zum Marsch nach Neuss! Überall im Kempener Kreisgebiet machen sich Gruppen gedienter preußischer Soldaten klar zum Losschlagen. Dazu braucht man freilich Gewehre, und die liegen in Kempen hinter Schloss und Riegel im Rathaus am Markt. Weil man im Krisenjahr 1849 mit Unruhen, mit Aufruhr und Plünderungen rechnet, hat sich auch in Kempen eine Bürgerwehr gebildet, also eine Art Hilfspolizei. Für die sind die Waffen im Rathaus bestimmt.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Kempener Stadtrat verweigert die Herausgabe der Schießeisen. Aber das kann den Anführer der Aufrührer, den Schneider Hermann Lingen, nicht beirren. Lingen hat im Februar 1848 die Revolution in Paris mitgemacht. In Kempen ist er Hauptmann des Landwehrvereins und Nachrichtenbeschaffer für das regierungskritische Kempener Intelligenzblatt. Im Handumdrehen hat ein Trupp lärmender Bürger unter seinem Kommando die Tür der Waffenkammer aufgebrochen. Sofort werden die erbeuteten Vorderlader an die Landwehrmänner ausgegeben, die schon in Reih und Glied auf dem Markt aufmarschiert sind. Noch fehlt Munition. In der Rathaus-Waffenkammer werden die Schränke aufgebrochen, aber ihre Fächer sind leer. So zieht die ganze Reservisten-Kompanie vor das Haus des Kempener Bürgermeisters Franz-Theodor Foerster. Der fügt sich rasch den Forderungen und gibt einen Korb mit Patronen heraus.

In Krefeld, so hat man vereinbart, sollen sich die Landwehr-Reservisten aus der ganzen Umgebung zum Marsch nach Neuss versammeln. Unter Trommelschlag und Trompetengeschmetter ziehen die Kempener Landwehrmänner zum Engertor hinaus und die Hülser Straße entlang Richtung Seidenstadt. Auch aus Schmalbroich, St. Hubert und Oedt haben sich Hunderte dem Zug der Kempener angeschlossen. Die Oedter sind für den Transport ihrer Waffen und Gewehre sogar mit einem Wägelchen ausgestattet. Als die Truppe in Hüls angekommen ist, hören die Kempener, dass die Aufstände in Düsseldorf, in Neuss und Mönchengladbach durch das Militär blutig niedergeschlagen worden seien. Umfangreiche Truppenverbände marschierten von Düsseldorf nach Neuss. Da sinkt den ersten schon das Herz in die Hose. Gegen reguläres Militär, gegen disziplinierte Profis unter erfahrenen Führern zu kämpfen, ist für Reservisten, die den Kampf in geschlossenen Abteilungen nicht mehr gewohnt sind und die keine Kanonen haben, keine Kleinigkeit.

In Krefeld stoßen die Kempener am Nachmittag des 11. Mai zu den dortigen Landwehrmännern, die auf Verstärkung warten, um nach Neuss zu ziehen. Aber als von Neuss Nachrichten eintreffen, dass dort die Straßen von zahlreichem Militär besetzt seien, kehrt das Kempener Aufgebot um. Still und kleinlaut kommen die Männer um sechs Uhr abends wieder auf der Engerstraße an.

Damit ist die Revolution im Kempener Land vorbei. Die einflussreichen und wohlhabenden Bürger, die bisher in der Politik mitgemischt haben, sind politisch frustriert. Sie wenden sich der Wirtschaft zu, gründen Handwerksbetriebe und Fabriken, fördern den Bau der Eisenbahn. Erst 1871, nach drei Kriegen mit Dänemark, Österreich und Frankreich, wird Otto von Bismarck den nationalen Traum der Revolutionäre von 1848/49 verwirklichen. Aber das Kaiserreich, das er unter preußischer Führung begründet, ist keine Demokratie, sondern ein autoritärer Staat, der dem Volk kaum Mitspracherechte lässt. Erst nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs am Ende des Ersten Weltkriegs wird mit der Weimarer Republik eine wirkliche Volksherrschaft begründet – die aber nach 14 Jahren von den Nazis beseitigt wird. Erst die Alliierten errichten nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland eine Demokratie auf Dauer.