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Serie - 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (26)

Serie 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (26) : Kempen bekommt Industrie

Allmählich kommt im 19. Jahrhundert in Kempen die Industrialisierung in Gang. Für die einfachen Arbeiter bringt die Frühform der Industriegesellschaft erbärmliche Lebensbedingungen. In der Wirtschaftsleistung überholen ab den 1870er-Jahren Industriebetriebe die Landwirtschaft.

Bis lange ins 19. Jahrhundert hinein sind Landwirtschaft und Handwerk in Kempen die wichtigsten Erwerbszweige. Zu den Handwerkern zählen auch die Hausweber, die meist für Krefelder Textilfabrikanten arbeiten. 1845 wirken hier 158 Meister mit 147 Gehilfen an 305 Hauswebstühlen. Am Wochenende wandern die Webermeister auf dem Krefelder Weg in die Seidenstadt, um dort ihre Arbeit abzuliefern und den Lohn zu empfangen. Dafür haben sie wie an einem Festtag den Gehrock aus schwarzem Tuch angelegt. Auf der Schulter tragen sie den Kettbaum, die hintere schwere Rolle am Webstuhl. Um den ist das abzuliefernde Gewebe aus schwarzem Samt gewickelt. Die Weber freuen sich: Wenn sie abends mit dem Lohn nach Hause kommen, wird eine Flasche Wein auf dem sonst ärmlichen Tisch stehen. Ansonsten ist Schmalhans Küchenmeister. Denn so sieht das Abendessen in der Woche aus: Wenn die zwölfstündige Plackerei vorüber ist, schüttet die Meisterin heißes Brennöl aus der Ölfunzel, die an der Decke hängt, in den Pott mit den ungeschälten, gekochten Kartoffeln. Dicke Rauchschwaden steigen auf, mit abstoßendem Gestank. Auf die Kartoffeln im stinkenden Öl kommen eine Handvoll Salz und eine zerschnittene Zwiebel, und fertig ist die Mahlzeit. Der Hunger treibt’s rein.

Arbeiterleben am Niederrhein um 1850… Die Weberfamilie ist dringend auf die Mitarbeit ihrer Kinder angewiesen, will sie für unsichere Zeiten Rücklagen bilden. Bereits mit vier Jahren werden die Weberkinder ans Spulrad gesetzt, spulen mit der rechten Hand das Garn, das der Webstuhl benötigt, auf Spulen auf. Weil sie dabei nur gebückt sitzen und fortwährend nur den einen Arm bewegen, kommt es bei ihnen häufig zu verstärktem Blutandrang nach Herz, Brust und Kopf. Was zu Benommenheit, Herzklopfen und Schweißausbrüchen führt. Sind sie aus der Schule entlassen, arbeiten sie sofort am Webstuhl. Freizeit und Spiel kommen in ihrer Kindheit nicht vor. Den ganzen Tag verbringen die Weber im Sitzen, ihr Leben lang. Die gebeugte Haltung schwächt den Brustkorb. Durch die einseitige Arbeitshaltung wird der Körper allmählich schief. Viele Weber ziehen sich eine Wirbelsäulenverkrümmung zu. Der Mangel an frischer Luft lässt sie blass und blutarm aussehen. Mit den Füßen bewegen sie die Tritte, die die Webschäfte am Stuhl heben und senken; deshalb haben sie meist krumme Beine. Manche bekommen Tuberkulose durch den Mangel an Frischluft und Bewegung, der das Immunsystem schwächt.

Blass und blutarm sehen die vielen Kinder aus, die zu Hause am Webstuhl oder in den Fabriken schuften. Kinderarbeit ist damals etwas ganz Alltägliches. Im Kreis Kempen arbeiten Kinder und Jugendliche bis zu zwölf Stunden täglich – sechsmal in der Woche. Die Kempener Weberei Hoffmanns & Marx zum Beispiel, so stellt 1843 Landrat Maximilian Foerster fest, beschäftigt auf diese Weise 20 Kinder. Die Firma Hoffmann & Napp zwei Jahre später sogar 30. Hier stehen die meisten an der Kratzenmaschine: Ein Draht mit Dornen, auf einem Lederriemen befestigt, rotiert auf der Maschine und rauht das Gewebe auf, das die Kinder darüber halten. So erhält der Stoff einen weicheren Griff und eine größere Wärme-Isolierfähigkeit. Eine gefährliche Arbeit, wenn ein übermüdetes Kind mit seiner Hand an die rotierenden Dornen kommt! Die Kinder stammen aus armen, vielköpfigen Familien, wo es schwer fällt, sie zu ernähren. Manche kommen aus ärmlichen Eifeldörfern in den Kreis Kempen. In der Fabrik bekommen sie wenigstens regelmäßig zu essen: Man verabreicht ihnen billige Lebensmittel wie dünnen Kaffee, Schwarzbrot und Kartoffeln.

Der Staat versucht, die Auswüchse zu mildern. Allerdings nicht aus Mitgefühl, sondern weil er bei den Kleinen Langzeitschäden verhindern will, denn die könnten sie später untauglich für den Militärdienst machen. Erst mit neun Jahren sollen die Kinder in Fabriken arbeiten, ordnet die Regierung 1839 an, und nicht länger als zehn Stunden täglich. 1853 wird das Mindestalter für Kinderarbeit auf zwölf Jahre heraufgesetzt. Aber zu scharfe Reglementierungen will der Regierungspräsident nicht erlassen, denn schaden will man der aufblühenden Industrie nicht. Kinder sind billige Arbeitskräfte.

An den dampfgetriebenen Spul- und Webmaschinen der Fabriken spielt es keine Rolle, ob ein Erwachsener oder ein Kind sie bedient. Gerade in Kreisen des gehobenen Bürgertums, zu dem die Fabrikanten und die Ton angebenden höheren Beamten gehören, findet man es wichtig, Kinder der unteren Volksschichten an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Zudem seien die „gut gelüfteten und beleuchteten Fabrikräume“ der Gesundheit zuträglicher als das ununterbrochene Sitzen am Spulrad oder am Webstuhl in der verschmutzten und überheizten Weberstube.

Die Weber-Existenz ist von den Launen der Mode und von Konjunktur-Schwankungen abhängig. Wenn die feinen Damen ihre Samtkleider durch Seidenroben ersetzen, steht der Samtwebstuhl still. Eine Krisensituation führt 1828 in Krefeld, von wo viele Kempener Weber ihre Aufträge bekommen, zu einem regelrechten Aufstand. Der Hintergrund: Die Fabrikation glatter Seidenstoffe ist ins Stocken geraten, denn in Zürich und in Lyon sind die Weberlöhne niedriger. Der Export nach Russland und Polen fällt flach, beide Länder haben die Schutzzölle erhöht. Also kündigen die Seidenbarone ihren Fabrikarbeitern eine Lohnkürzung von 15 bis 17 Prozent an. Als die neuen Lohnlisten am 4. November 1828 ausgehängt werden, zieht eine wütende Menge unter Geschrei durch die Straßen und zerteppert unbeliebten Fabrikherren die Fenster; dringt in ihre Wohnungen ein, schlägt die teure Einrichtung entzwei. Ihnen stehen nur fünf Polizisten gegenüber, zu Machtlosigkeit verurteilt. Als am nächsten Abend die Unruhen wieder einsetzen, jagt eine Schwadron Husaren die Demonstranten auseinander. Die Lohnkürzungen betreffen auch Kempener Weber, die an ihrem Webstuhl daheim für Krefelder Fabrikanten arbeiten. Aber sie sind zu wenige, um als Masse auftreten zu können. – Karl Marx hat die Krefelder Unruhen von 1828 später den „ersten Arbeiteraufstand in der deutschen Geschichte“ genannt.

Ein Motor der frühen Industrie in Kempen ist Ferdinand Herfeldt. Aus Uerdingen zugezogen, betreibt der Unternehmer mehrere Projekte. Um 1815 errichtet er an der Engerstraße, im heutigen Gebäude der Commerzbank, eine Ackerwirtschaft mit Branntweinbrennerei. Später wird seine Familie dort eine große Kaffeerösterei betreiben. 1830 eröffnet Herfeldt an der Hülser Straße eine Zuckerrübenfabrik. Hier stellt er Kempens erste Dampfmaschine auf. Aber der Betrieb hält sich nur 15 Jahre, denn die konservativen Bauern sind zu einem vermehrten Anbau von Zuckerrüben nicht zu bewegen, sie fürchten einen Fehlschlag des Unternehmens. Zusätzlich betätigt Herfeldt sich als Lebensmittelhändler.

Zur Ansiedlung und zur Erweiterung brauchen Unternehmen Kapital. Einen wichtigen Impuls zur Entwicklung der örtlichen Wirtschaft liefert die Gründung der Kempener Stadtsparkasse. Am 28. November 1847, noch im Rathaus untergebracht, nimmt sie ihren Geschäftsbetrieb auf. Aus ihr entwickelt sich 1910 die Kreissparkasse Kempen. Zunächst am Moorenring 11 untergebracht, nimmt sie einen rasanten Aufschwung und bezieht am 25. März 1916 – mitten im ersten Weltkrieg – einen Neubau an der Ecke Engerstraße/Donkring. Ein barockes Schlösschen mit zahlreichen Zierelementen, das der Sparkasse Krefeld heute als Immobilien Center Kempen dient. Füllhörner und Bienenkorb über dem Portal fordern zu Sparsamkeit und Bienenfleiß auf.

Drei Faktoren sind es gewesen, die Kempen seit den 1870er Jahren zum Industriestandort gemacht haben: Die Anlage von Überlandstraßen seit 1841; die Gründung der Stadtsparkasse 1847; die Anbindung an das Eisenbahnnetz seit 1863. Im Jahre 1880 kommt die erste mechanische Seidenweberei nach Kempen: Schiller, Crous & Co an der St. Huberter Straße. Bis nach Japan exportiert sie ihre Stoffe. 1908 zählt die Belegschaft 152 Arbeiter, 1927 249. 1882 siedelt sich eine weitere Seidenweberei an: Peter Bircks & Cie., spezialisiert auf hochwertige Futterseiden für das Pelzgewerbe.

Andere Branchen kommen hinzu, ein Industriemix entsteht. So errichtet 1897 die Firma Alex Overmeyer am Donkring eine Fabrikanlage zum Betrieb einer Glasmalerei und Glasschleiferei. Sie stattet beispielsweise das Palasthotel, das spätere Gästehaus der Bundesregierung, auf dem Petersberg bei Königswinter aus, stellt dann im Ersten Weltkrieg wegen des Wegfalls der Auslandskundschaft die Produktion ein. Oder die Elektrochemische Fabrik von Dr. Brandenburg & Weyland, die 1898 ihre Arbeit an der St. Huberter Straße aufnimmt. Ihr Metier: die elektrolytische Entzinnung von Weißblechabfällen. Nur wenige Beispiele von vielen. 26 Industrieunternehmen bestehen in Kempen vor dem Ersten Weltkrieg.

Das wichtigste und größte kam 1901: die Eisenmöbelfabrik L.u.C. Arnold. Neben den Gleisen der Königlich Preußischen Staatseisenbahn bauen die Württemberger aus Schorndorf ein stattliches Zweigwerk, fertigen Stahlrohrmöbel für den Hausgebrauch, rüsten Hospitäler aus. Kempen haben sie als Standort gewählt wegen der guten Verkehrsverbindungen und wegen der Lage zwischen den Hauptabsatzmärkten Niederlande und Ruhrgebiet. Am Oedter Weg entsteht eine Werkswohnsiedlung aus sechs zweigeschossigen Doppelhäusern, je eines für vier Familien. „Schwabenheime“ werden sie im Volksmund genannt.

Gegen die allgemeine Automatisierung kommt die Handarbeit nicht mehr an. In den 1880er Jahren schrumpft die Zahl der Kempener Handweber von 350 auf 120. 1907 legt der letzte sein Weber-Schiffchen für immer aus der Hand.