Serie - 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (21)

Serie - 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (21) : Eine gelähmte und zerstrittene Stadt

Um 1770 ist Kempen ein erzkonservativer, finanziell erschöpfter Ort, und der eigene Kirchturm ist der Nabel der Welt. Die Stadt, die jetzt etwa 3500 Einwohner zählt, liegt im Clinch mit den umliegenden Landgemeinden, den Honschaften. Die städtische Führungsschicht ist zerstritten: untereinander und mit den Beamten der Landesregierung, die in der Burg residieren. Handel und Gewerbe sind in mittelalterlichen Strukturen erstarrt.

Durch Krieg, Pest und vor allem durch religiöse Intoleranz ist der Bürgergeist der Kempener ausgehöhlt. Das öffentliche Leben ist nahezu gelähmt, der Rat zerstritten, die Stadtkasse schreibt rote Zahlen. Allgemeine Unzufriedenheit macht sich breit. Als nach einem verregneten Jahr der Getreidepreis um das Dreifache steigt, bricht am 29. Mai 1771 eine Hungerrevolte los. Aufwiegler verbreiten, die Lebensmittelknappheit sei nicht durch das schlechte Wetter, sondern durch heimliche Aufkäufe seitens der Stadtspitze herbeigeführt worden: Bürgermeister und Rat wollten die von ihnen angehäuften Kornvorräte später zu Wucherpreisen losschlagen. Daraufhin zieht ein wütender Volkshaufen zum Markt, zerschlägt unterwegs bei Bauern Fenster und Türen, plündert eine Scheune. Und beruhigt sich erst, als der Preis des damals üblichen Schwarzbrotes in der ganzen Stadt dramatisch gesenkt wird. Damit die Bäcker jetzt bei dem künstlich herabgesetzten Brotpreis nicht draufzahlen, vergütet der Stadtrat ihnen den Verdienstausfall.

Deutlichstes Zeichen des Niedergangs ist der einstige Stolz der Stadt, die Befestigung. Die Türme haben keine Dächer mehr, und die Stadtmauer ist an vielen Stellen eingestürzt. Einen Nutzen hat die Mauer ohnehin nicht. Gegen die modernen Bronzegeschütze des 18. Jahrhunderts bietet sie keine Abwehr mehr. So lässt der Stadtrat 1773-76 die Ringmauern und Türme mit Bewilligung des Kölner Kurfürsten abbrechen. An die Stelle der acht Meter hohen Wehrmauer aus dem 14. Jahrhundert wird ein Schutzmäuerchen gesetzt, drei Meter hoch, das in Teilen noch heute steht. Mit den Steinen der abgebrochenen Mauer füllt man den inneren der beiden einstigen Wassergräben. Auf der gewonnenen Fläche entsteht Land, das die Stadt als Obst- und Gemüsegärten an den Meistbietenden verpachtet. Der Erlös fließt dem Vermögen des angrenzenden Viertels zu. Hier und da baut sich ein wohlhabender Besitzer ein Gartenhaus, ein „Lusthaus“, wie man das damals nennt. Nach getaner Arbeit nimmt das Erdgeschoss die Geräte auf, und aus dem Fenster im ersten Stock betrachtet die Familie das geleistete Werk. Dazu gibt's dieses neumodische Getränk – wie heißt's doch gleich? Kaffee! Und Kuchen.

Als der innere Graben zugeschüttet ist, folgt eine groteske Schlammschlacht. Unterirdische Schmutzwasserkanäle kennt man damals nicht. Bis jetzt sind die Abwässer der Burg und des Franziskanerklosters unter freiem Himmel durch eine Rinne in der Mitte der abschüssigen Tiefstraße hinab geflossen und von da aus durch einen Durchlass in der Stadtmauer in den Stadtgraben. Aber der wird ja jetzt Stück für Stück zu Gartenland verfüllt. Der Kempener Stadtrat steht in Opposition zu den kurfürstlichen Beamten auf der Burg, zum Amtmann, Schultheißen und Kellner. Die Ratsherren sehen nicht ein, dass sie am Ende der Tiefstraße einen teuren Kanal bauen sollen, der das stinkende Abwasser von Burg und Kloster durch den zugeschütteten Graben hindurch ins Feld transportiert. Also lässt der Rat 1785 die Tiefstraße pflastern und die Rinne in der Straßenmitte beseitigen. Das Abwasser, das von Burg und Kloster kommt, wird jetzt statt über die Tiefstraße über Rinnen an der heutigen Ecke Burgstraße/Thomasstraße in den Graben vor dem Schlossgarten gelenkt.

Nur hat man übersehen, dass das Burggelände höher als sein Umfeld liegt. Das heißt: Das Abwasser fließt nicht richtig ab. Bei Regen bilden sich zu beiden Seiten der neuen Schmutzwasserrinnen stinkende Jauchepfützen. Durch die müssen die Bürger waten, wenn sie zum Gottesdienst in die Paterskirche wollen. Alle Welt beschwert sich, aber ohne Erfolg.

Aus der Mühlen’schen Stiftung von 1778 wurde 1899 das Knabenkonvikt gegenüber der Burg finanziert. Foto: Werner Beckers

Kennzeichnend für den damaligen Zustand der Stadt ist ihr verwahrlostes Straßenbild. Immer wieder hat der kurfürstliche Finanzverwalter, der Kellner Franz Emans, der in der Burg residiert, die Instandsetzung der schadhaften Burgstraße angemahnt. Aber die Stadt sieht sich noch nicht einmal zu einer notdürftigen Reparatur in der Lage. Emans erinnert daran, dass der neu angelegte Verkehrsweg eigentlich als Prachtboulevard gedacht gewesen ist, um den Landesherrn auf seinem Weg vom Engertor zur Burg gebührend zu empfangen. Was für einen erbärmlichen Eindruck würde die löchrige Straße machen, wenn Kurfürst Maximilian Friederich jetzt zu Besuch käme! Die Bürgermeister kümmert das nicht.

Ähnlich sieht’s mit der Kuhstraße aus: 1778 haben sich die Vierder, die Vorsteher des Kuhstraßenviertels, an die längst fällige Pflasterung gemacht. Aber ein uraltes Herkommen sieht vor, dass die Landgemeinden, die sechs Kempener Honschaften, sich an der Unterhaltung der städtischen Straßen zu beteiligen haben. Es sind ja vor allem die Bauern, die mit ihren Karren die städtischen Straßen abnutzen. Die Kuhstraße ist gerade zur Hälfte gepflastert, da untersagt der Kempener Stadtrat die Fortsetzung der Bauarbeiten. Den Honschaften sind die Reparatur-Kosten zu hoch. Ergebnis: Die Kuhstraße bleibt halb fertig liegen. Ihre gepflasterte Hälfte ist höher als die ungepflasterte. Sie bildet eine Stufe. Wenn jetzt ein Wagen durch das Kuhtor in die Stadt rollt, muss man ihn nach 30 Metern mit großer Kraftanstrengung hoch wuchten, um auf den Marktplatz zu gelangen. Kurz: Pfusch ist zum Prinzip der Verwaltung von Stadt und Land Kempen geworden.

Ein anschauliches Kempen-Bild um 1780 hat Friedhelm Weinforth in seiner 1993 erschienenen Stadtgeschichte veröffentlicht. Es stammt aus der Feder eines der wenigen aufgeklärten Bürger, die es damals in der Stadt gab – des Arztes und Apothekers Dr. Otto Heinrich Dinckelberg. Der hat, bevor er sich 1763 in Kempen niederließ, eine ganze Reihe deutscher Städte kennengelernt. Ein weltoffener Mann, der die Kempener Verhältnisse vergleichen kann. Hier einige Auszüge aus Dinckelbergs Statement: „In Krefeld leben Katholiken, Juden, Reformierte, Lutheraner und viele dorthin geflüchtete reiche Mennoniten friedlich miteinander, während in Kempen kein einziger Jude oder Protestant als Bürger geduldet wird. Die Bürgerschaft lebt jahraus, jahrein in verderblichem Hader. In Krefeld gibt es blühende Seidenbandwirkereien, Seifensiedereien und Rauchwarenfabriken, während in Kempen keine einzige Fabrik besteht und der aufgetauchte Plan, eine Fabrik aus öffentlichen Mitteln zu bauen, so heftigen Widerstand beim Stadtrat fand, dass er unausgeführt bleiben musste.“

Gravierend sei der Unterschied in der Ökonomie. Die Krefelder Wirtschaft, so Dinckelberg, werde von Fortschritt und Gewerbefreiheit belebt. In Kempen dagegen herrsche wie im Mittelalter der starre Zunftzwang. Konkret: Jeder Handwerker muss einer Zunft, einer beruflichen Vereinigung, angehören, und die schreibt Handarbeit vor. Das verhindert Innovationen, zum Beispiel die Anschaffung von Maschinen. Um Schulden zu vermeiden, scheuen die Kempener Meister die Aufnahme von Krediten, so dass ihr Betrieb nicht wachsen kann. Sie sprechen untereinander die Preise ab und die Beschaffenheit ihrer Produkte. Das schafft zwar Sicherheit für sie und ihre Kunden. Aber es verhindert Konkurrenz, die das Geschäft beleben würde.

In dieses düstere Bild fallen einige Lichtblicke. Zeitgleich mit dem Abriss der baufälligen Stadtmauer hat man damit begonnen, die vier Hauptstraßen zu pflastern. 1784 bekommt der Marktplatz eine Pflasterdecke. Bis dahin war er nur durch einige mit Steinen befestigte Wege begehbar. Aber es gibt immer noch stinkende Kloaken wie beim „Ferkesmarkt“ an der Ecke Moosgasse/Auf dem Acker. Und am 12. August 1786 rumpelt zum ersten Mal eine Postkutsche, die in Köln gestartet ist, durch Kempen. Dumm nur, dass an der Schloot, wo das preußische Wachtendonk beginnt, der Schlagbaum vor der Karosse `runtergeht. Deutschland zerfällt damals in Kleinstaaten. Erst eine jährliche Gebühr, die die kurkölnische Post dann an die Preußen zahlt, macht dem Wagen den Weg nach Venlo frei.

Trotz allen Streits in der Stadt gibt es immer noch gemeinnützige Bürger. Einer ist der Tuchkaufmann Gerhard Arnold Mühlen. Der Spross einer alten Bauernfamilie wurde 1715 geboren und war „wegen seines lauteren und frommen Charakters hoch angesehen“. Vier Jahre lang war er Ratsbürgermeister, bewohnte das Haus Judenstraße 8, heute: das Ercklentz. Schicksalsschläge – seine Frau und die vier Kinder sterben früh – bringen ihn 1778 dazu, sein Vermögen von 20 000 Talern seinen Mitbürgern zu übereignen. Damit will er armen Mitmenschen helfen und die Ehre Gottes verherrlichen. Das Anfangskapital darf freilich erst in Anspruch genommen werden, sobald die Summe jährlich 1000 Taler abwirft. Daher die Bezeichnung „ewige Stiftung“.

Der Mühlen’sche Fonds hat sich in Kempen als „ewiger Pott“ einen guten Namen gemacht, kamen seine Mittel doch armen Einwohnern zugute, der Caritas, bedürftigen Schülern und Bauarbeiten an der Kirche. Zu den größten Leistungen in Mühlens Namen zählt 1899 die Finanzierung des bischöflichen Knabenkonvikts, auch „Collegium Thomaeum“ genannt, im Hause Ecke Moorenring/ Thomasstraße. Es stand leer, denn sein Besitzer, der Notar und Justizrat Heinrich Josef Schüller, war 1895 nach Köln gezogen. Im Konvikt lebten nun, beaufsichtigt von einem katholischen Geistlichen, einem Präses, bis zum Auszug des Gymnasiums aus der Burg 1925 zwischen 60 und 70 Schüler, die aus dem Kempener Umland kamen. Jeden Morgen zogen sie, ein geistliches Lied auf den Lippen, zum Unterricht in das einstige kurkölnische Kastell. Nach der Schließung des Internats nahm das Gebäude im September 1932 das Thomas-Lyzeum auf, 1938 von den Nationalsozialisten in „Städtische Oberschule für Mädchen“ umbenannt – Vorläufer des heutigen Luise-von-Duesberg-Gymnasiums. Nach dem Bau des Mädchengymnasiums an der Berliner Allee wurde das Grundstück 1963 an die Bundespost verkauft, so dass die heutige Post, 1975/76 errichtet, auf ehemaligem Stiftungsboden steht. Die Mühlen’sche Stiftung besteht heute noch, spielt aber keine große Rolle mehr. Vor allem, weil ihr Geldvermögen großenteils in zwei Inflationen verloren ging.

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