Serie: 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (15)

Serie 725 Jahre Stadtrechte für Kempen (15) : Kempens Niedergang durch Pest und Krieg

Vier Katastrophen haben in dichter Folge aus der stolzen Stadt Kempen, bis dahin das Zentrum zwischen Rhein und Maas, ein ziemlich unwichtiges Landnest gemacht: die Pest im Jahre 1579; die Verheerungen des Kempener Umlandes durch den so genannten Truchsessischen Krieg von 1582 bis 1585; die Vertreibung der tüchtigen Evangelischen seit 1608; schließlich die Eroberung und teilweise Zerstörung des Ortes im Dreißigjährigen Krieg von 1642 bis 1649.

In der Stadt ist’s totenstill. Keine Menschenseele zeigt sich in den Straßen. Nur wenn sich am Abend die Dunkelheit über die Gassen breitet, wird’s vor den Fachwerkhäusern lebendig: Aus den Türen tauchen Gestalten auf, schleppen längliche, in Leintücher gewickelte Bündel heraus, legen sie auf die Straße, ziehen sich ins Haus zurück. Die Fuhrleute, die die Karre begleiten, laden die verhüllten Gestalten auf. Der Ort des Schreckens ist Kempen – unsere Stadt im Jahre 1579.

Es sind Leichen gewesen, die anno 1579 von Freiwilligen auf den Karren geladen und in aller Eile verscharrt worden sind. Denn in jenem Jahr regierte in der Stadt der „Schwarze Tod“. Auf leisen Sohlen war die Pest gekommen und nahm an die 1200 Bürger mit – ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung. So hat’s in seiner Chronik der Vikar Johannes Wilmius überliefert, und dass beispielsweise 32 Bewohnerinnen des Frauenklosters St. Anna an der heutigen Klosterstraße in einem gemeinsamen Grab beigesetzt wurden. Wo die Massengräber von 1579 liegen, ist nach so langer Zeit schwer zu sagen. Auf die Katakomben des Frauenklosters, wo einst die Kapelle des Klosters gestanden hat, stießen im August 1975 städtische Arbeiter und entsorgten die sterblichen Überreste – ohne die gesetzlichen Vorschriften zu beachten – kurzerhand mit dem anderen Erdaushub im Lärmschutzwall des Freibads. Dort dürften sie heute noch ruhen. Gerade drei Totenschädel entriss damals der Landwirt Gottfried Willmen von der Peterstraße dem Räumkommando und deponierte sie in seiner ehemaligen Scheune. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts soll eine Pestgrube bei Ausschachtungsarbeiten an der Rabenstraße zum Vorschein gekommen sein. Der Überlieferung zufolge war der Bestattungsraum so eng, dass die Leichen nicht lang ausgestreckt, sondern schräg aneinander gelehnt waren; ein Skelett eng an das andere gepresst.

Indes ist Kempen schon vorher von Pest-Epidemien heimgesucht worden. Einen Beleg für das Auftreten der Seuche im Jahre 1553 hat Friedhelm Weinforth im ersten Band seiner Stadtgeschichte aufgeführt. Doch ist es sehr wahrscheinlich, dass die Stadt auch im Jahre 1348 – als der „Schwarze Tod“ in ganz Europa zur Geißel der Menschen wurde – nicht verschont geblieben ist.

1580 ist in Kempen das große Sterben vorbei, und die Überlebenden meinen, sie könnten sich wieder ein wenig des Lebens freuen. Da erscheint aus dem Westen neue Bedrückung: Ein Krieg, der auch auf Kempen übergreift. Die Niederlande stehen seit geraumer Zeit unter spanischer Herrschaft. Auch hier kommt es zu protestantischen Strömungen. Dagegen geht der spanische König Philipp II. mit blutiger Strenge vor, überhaupt schränkt er die Rechte der selbstbewussten Niederländer ein. Freiheitskämpfer liefern den spanischen Truppen erbitterten Widerstand.

Bald greifen die Kämpfe zwischen Niederländern und Spaniern auf den Niederrhein über. Zwei Beispiele von vielen: 1582 fallen immer wieder niederländische Scharen ins Kempener Land ein, rauben den Bauern Pferde, Karren und Wagen. 1591 erobern die Niederländer im Handstreich die stark befestigte Kollenburg auf der Willicher Hardt.

Das sind freilich nur Lappalien, verglichen mit dem Unheil, das jetzt auf die Menschen zukommt. Auslöser ist – eine Liebesaffäre. Die Akteure in diesem Melodram: der adlige Gebhard Truchsess von Waldburg, ein attraktiver Mann; im Jahre 1577 ist er mit 30 Jahren zum Erzbischof von Köln gewählt worden und damit Kurfürst und Kempens Landesherr. Und Agnes Gräfin von Mansfeld, sanftmütige Stiftsdame in Gerresheim, heute ein Stadtteil von Düsseldorf. Agnes lebt im dortigen Kanonissenstift – einer klosterähnlichen Anlage für Frauen, die ohne Ablegung von Gelübden ein frommes Leben verbringen. In der Regel eine Versorgungseinrichtung für unverheiratete adelige Töchter. Zeitgenossen rühmen die Mansfelderin als dunkle Schönheit mit tiefbraunen Augen. Ihre Schwester Maria von Sayn holt sie für kurze Zeit nach Köln. Als dort Erzbischof Gebhard mit einer Prozession durch die Straße zieht, sieht er am Fenster eines Palais die dunkle Schönheit, die ihn schon vorher auf einem Bild fasziniert hat. Er erstarrt, und die ganze Prozession stockt. Gebhards Freund, dem Grafen Adolf von Neuenahr, gehört das Schloss zu Moers. Dort baut sich der Kirchenfürst, 32 Jahre jung, mit seiner Angebeteten, 28 Jahre, eine Art Liebesnest. Nur: Gebhard ist ein Erzbischof und Landesherr. Da ist die Affäre zum hoch brisanten Politikum. Agnes’ Brüder drängen auf Heirat. Ein katholischer Erzbischof soll heiraten? Undenkbar! Evangelische Reichsfürsten locken Gebhard zum Übertritt zu ihrer Konfession, dann könnte er doch seine Geliebte ehelichen. Sie haben Erfolg. Am 19. Dezember 1582 tritt Gebhard zum Calvinismus über; er wird evangelisch, verliert damit seine Herrschaftsrechte am katholischen Erzstift Köln. Trotzdem will er Kurfürst und Erzbischof bleiben. Seinen Untertanen stellt er die Wahl ihrer Konfession frei.

Das aber könnte im ganzen Kurfürstentum Köln zum Abfall von der katholischen Kirche führen und zu einer Machtverschiebung im Deutschen Reich. Die katholische Seite kann das nicht zulassen. Kaiser Rudolf II. und Papst Gregor XIII. setzen Gebhard Truchsess als Kurfürsten von Köln und Erzbischof ab. Der findet bei den Evangelischen Bundesgenossen. Mit ihnen stellt er Truppen auf, auch die Niederländer kommen ihm zu Hilfe. Auf der katholischen Seite kämpfen kurkölnische und bayrische Einheiten, von den Spaniern unterstützt. Kurz: Im Mai 1583 entbrennt im Kurfürstentum Köln der „Kölnische“ oder „Truchsessische“ Krieg. Aber dadurch, dass Spanier und Niederländer an ihm teilnehmen, ist er nur ein Nebenkriegsschauplatz des niederländischen Freiheitskampfes. Die Soldaten beider Seiten sind oft und lange ohne Sold, sie gieren deshalb nach Beute. Im Kempener Land werden zahllose Pferde und Kühe geraubt, Frauen geschändet und Männer ermordet. Mühlen, Häuser und Höfe brennen ab, auch die Nikolauskapelle an der Schloot, dem Grenzübergang nach Wachtendonk. – Kurz vor Kriegsausbruch, am 2. Februar 1583, heiratet Gebhard in Bonn seine Geliebte.

Am 19. November 1583 wird bei Hüls die katholische Partei von truchsessischen Truppen vernichtend geschlagen. Die besiegten Söldner ziehen sich auf der alten Heerstraße nach Neuss zurück. Nach der demütigenden Niederlage kühlen sie ihr Mütchen an der wehrlosen Landbevölkerung. Das Willicher Dorf wird bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Vorst wird gleichfalls in Brand gesteckt, es kommt zu einem Massaker an den Dorfbewohnern. Auch Neersen wird gebrandschatzt, Anrath und Schiefbahn werden teilweise zerstört. Die Überlebenden flüchten sich aus den niedergebrannten Orten und Höfen auf die benachbarten Adelssitze oder kampieren im Wald. Weil die Bauern sich kaum noch auf die Felder trauen, werden die Ackerflächen wieder zu Busch. Die Menschen hungern, viele sterben vor Entkräftung. Nur durch den Schutz seiner starken Stadtmauern bleibt Kempen verschont.

Aber es ist praktisch in den Belagerungszustand versetzt. Zwei Jahre lang – 1585 und 1586 – werden die Äcker im Kempener Land nicht bestellt, denn die überlebende Landbevölkerung hat sich in die befestigte Stadt geflüchtet. 80 bewaffnete Männer – Soldaten, Schützen und Bürger – halten sich jede Nacht zur Abwehr eines Angriffs bereit, 40 tagsüber. Die Stadtgräben werden verbreitert. Um sie besser füllen zu können, wird von der St. Töniser Heide der Kendelbach abgeleitet. Erst 1590 sind die letzten Truchsessischen Truppen durch die katholische Seite endgültig besiegt, und es kehrt ein wenig Ruhe ein. Der abgesetzte Kurfürst Gebhard Truchsess stirbt 1601 in Straßburg, wohin er mit seiner Frau ausgewichen ist. Kurköln bleibt beim alten Glauben und in der alten Staatsverfassung. Aber um welchen Preis! Nie zuvor und danach hat ein Krieg so viele Schäden verursacht, so viele Menschen getötet.

Die Gewalttaten durch spanische und niederländische Kriegsvölker dauern an. Dann, am 12. April 1609, schließen die Generalstaaten der Niederlande und das Königreich Spanien in Antwerpen einen zwölfjährigen Waffenstillstand. In Kempen atmet man auf – und geht an die Beseitigung der Kriegsschäden. Sicher kein Zufall, dass in diesem Jahr 1609, in dem die Menschen auf dauerhaften Frieden hoffen, in der Schulstraße eine zusammenhängende Häuserreihe aus sieben Fachwerkhäuschen, zwei- oder dreigeschossig, entsteht. Sie prägen bis heute das Gesicht der malerischen Gasse und gehören zu den beliebtesten Fotomotiven. Aber warum wurden sie als durchgehender Baukörper errichtet – 1609, im Jahr der Friedenshoffnungen?

Die Fachwerk- Häuserzeile in der Schulstraße in Kempen wurde in einer Kriegspause im Jahre 1609 errichtet. Foto: Stephanie Wickerath

Dahinter steckten wohl wirtschaftliche Absichten. Der Krefelder Historiker Christoph Dautermann hat die ursprüngliche Gestalt der Häuser Schulstraße 12 und 13 rekonstruiert, die zunächst ein einziger Baukörper waren. Dautermann stellte fest, dass das Erdgeschoss dieses Hauses durchgehend mit Fenstern versehen war. Er vermutet, dass hier Handwerker lebten, die für ihre Arbeit besonders viel Licht benötigten. Dass im Haus Nr. 18 in der Tat ein Handwerker, ein Schuster, gewohnt hat, erkennt man heute noch an der pfiffigen Inschrift neben dem Türsturz, in der von Leder und Leisten die Rede ist.

Der Schluss liegt nahe, dass hier in der Hoffnung auf eine längere Friedenszeit der gezielte Bau einer Handwerkersiedlung durchgeführt wurde, um von den Meistern, die im Frieden sicher prächtig verdienen würden, gute Pachteinnahmen zu erzielen. Der aus Kempen stammende Architekt und Denkmalpfleger Hans Vogts (1883-1972) hat als Erbauer der Häuserreihe Johann von Broichhausen bezeichnet. Dessen Wappen und das seiner Ehefrau Gertrud von Overheid sind – in übermalter Form – noch heute auf dem 1600 erbauten Haus Nr. 7 sichtbar. Daraus würde sich der zweite alte Namen der Schulstraße erklären, wie er auf Haus Nr. 12 aufgeführt ist und in einer Urkunde vom 10. September 1660 vorkommt: „Bruckersche Straße“. Nach Ansicht des 1980 verstorbenen St. Huberter Heimatforschers Hannes Martens hat an der Stelle dieses Hauses Nr. 12 ein größerer Ackerhof der für die Stadt Kempen bedeutsamen Familie von Broichhausen gelegen, daher wohl der Name Bruckerstraße.

Die Hoffnung auf längeren Frieden hat sich für die Kempener damals nicht erfüllt. Fünf Jahre nach dem zuversichtlichen Bau der Handwerkerhäuser in der Schulstraße, vom 7. bis 9. Dezember 1614, verheeren erneut niederländische Truppen das Kempener Land. Sie sind Verbündete des Kurfürsten von Brandenburg, der im Streit um das Erbe des Herzogtums Kleve-Jülich-Berg mit dem Herzog von Pfalz-Neuburg aneinander geraten ist. Der Brandenburger ist protestantisch und sieht das katholische Kurfürstentum Köln, zu dem Kempen damals gehört, als Feindmacht an.

In diesem Konflikt dauern die Kriegsleiden der Bevölkerung noch lange an. Zumal Spanier und Niederländer trotz des 1609 geschlossenen Waffenstillstands von ihren Stützpunkten aus immer wieder Streifzüge bis ins Kempener Umland unternehmen.

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