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Kempen: Schweigen ist eine Form des Fastens

Kempen : Schweigen ist eine Form des Fastens

Die Benediktinerin Schwester Justina Metzdorf aus der Abtei Mariendonk empfiehlt Menschen, unabhängig vom Glauben zu fasten. Dazu gehöre wesentlich der Verzicht. Er helfe Menschen dabei zu prüfen, wo sie noch frei seien, sagt die promovierte Theologin.

Schwester Justina, haben Sie und Ihre Mitschwestern in der Abtei Mariendonk eigentlich Karneval gefeiert?

Schwester Justina Metzdorf Wir hatten am Rosenmontag — wie in jedem Jahr — eine hausinterne Fastnachtsitzung mit Büttenreden, die selbst gemacht sind. Ich finde das eine schöne Tradition. Ich habe vor meinem Klostereintritt während meines Studiums in der Karnevalshochburg Mainz gelebt, da bleibt etwas hängen. Viele Mitschwestern kommen aus dem Rheinland, und da gehört für sie Fastnacht auch zur Tradition dazu.

Der Karneval auf den Straßen und in den Sälen ist vorbei. Beginnt heute die freudlose Fastenzeit?

Schwester Justina Die Fastenzeit ist keine freudlose Zeit, sondern sie hat im christlichen Verständnis sogar sehr viel mit Freude zu tun. Man könnte die Fastenzeit als die Zeit der Vorfreude auf Ostern bezeichnen. Die Osterfreude ist das, was den christlichen Glauben ausmacht. Und die Fastenzeit ist Vorbereitungszeit auf diese Freude.

Wenn Menschen den Begriff Fastenzeit hören, werden viele zunächst nicht an Freude, sondern an Verzichten denken.

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Schwester Justina Das ist richtig, es gehört in jedem Fall Entbehrung oder Verzicht dazu. Das sind traditionelle Elemente der Fastenzeit. Wenn es aber nur darum ginge, auf etwas zu verzichten oder etwas zu entbehren, dann wäre der Sinn der Fastenzeit eigentlich verfehlt. Fastenzeit ist im christlichen Verständnis eine Zeit der Umkehr, eine Zeit der Besinnung auf das, was wirklich wichtig im Leben ist. Für den Christen ist das hauptsächlich die Beziehung zu Gott. Darüber nachzudenken ist in der Fastenzeit wichtig, und dabei ist der Verzicht ein bewährtes Hilfsmittel.

Können Sie dafür bitte einmal ein Beispiel aus dem Klosteralltag nennen?

Schwester Justina Im Kloster gehört es zum Beispiel in der Fastenzeit dazu, auf vieles Sprechen zu verzichten. Es ist eine allgemein menschliche Erfahrung: Wenn man sehr stark kommuniziert, entweder dadurch, dass man selber viel spricht, oder dass man Eindrücke aufnimmt, die man durch Fernsehen, Radio und die Medien bekommt, hat das viel mit Ablenkung zu tun. Im Kloster wird in der Fastenzeit verstärkt geschwiegen, damit wir besser auf Gott hören können. Wenn ich selbst rede, höre ich nur mich. Wenn ich schweige, kann ich den anderen hören. In diesem Fall ist es das Wort Gottes, mit dem wir uns in der Fastenzeit auch intensiver beschäftigen. Dies geschieht durch die konzentriertere Lektüre der Bibel und auch theologischer Literatur.

Kann ich mir das auch so vorstellen, dass die Schwestern in Mariendonk in der Fastenzeit tatsächlich weniger miteinander sprechen?

Schwester Justina Ja. Wir leben in Mariendonk als Benediktinerinnen nach der Regel des Heiligen Benedikt. Der schreibt in einem Kapitel seiner Ordensregel über die Fastenzeit; das gesamte Leben eines Mönchs oder einer Nonne sollte wie eine Fastenzeit sein. Dem Ordensgründer Benedikt ist schon klar, dass das für Menschen schwer durchzuhalten ist. Daher sagt er: Dann wollen wir wenigstens in der 40-tägigen Fastenzeit deutlicher darauf gucken, was wir eigentlich mit unserem Leben wollen. Das Schweigen prägt das Leben als Ordenschrist bei den Benediktinern. Und in der Fastenzeit ist das noch verstärkt. Wir versuchen eben nur das zu reden, was wirklich notwendig ist. Kleinere Plaudereien am Rande werden reduziert.

Ist es denn für Sie persönlich ein Opfer, dass Sie verstärkt schweigen sollen?

Schwester Justina (lacht) Ich rede eigentlich gerne. Gleichzeitig ist das Reden auch anstrengend, weil ich schon versuche, konzentriert zu sprechen, weil ich versuche, möglichst nicht so viele Worte zu machen. Es heißt ja immer: Lange Rede, kurzer Sinn. Ich versuche: kurze Rede, langer Sinn. Das Schweigen außerhalb der Zeiten, in denen ich von Dienst wegen reden muss, ist für mich schon schwer, weil ich ja erlebe, dass zwischenmenschliche Kommunikation hauptsächlich übers Reden passiert. Zum Beispiel wenn ich einer Schwester, die ich tagsüber nicht oft sehe, begegne und dann nicht sagen kann: "Wie geht es denn?", ist das schon schwierig. Aber es gibt auch andere Formen der Kommunikation: Ein freundliches Grüßen geht auch wortlos.

Würden Sie Menschen außerhalb des Klosters empfehlen, auch einmal mehr zu schweigen? Was hätten die, die es tun, dadurch für einen Mehrwert?

Schwester Justina Ich habe den Eindruck, dass es inzwischen in der Gesellschaft schon durchaus modern ist und wieder gesehen wird, dass man Tage der Stille und Tage des Schweigens hält. Es gibt Angebote, sogar auch nicht-christlicher Art, die zum Schweigen einladen. Schweigen im positiven Sinn ist ja nicht ein Verstummen. Es ist eine Form von Kommunikation mit der Welt, mit sich selbst, Christen würden sagen: es ist eine Form der Kommunikation auch mit Gott. Schweigen führt jeden Einzelnen in die Tiefe seiner Existenz. Wenn Jugendliche hier sind, sage ich ihnen manchmal, sie sollen nicht ständig die Kopfhörer vom I-Pod in den Ohren haben. Dann können sie erleben: Was macht das mit mir? Wer schweigt, kann für das, das um einen herum geschieht, offener werden.

Bedeutet das nicht auch: Verzicht ist nicht nur eine Entbehrung, ein Verlust, sondern man bekommt auch etwas zurück?

Schwester Justina Verzicht ist auch immer die Möglichkeit, seine Freiheiten zu probieren, zu testen, welche Freiheiten habe ich. Man geht eigentlich ins Kloster, um frei zu sein für Gott. Das ist ein wesentliches Motiv. Es ist doch so: Der Alltag schlingt seine Arme um einen, ohne dass man es merkt. Die Fastenzeit ist die Zeit, in der ich prüfen kann: Wo bin ich eigentlich frei? Und genau das kann ich herausbekommen, indem ich auf bestimmte Dinge, die meinen Alltag prägen, verzichte. Es geht also beim Verzicht eher um Freiheit, nicht um Entbehrung. Das Fasten ist eigentlich ein Dreiklang: Es geht zum einen um die Beziehung zu mir. Es geht darum herauszufinden, wie frei bin ich eigentlich noch? Dann gehört in der vorösterlichen Fastenzeit das Beten dazu. Beten, das ist die Beziehung zu Gott. Und das Dritte, das in der christlichen Tradition mit dem etwas antiquierten Wort "Almosen geben" bezeichnet wird, ist die Beziehung zum Nächsten. Die dreifache Beziehung, die ein Mensch hat, also zu Gott, zum Mitmenschen und zu sich selbst, wird durch das Fasten wieder freigelegt, so dass diese Beziehungen wieder laufen.

Fasten hat ja auch die Bedeutung, dass man weniger oder einfacher isst. Wie ist das im Kloster?

Schwester Justina Das Essen insgesamt ist etwas schlichter und einfacher. Zum Essen gehört ja auch eine bestimmte Ästhetik dazu. Ein ganz simples Beispiel ist die Verzierung auf dem Nachtisch. In der Fastenzeit wird das Essen halt in einer schlichteren Art zubereitet. Wir verzichten auch stärker auf Fleisch.

Aus Ihrer ganz persönlichen Sicht, würden Sie Menschen unabhängig vom Glauben generell eine Zeit des Fastens empfehlen?

Schwester Justina Ja. Das kann auch unabhängig von der Osterzeit laufen. Denn es geht beim Fasten um eine Neuorientierung. Das Hauptwort der Fastenzeit ist nicht das Fasten, sondern die Umkehr. Früher war hierfür der Begriff "Buße" üblich. Eigentlich spricht man von der "österlichen Bußzeit". Das Wort für Buße oder Umkehr im Neuen Testament ist ein griechisches Wort, es heißt Metanoia. Das heißt übersetzt: die Dinge noch einmal durchdenken. Die lateinische Entsprechung, convertere, meint in erster Linie sogar ganz wörtlich: sich herumdrehen. Das ist sozusagen ein Blick nach hinten, mit dem ich feststelle: Was ist gelaufen? Muss ich meine Richtung ändern? Man könnte das auch als Perspektivenwechsel bezeichnen. Das wäre ein moderner Begriff für Umkehr. Das kann zu jeder Zeit stattfinden. Also ist Fasten etwas ganz Modernes. Im christlichen Sinn läuft der Perspektivenwechsel in der Fastenzeit natürlich auf eine ganz bestimmte Perspektive hin, auf die Perspektive Gottes.

Christian Heidrich führte das Gespräch